Die neue Konstellation nach 1989

Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band II, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.

Mit dem Ende des Kalten Krieges verschwand die bipolare Struktur, die 44 Jahre lang die Hegel-Rezeption geprägt hatte. Was an ihre Stelle trat, war zunächst unklar.

Im Westen herrschte Triumphstimmung, die bald der Ernüchterung wich. Die „neuen Weltordnung“, die Bush Senior verkündete, erwies sich als instabil. Neue Konflikte brachen aus – auf dem Balkan, im Nahen Osten, später der „Krieg gegen den Terror“. Die liberale Demokratie hatte gewonnen, aber sie wusste nicht, was sie mit dem Sieg anfangen sollte.

Im Osten folgte auf den Zusammenbruch eine schwierige Transformation. Die „Schocktherapie“ des Neoliberalismus führte zu massiver Verarmung, Korruption, Oligarchie. Russland unter Jelzin war ein gescheiterter Staat. Die Nostalgie nach der alten Ordnung wuchs – nicht weil sie gut gewesen wäre, sondern weil die neue so schlecht war.

Die Dritte Welt – nun meist „Globaler Süden“ genannt – erlebte keine Befreiung. Die Hoffnung, dass das Ende des Kalten Krieges auch das Ende neokolonialer Ausbeutung bedeuten würde, erfüllte sich nicht. Die strukturelle Ungleichheit zwischen Nord und Süd blieb, nahm teils sogar zu.

Für die Hegel-Rezeption bedeutete das: Die alten Lager lösten sich auf, neue formierten sich. Der Gegensatz West-Ost wurde weniger wichtig als der Gegensatz Nord-Süd. Der Marxismus verlor seinen staatlichen Rückhalt, aber gewann intellektuelle Freiheit. Die analytische Philosophie öffnete sich für Hegel (Pittsburgh School). Die kritische Theorie transformierte sich (Honneth). Neue Schulen entstanden (Ljubljana). Band III wird diese Entwicklungen darstellen.