Herbert Marcuse - Von der Hegel-Rehabilitierung zur Großen Weigerung (1941-1968)

Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band II, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.

Einordnung: Die Bewegung des Ganzen

Herbert Marcuse (1898-1979) steht für eine andere Linie innerhalb der Frankfurter Schule - nicht die totale Kritik wie Adorno/Horkheimer, sondern den Versuch, die emanzipatorischen Potentiale der Vernunft zu retten. Wo Adorno die Versöhnung verweigerte, suchte Marcuse nach ihr - auch wenn er sie nicht fand. Wo Horkheimer in Pessimismus verfiel, hielt Marcuse an der Hoffnung fest - auch wenn sie immer prekärer wurde.

Die zeitliche Entwicklung zeigt eine Radikalisierung: 1941 publizierte Marcuse „Reason and Revolution“[1] - eine Verteidigung Hegels gegen die Nazi-Vereinnahmung und gegen die amerikanische Missinterpretation. Das Buch war optimistisch: Hegel als kritischer, progressiver Denker, dessen Dialektik zur Veränderung der Gesellschaft drängt. 1954 erschien die deutsche Ausgabe „Vernunft und Revolution“ - und wirkte in der jungen Bundesrepublik.

Aber 1964 folgte „Der eindimensionale Mensch“ - ein Buch von existentieller Verzweiflung. Die fortgeschrittene Industriegesellschaft hatte die Negation erstickt, die Opposition integriert, die kritische Vernunft neutralisiert. Die „Große Weigerung“ war kaum noch möglich. Der Optimismus von 1941 war verflogen.

Und doch: 1968 wurde Marcuse zum „Vater der Studentenbewegung“, zum Inspirator der Revolte, zum Hoffnungsträger einer Generation. Diese Rolle war paradox - denn sein Buch hatte gerade die Unmöglichkeit der Revolution diagnostiziert. Aber genau hier liegt die dialektische Pointe: Theorien über die Unmöglichkeit von Veränderung werden von der Veränderung widerlegt, nicht von anderen Theorien. Die Studenten lasen den „Eindimensionalen Menschen“ nicht als Resignation, sondern als Herausforderung - und widerlegten ihn durch ihre Praxis.

Diese Entwicklung - von Hegel-Rehabilitierung über Verzweiflung zur ungewollten Prophetenrolle - zeigt die Spannung im Marcuseschen Denken: zwischen Theorie und Praxis, zwischen Pessimismus und Hoffnung, zwischen kritischer Analyse und utopischem Impuls.

Geistesgeschichtliche Einordnung: Wer ist Marcuse? Worauf reagiert er?

Herbert Marcuse wurde 1898 in Berlin geboren, in eine assimilierte jüdische Kaufmannsfamilie. Er erlebte den Ersten Weltkrieg als Soldat, begrüßte zunächst die Novemberrevolution 1918, war kurzzeitig in einem Arbeiter- und Soldatenrat - desillusionierte sich aber schnell vom realen Sozialismus. Diese frühe politische Erfahrung prägte ihn: Die Revolution ist möglich - aber sie kann scheitern, verraten werden, umschlagen.

1922 begann er in Freiburg Philosophie zu studieren - bei Husserl und Heidegger. Seine Habilitation 1932 über „Hegels Ontologie und die Theorie der Geschichtlichkeit“[2] versuchte, Hegel und Heidegger zu verbinden - Dialektik und Existenzialontologie. Aber 1933 musste er emigrieren. Die Habilitation wurde nicht anerkannt, die akademische Karriere war beendet.

Im Exil kam Marcuse zum Frankfurter Institut für Sozialforschung - zunächst in Genf, dann in New York. Anders als Adorno und Horkheimer blieb er in den USA - er arbeitete während des Krieges für den amerikanischen Geheimdienst (OSS), später für das State Department. Diese Tätigkeit war nicht opportunistisch - sie war antifaschistischer Kampf mit anderen Mitteln.

Nach dem Krieg wurde Marcuse Professor in den USA - erst an der Brandeis University, dann an der University of California, San Diego. Er blieb Außenseiter - zu marxistisch für die amerikanische Akademie, zu amerikanisch für die deutschen Marxisten. Aber gerade diese Außenseiterposition ermöglichte seine Wirkung: Er konnte kritisch sein, ohne in institutionelle Kompromisse verstrickt zu sein.

