Die Neue Sachlichkeit - Kühle Rationalität nach dem Expressionismus

Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band I, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.

Die „Neue Sachlichkeit“ - ein Begriff, der 1923 vom Kunstkritiker Gustav Hartlaub geprägt wurde - bezeichnete eine Tendenz in Malerei, Literatur und Architektur, die sich vom Expressionismus abwandte. Statt Emotion: Kühle. Statt Innerlichkeit: Beobachtung. Statt Vision: Dokumentation.

Die systematische Grundidee: Die Neue Sachlichkeit reagierte auf die Inflation der Gefühle im Expressionismus. Der Krieg hatte gezeigt, wohin die Beschwörung von „Erlebnis“ und „Intensität“ führen kann. Dagegen setzte die Neue Sachlichkeit auf nüchterne Analyse, präzise Beobachtung, distanzierte Darstellung.

Die Paradoxie: Die Neue Sachlichkeit war zugleich Kritik und Fortsetzung des Hegelschen Projekts. Kritik, insofern sie auf alle „Versöhnung“ verzichtete - die Welt wurde gezeigt, wie sie ist, nicht wie sie sein sollte. Fortsetzung, insofern sie auf Rationalität setzte - die genaue Beobachtung sollte zur Erkenntnis führen, auch wenn diese Erkenntnis keine tröstliche war.

Brecht und das epische Theater: Bertolt Brechts „episches Theater“ war die theatralische Variante der Neuen Sachlichkeit. Der „Verfremdungseffekt“ sollte verhindern, dass der Zuschauer sich emotional identifiziert - er sollte denken statt fühlen, analysieren statt mitleiden. Das Theater wurde zur „moralischen Anstalt“ im aufklärerischen Sinne - zur Schule der Rationalität.