Übergang zu Kapitel 7: Von Paris nach Frankfurt
Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band II, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.
Zur selben Zeit, als in Paris Kojève, Sartre und Lacan Hegel existentialistisch-anthropologisch lasen, entwickelte sich in Frankfurt (und im amerikanischen Exil) eine andere Form der Hegel-Kritik: die Frankfurter Schule.
Auch sie war kritisch gegenüber Hegel – aber aus anderen Gründen:
- Nicht die Subjektkonstitution stand im Zentrum, sondern die Gesellschaftskritik
- Nicht die Phänomenologie, sondern die Logik und Rechtsphilosophie wurden rezipiert
- Nicht der Kampf um Anerkennung, sondern die Dialektik von Aufklärung und Barbarei
Die Frage, die sich stellt: Hat die Frankfurter Schule den blinden Fleck der französischen Rezeption vermieden? Oder geriet sie in dieselbe Aporie – nur auf anderem Weg?
Wir werden sehen: Die Frankfurter lasen mehr von Hegel (auch die Logik, auch die Rechtsphilosophie). Aber sie zogen andere Konsequenzen: Nicht Anthropologisierung, sondern Negativierung. Die Dialektik wurde zur „negativen Dialektik“ – zur Kritik ohne Konstruktion, zur Negation ohne Aufhebung.
Die Frage wird sein: Ist das ein Fortschritt gegenüber der französischen Rezeption – oder eine andere Form derselben Einseitigkeit? Und was müsste eine Hegel-Interpretation leisten, die beide überwindet?