Worauf reagiert Marcuse mit seiner Philosophie? Auf drei fundamentale Herausforderungen:

Erstens: Die Nazi-Vereinnahmung Hegels. Die NS-Ideologen hatten Hegel als „Staatsphilosophen“ beschlagnahmt - als Denker der Unterwerfung unter den totalen Staat. Marcuse wollte zeigen: Das Gegenteil ist wahr. Hegel war Philosoph der Freiheit, der Kritik, der Vernunft. Seine Dialektik drängt zur Veränderung, nicht zur Affirmation.

Zweitens: Die Integration der Arbeiterklasse in den Spätkapitalismus. Der klassische Marxismus hatte auf die Revolution durch das Proletariat gesetzt. Aber in den 1950er und 1960er Jahren wurde die Arbeiterklasse wohlhabend, konformistisch, integriert. Der „Wohlfahrtsstaat“ pazifizierte die Opposition. Wo war das revolutionäre Subjekt?

Drittens: Die technologische Rationalität als neue Form der Herrschaft. Die moderne Technik erscheint als neutral, als bloßes Mittel. Aber Marcuse zeigt: Die Technik ist nicht neutral - sie verkörpert Herrschaft. Die Art, wie wir produzieren, wie wir organisieren, wie wir denken - all das ist durchdrungen von einer Rationalität, die Herrschaft stabilisiert.

Die Steelman-Position: Marcuses dialektischer Optimismus

„Vernunft und Revolution“ (1941) - Hegel-Rehabilitierung im Exil

Marcuses erstes Hauptwerk war eine Kampfschrift - geschrieben im amerikanischen Exil, während der Krieg tobte, während Hegel in den USA als „Proto-Nazi“ galt. Das Buch hatte zwei Ziele: Hegel gegen die Nazis zu verteidigen und Hegel den Amerikanern zu erklären.

Die zentrale These: Hegel ist kein Staatsphilosoph im Sinne der Verherrlichung des bestehenden Staates. Seine berühmte Formel „Was vernünftig ist, das ist wirklich; und was wirklich ist, das ist vernünftig“ ist keine Affirmation des Status quo - sie ist Kritik.

Die Pointe liegt im Begriff der „Wirklichkeit“ (Wirklichkeit, nicht Realität). Für Hegel ist nicht alles, was existiert, „wirklich“. Wirklich ist nur, was vernünftig ist - was seiner Idee entspricht, was sein Begriff ist. Das Unvernünftige existiert zwar - aber es ist nicht wirklich, es ist vergänglich, es muss überwunden werden.

Diese Interpretation macht Hegel zum kritischen Denker: Die Philosophie prüft die Existenz an der Vernunft - und verwirft, was nicht vernünftig ist. Die Dialektik ist nicht Rechtfertigung des Bestehenden, sondern Bewegung zu seiner Überwindung.

Die Negation als Zentrum: Marcuse betont die Negativität als Kern der Dialektik. Die bestimmte Negation ist nicht bloße Ablehnung - sie ist Entwicklung. Das Negative treibt vorwärts, es zeigt die Grenzen des Gegenwärtigen, es drängt zu seiner Aufhebung.

Diese Betonung ist gegen zwei Vereinnahmungen gerichtet:

  • Die faschistische: Hegel als Staatsapotheose, als Unterwerfung des Individuums
  • Die positivistische: Hegel als „Metaphysiker“, dessen spekulative Philosophie durch empirische Wissenschaft überholt ist

Marcuse zeigt: Beide Lesarten verfehlen Hegel. Er ist weder Staatsphilosoph noch Metaphysiker - er ist Dialektiker, der die Widersprüche der Gegenwart aufdeckt und ihre Überwindung denkt.

Die Praxis als Ziel: Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf Hegels Praxisphilosophie. Die Philosophie soll nicht nur interpretieren - sie soll verändern. Die Vernunft ist nicht kontemplativ - sie ist praktisch. Die Erkenntnis drängt zur Verwirklichung.

Diese Interpretation verbindet Hegel und Marx: Beide wollen nicht die Welt nur verstehen, sondern sie verändern. Die berühmte 11. Feuerbach-These („Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kömmt drauf an, sie zu verändern“) ist bereits bei Hegel angelegt - auch wenn nicht so radikal formuliert.

Marcuses Hegel ist ein progressiver Hegel - ein Denker der Emanzipation, der Freiheit, der Veränderung. Diese Lesart war 1941 notwendig - gegen die Nazi-Vereinnahmung, gegen die liberale Missinterpretation. Sie rettete Hegel für die kritische Theorie.

„Eros and Civilization“ (1955) - Freud und die Utopie

Nach dem Krieg versuchte Marcuse, Freud und Marx zu verbinden - ähnlich wie die Frankfurter Schule, aber optimistischer. „Eros and Civilization“ argumentiert: Die Triebunterdrückung ist nicht notwendig in dem Maße, wie sie stattfindet.

Die Unterscheidung: Freud hatte vom notwendigen „Triebverzicht“ gesprochen - Kultur entsteht durch Sublimierung, durch Verzicht auf unmittelbare Befriedigung. Marcuse unterscheidet:

  • Basale Unterdrückung (basic repression): Die minimale Unterdrückung, die für jede Gesellschaft notwendig ist
  • Zusätzliche Unterdrückung (surplus repression): Die Unterdrückung, die nur für diese Gesellschaft notwendig ist - für Kapitalismus, für Klassenherrschaft, für entfremdete Arbeit

Die These: In der fortgeschrittenen Industriegesellschaft könnte die zusätzliche Unterdrückung abgeschafft werden. Die Produktivität ist hoch genug, dass nicht mehr alle ständig arbeiten müssen. Die Technik könnte Freizeit ermöglichen, nicht nur Konsumgüter. Aber stattdessen wird die Unterdrückung aufrechterhalten - weil sie dem System dient, nicht weil sie notwendig ist.

Die Utopie: Eine nicht-repressive Zivilisation ist möglich - eine Gesellschaft, in der Arbeit zu Spiel wird, in der Eros befreit ist, in der die Menschen ihre Triebe nicht mehr unterdrücken müssen. Diese Utopie ist nicht Regression ins Primitive - sie ist Fortschritt über die repressive Zivilisation hinaus.

„Der eindimensionale Mensch“ (1964) - Die Diagnose der Integration

Das bekannteste Buch ist zugleich das pessimistischste. Marcuse diagnostiziert: Die fortgeschrittene Industriegesellschaft hat alle Opposition integriert. Die Arbeiterklasse ist nicht mehr revolutionär - sie konsumiert. Die Intellektuellen sind nicht mehr kritisch - sie sind Experten. Die Kultur ist nicht mehr subversiv - sie ist Unterhaltung.

Die „Eindimensionalität“ bedeutet: Die Gesellschaft hat nur noch eine Dimension - Affirmation. Die Negation ist verschwunden. Die Menschen können sich keine Alternative mehr vorstellen. Sie denken in den Kategorien des Systems, sie wünschen, was das System will, sie sind frei nur innerhalb der vom System gesetzten Grenzen.

Die „repressive Toleranz“: Die Gesellschaft ist tolerant - aber diese Toleranz ist repressiv. Sie toleriert alles - und neutralisiert damit alles. Kritik wird zugelassen - und dadurch entschärft. Opposition wird integriert - und dadurch unschädlich gemacht. Die Toleranz ist keine Stärke der Freiheit, sondern eine Technik der Herrschaft.

Die Kulturindustrie (ein Begriff aus der DdA) wird hier konkreter: Die Massenmedien produzieren nicht Information, sondern Konformität. Die Werbung verkauft nicht Produkte, sondern Lebensstile. Die Unterhaltung entspannt nicht, sondern integriert. Alles dient der Reproduktion des Systems.

Die „Große Weigerung“: Gegen diese totale Integration setzt Marcuse die „Große Weigerung“ - das kategorische Nein zum Bestehenden, die absolute Negation, die sich nicht integrieren lässt. Diese Weigerung ist mehr als politischer Protest - sie ist existentielle Haltung, ästhetische Revolte, philosophische Negation.

Das 1968-Paradox: Widerlegung durch Praxis

Marcuses Diagnose von 1964 schien wasserdicht: Das System ist total, die Integration lückenlos, die Opposition unmöglich. Aber 1968 explodierte die Welt - Studentenrevolten in Paris, Berlin, Berkeley, Mexiko-Stadt, Prag. Die „unmögliche“ Revolution fand statt.

Das ist kein Widerspruch zur Theorie - es ist ihre dialektische Bestätigung: Theorien über die Unmöglichkeit von Veränderung werden von der Veränderung widerlegt, nicht von anderen Theorien. Die Praxis korrigiert die Theorie, nicht umgekehrt.

Marcuse reagierte auf 1968 nicht defensiv, sondern mit neuer Hoffnung. Er unterstützte die Bewegungen, sprach auf Demonstrationen, wurde zur Symbolfigur. Seine Theorie hatte die Studenten nicht zur Resignation gebracht - sie hatte sie radikalisiert. Die Diagnose der „Eindimensionalität“ wurde zur Anklage, die „Große Weigerung“ zum Programm.

Die dialektische Pointe: Die Diagnose stimmte und stimmte nicht zugleich. Das System ist integrativ - aber die Integration ist nie total. Es gibt Risse, Widersprüche, Ausbruchsmöglichkeiten. Die eindimensionale Gesellschaft produziert ihre eigenen Gegenkräfte - nicht trotz, sondern wegen ihrer Totalität. Der Druck erzeugt Gegendruck; die Unterdrückung erzeugt Widerstand.

Aufhebung I: Was ist wahr? (Bewahren)

Marcuses Werk enthält fundamentale Wahrheitsmomente:

Erstens: Die Hegel-Rehabilitierung

Marcuse rettete Hegel für die kritische Theorie. Seine Lesart - Hegel als Philosoph der Negation, der Veränderung, der Freiheit - ermöglichte die produktive Rezeption der Nachkriegszeit. Ohne „Reason and Revolution“ wäre Hegel im angloamerikanischen Raum ein toter Hund geblieben - oder schlimmer: ein Nazi-Philosoph.

Die These, dass „Wirklichkeit“ bei Hegel nicht „Realität“ bedeutet, ist korrekt und wichtig. Sie unterscheidet Hegel von simplem Konservatismus und zeigt sein kritisches Potential.

Zweitens: Die Unterscheidung basaler und zusätzlicher Unterdrückung

Diese Unterscheidung ist analytisch fruchtbar. Sie ermöglicht zu fragen: Welche Unterdrückung ist für jede Gesellschaft notwendig - und welche nur für diese? Das ist keine utopische Schwärmerei, sondern präzise Gesellschaftskritik.

Die Frage bleibt relevant: Warum arbeiten Menschen 40 Stunden die Woche, wenn die Produktivität enorm gestiegen ist? Warum gibt es Armut in reichen Gesellschaften? Warum werden Bedürfnisse manipuliert statt befriedigt?

Drittens: Die Diagnose der Eindimensionalität

Die These von der „eindimensionalen Gesellschaft“ beschreibt ein reales Phänomen: die Integration der Opposition, die Neutralisierung der Kritik, die Kolonisierung des Bewusstseins. Diese Diagnose ist heute aktueller denn je - in der Ära von Social Media, personalisierter Werbung, algorithmischer Manipulation.

Die „repressive Toleranz“ ist kein Paradox, sondern Realität: Alles wird toleriert, nichts wird ernst genommen. Die Kritik wird Teil des Systems, das sie kritisiert.

Viertens: Das 1968-Paradox als dialektische Einsicht

Die Einsicht, dass Theorien der Unmöglichkeit durch Praxis widerlegt werden, ist philosophisch wertvoll. Sie zeigt: Geschichte ist offen. Auch die beste Diagnose kann durch Handeln überholt werden. Das ist kein Defizit der Theorie, sondern die Struktur geschichtlicher Wirklichkeit.

Fünftens: Die Bereitschaft zum Engagement

Marcuse blieb nicht bei der Theorie stehen. Er engagierte sich - trotz aller theoretischen Zweifel, trotz der Diagnose der Aussichtslosigkeit. Diese Haltung ist philosophisch integer: Man handelt nicht, weil man den Erfolg garantiert weiß, sondern weil das Handeln richtig ist.

Aufhebung II: Die inneren Widersprüche (Negieren)

Erster Widerspruch: Die Frage des revolutionären Subjekts

Marcuse gab die Arbeiterklasse auf - sie war integriert, konformistisch, eindimensional. Aber wer sollte dann die Revolution machen? Marcuse verwies vage auf „Randgruppen“, auf „Außenseiter“, auf die „noch nicht Integrierten“.

Das Problem: Diese Gruppen sind marginal - per Definition. Sie haben keine soziale Macht, keine ökonomische Basis, keine organisatorische Struktur. Wie sollen sie das System stürzen? Marcuse antwortete nicht - oder nur durch utopische Hoffnung.

Die Studenten von 1968 schienen die Antwort zu sein - aber Marcuse wusste: Sie sind nicht das neue Proletariat. Sie sind privilegiert, temporär rebellisch, letztlich integrierbar. Nach 1968 zeigte sich: Er hatte recht. Die meisten Achtundsechziger wurden zu Lehrern, Anwälten, Managern - integriert ins System, das sie bekämpft hatten.

In Hegels Terminologie: Marcuse verlor die Vermittlung zwischen Theorie und Praxis. Er hatte eine Kritik (das System ist eindimensional) - aber keine Theorie des Übergangs (wie kommt man zur anderen Gesellschaft?). Die revolutionäre Praxis blieb abstrakt, die Alternative vage, das Subjekt unbestimmt.

Zweiter Widerspruch: Die Romantisierung der Triebe

Marcuses Eros-Theorie romantisiert die Triebe. Sie setzt voraus: Wenn die Unterdrückung wegfällt, dann entsteht eine harmonische, nicht-repressive Gesellschaft. Die befreiten Triebe sind spontan gut, kreativ, solidarisch.

Das Problem: Diese Annahme ist naiv. Freud hatte gezeigt: Triebe sind ambivalent - Eros und Thanatos, Liebe und Aggression. Die „Befreiung“ der Triebe kann zu Gewalt führen, nicht zu Harmonie. Die Geschichte zeigt: Revolutionen scheitern oft nicht an zu viel Unterdrückung, sondern an zu wenig - an entfesselter Aggression, an Terror, an Bürgerkrieg.

Marcuse unterschätzt die „basale Unterdrückung“, die notwendig ist. Er träumt von einer Gesellschaft ohne Verzicht - aber kann es sie geben? Jede Sozialität erfordert Verzicht auf unmittelbare Befriedigung. Jede Kultur erfordert Sublimierung. Die Frage ist nicht: Unterdrückung oder keine Unterdrückung - sondern: Welche Form der Sublimierung ermöglicht Freiheit?

In Hegels Terminologie: Marcuse verharrt bei der „abstrakten Negation“ der Unterdrückung. Er negiert sie - aber er entwickelt nicht, welche Form der Vermittlung zwischen Trieb und Kultur möglich ist. Die Alternative bleibt utopisch, nicht konkret; romantisch, nicht dialektisch.

Dritter Widerspruch: Die Unbestimmtheit der Utopie

Marcuse fordert: Utopie denken, Alternativen imaginieren, über das Bestehende hinausgehen. Aber was ist die Alternative konkret? Wie ist die „nicht-repressive Gesellschaft“ organisiert? Wie funktioniert die „befreite Arbeit“? Wer entscheidet, was produziert wird?

Marcuse antwortet nicht - absichtlich. Er will keine „Blaupause“, kein detailliertes Programm. Die Utopie soll offen bleiben, undeterminiert, imaginativ. Jede Konkretisierung wäre Verrat an der Utopie.

Das Problem: Diese Verweigerung macht die Utopie folgenlos. Wenn niemand weiß, wie die Alternative aussieht, wie soll man für sie kämpfen? Wenn die „Große Weigerung“ nur negativ ist (Nein zum Bestehenden), aber nicht positiv (Ja zu Alternativem) - was unterscheidet sie dann von Resignation?

In Hegels Terminologie: Marcuse bleibt beim „abstrakten Sollen“. Er postuliert: „Es soll anders sein“ - aber er zeigt nicht, wie es anders sein könnte. Das Sollen bleibt ohnmächtig, weil es nicht vermittelt ist mit dem Sein. Die Utopie wird zur schönen Seele, die sich über die Welt erhebt, aber sie nicht verändert.

Vierter Widerspruch: Die akademische Privilegierung

Marcuse kritisiert die „eindimensionale“ Gesellschaft - aber er tut dies als Professor an einer Elite-Universität, als Bestsellerautor, als internationaler Star. Seine Kritik erreicht ein Massenpublikum - und wird selbst zur Ware, zum Kulturgut, zum akademischen Kapital.

Marcuse war sich dieser Paradoxie bewusst - aber er konnte sie nicht auflösen. Er kritisierte das System - und lebte von ihm. Er attackierte die Integration - und war selbst integriert. Seine „Große Weigerung“ war real (er blieb Marxist, er unterstützte Proteste) - aber sie war auch begrenzt (er behielt seinen Job, er blieb im System).

Diese Paradoxie ist nicht persönliche Schwäche - sie ist strukturell. Jede radikale Kritik innerhalb des Systems ist in diese Widersprüche verstrickt. Die Frage ist: Wie geht man damit um? Marcuse versuchte, integer zu bleiben - kritisch, aber nicht selbstgerecht; engagiert, aber nicht dogmatisch. Das ist ehrenhaft - aber es löst den Widerspruch nicht.

In Hegels Terminologie: Marcuse reproduziert den Widerspruch, den er kritisiert. Er ist Moment des Systems, das er negieren will. Diese Position ist nicht verwerflich - sie ist die Position jedes kritischen Intellektuellen. Aber sie zeigt die Grenzen der „immanenten Kritik“: Sie kann das System kritisieren, aber nicht transzendieren; sie kann Alternativen imaginieren, aber nicht realisieren.

Aufhebung III: Systematische Einordnung (Höherheben)

Was bleibt von Marcuses Werk?

Die Leistung: Marcuse hat gezeigt, dass kritische Theorie nicht nur negativ sein muss. Sie kann Utopie denken, Hoffnung bewahren, Alternativen imaginieren. Diese Haltung war wichtig - als Korrektiv zu Adornos Pessimismus, als Inspiration für soziale Bewegungen, als Ermutigung zum Widerstand.

Seine Hegel-Rehabilitierung ermöglichte die produktive Rezeption der Nachkriegszeit. Seine Analyse der „repressiven Entsublimierung“ war prophetisch. Seine Diagnose der Eindimensionalität beschreibt unsere Gegenwart präzise. Seine Bereitschaft, sich zu engagieren - trotz aller theoretischen Zweifel - war philosophisch integer und politisch wichtig.

Die dialektische Einsicht von 1968 - dass Theorien der Unmöglichkeit durch Praxis widerlegt werden - ist bleibend wertvoll. Sie bewahrt die Offenheit der Geschichte gegen jeden Determinismus.

Die Grenze: Aber Marcuse konnte nicht zeigen, wie die Utopie realisierbar ist. Seine Kritik war stark, seine Alternative schwach. Er diagnostizierte die Integration - aber er konnte nicht erklären, wie sie dauerhaft zu durchbrechen ist. Er postulierte das revolutionäre Subjekt - aber er fand es nicht. Seine Hoffnung war wichtig - aber sie blieb abstrakt.

Die systematische Aufgabe: Eine zeitgenössische Hegel-Rezeption muss Marcuses Einsichten bewahren:

  1. Utopie denken - nicht als Blueprint, aber als Imagination anderer Möglichkeiten
  2. Hoffnung bewahren - auch wenn die Lage aussichtslos scheint
  3. Engagement zeigen - Theorie mit Praxis verbinden
  4. Integration kritisieren - aber nicht totalisieren
  5. Die Offenheit der Geschichte festhalten - Theorien der Unmöglichkeit sind durch Praxis widerlegbar

Aber diese Integration muss über Marcuse hinausgehen:

  1. Vermittlung entwickeln - zwischen Sein und Sollen, zwischen Kritik und Alternative
  2. Subjekt konkretisieren - nicht Randgruppen, sondern strukturelle Ansatzpunkte
  3. Institutionen denken - nicht nur Negation, auch Konstruktion
  4. Realismus mit Utopie verbinden - was ist möglich, nicht nur was wünschenswert ist

Marcuse bleibt wichtig als Korrektiv zur zynischen Realpolitik und zum resignativen Pessimismus. Seine „Große Weigerung“ ist ein notwendiges Moment - aber sie kann nicht das einzige sein. Die Aufgabe ist: Eine Philosophie zu entwickeln, die kritisch ist ohne hoffnungslos zu sein, die utopisch ist ohne naiv zu sein, die widerständig ist ohne steril zu werden.


  1. Herbert Marcuse: Reason and Revolution. Hegel and the Rise of Social Theory, New York: Oxford University Press, 1941. Deutsche Ausgabe: Vernunft und Revolution. Hegel und die Entstehung der Gesellschaftstheorie, Neuwied: Luchterhand, 1962 (2. Aufl. 1954 wurde zur Grundlage der deutschen Wirkung). ↩︎

  2. Herbert Marcuse: Hegels Ontologie und die Theorie der Geschichtlichkeit, Frankfurt: Klostermann, 1932. Die Arbeit wurde von Heidegger betreut, aber nach 1933 wurde Marcuse klar, dass Heideggers politische Position (Rektoratsrede, NSDAP-Mitgliedschaft) eine Fortsetzung der Zusammenarbeit unmöglich machte. ↩︎