Der Wiener Kreis (1920er-1930er Jahre) - Logischer Empirismus und die "Überwindung der Metaphysik"

Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band I, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.

Der Wiener Kreis um Moritz Schlick und Rudolf Carnap entwickelte die systematischste und einflussreichste positivistische Kritik der Metaphysik im 20. Jahrhundert. Was bei Comte als geschichtsphilosophische These begann und bei Mach zur erkenntnistheoretischen Position wurde, radikalisierten die logischen Empiristen zur sprachanalytischen Methode. Ihr Programm der „Überwindung der Metaphysik durch logische Analyse der Sprache“ richtete sich explizit gegen Hegel als Paradebeispiel metaphysischer Sinnlosigkeit.

Entstehung und intellektueller Kontext

Der Wiener Kreis formierte sich ab 1924 um Moritz Schlick, der 1922 den Lehrstuhl für Philosophie der induktiven Wissenschaften an der Universität Wien übernommen hatte. Zu den Kernmitgliedern gehörten Rudolf Carnap, Otto Neurath, Friedrich Waismann, Herbert Feigl und Kurt Gödel (der allerdings eine kritische Distanz wahrte).[1]

Das intellektuelle Klima war geprägt von drei Entwicklungen:

1. Die logische Revolution: Frege, Russell und Whitehead hatten mit der mathematischen Logik ein präzises Instrument geschaffen, um begriffliche Strukturen zu analysieren. Die „Principia Mathematica“ (1910-1913) zeigten, dass Mathematik auf Logik reduzierbar sei. Diese Logik sollte nun als Werkzeug der Philosophie dienen.

2. Einsteins Relativitätstheorie: Die Revolutionierung der Physik zeigte, dass scheinbar „a priori gewisse“ Annahmen (absolute Zeit, euklidische Geometrie) empirisch widerlegt werden konnten. Dies stärkte die empiristische Position: Auch fundamentale Prinzipien müssen empirisch überprüfbar sein.

3. Wittgensteins Tractatus: Ludwig Wittgensteins „Tractatus Logico-Philosophicus“ (1921) bot eine sprachphilosophische Grundlegung, die der Wiener Kreis (teilweise missverständlich) als Manifest des logischen Empirismus interpretierte. Die berühmte Schlussthese „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen“ wurde zum Motto gegen die Metaphysik.[2]

Das Verifikationsprinzip als Demarkationskriterium

Das Kernprinzip des Wiener Kreises war das Verifikationsprinzip: Eine Aussage ist nur dann sinnvoll, wenn sie entweder (a) analytisch wahr durch logische oder mathematische Definitionen ist oder (b) empirisch verifizierbar ist durch Beobachtung.[3]

Dieses Prinzip teilte alle Aussagen in drei Klassen:

1. Analytische Aussagen (logisch oder mathematisch wahr): „Alle Junggesellen sind unverheiratet“ oder „2+2=4“. Diese sind notwendig wahr, aber inhaltsleer - sie explizieren nur die Bedeutung der verwendeten Begriffe, sagen aber nichts über die Welt.

2. Synthetische, empirisch verifizierbare Aussagen: „Es regnet in Wien“ oder „Wasser kocht bei 100°C“. Diese sind kontingent (könnten auch falsch sein), aber gehaltvoll - sie machen Behauptungen über die Welt, die durch Beobachtung überprüft werden können.

3. Metaphysische Scheinaussagen: Alle Aussagen, die weder analytisch noch empirisch verifizierbar sind, sind sinnlos. Sie sehen aus wie Aussagen, sind aber nur grammatisch korrekte Wortfolgen ohne Bedeutung.

Carnaps „Überwindung der Metaphysik“ - Hegel als Hauptgegner

Rudolf Carnap formulierte 1931 in seinem berühmten Aufsatz „Überwindung der Metaphysik durch logische Analyse der Sprache“ die radikalste Kritik an Hegel.[4]

Carnaps Methode war linguistisch: Er analysierte konkrete metaphysische Sätze und zeigte, dass sie gegen die Regeln sinnvoller Sprachverwendung verstoßen. Als Hauptbeispiel wählte er Heidegger („Das Nichts nichtet“), aber Hegel war der implizite Hauptgegner.

Carnaps Hegel-Kritik konzentrierte sich auf drei Punkte:

1. Scheinbegriffe ohne empirischen Gehalt: Begriffe wie „das Absolute“, „der Weltgeist“, „das An-sich-Seiende“ haben keine empirische Verankerung. Es gibt keine Beobachtung, die zeigen könnte, was diese Begriffe bezeichnen. Sie sind daher keine Begriffe, sondern Leerformeln.

2. Scheinaussagen ohne Wahrheitswert: Hegelsche Sätze wie „Das reine Sein und das reine Nichts ist dasselbe“ sehen aus wie Aussagen, sind aber logisch defekt. Sie können weder wahr noch falsch sein, weil ihre Bestandteile keine Bedeutung haben. Sie sind grammatisch korrekt, aber semantisch leer - „Scheinaussagen“.

3. Die Verwechslung von Ausdrucks- und Darstellungsfunktion: Metaphysische Texte drücken ein „Lebensgefühl“ aus (wie Musik oder Lyrik), geben sich aber als theoretische Erkenntnis aus. Hegel verwechselt systematisch die emotionale Wirkung seiner Formulierungen mit ihrem kognitiven Gehalt.

Carnap zitiert als Beispiel einen Satz aus Hegels „Wissenschaft der Logik“:

„Das reine Sein macht den Anfang, weil es sowohl reiner Gedanke, als das unbestimmte einfache Unmittelbare ist, der erste Anfang aber nichts Vermitteltes und weiter Bestimmtes sein kann.“[5]

Carnaps Analyse: Dieser Satz ist eine Aneinanderreihung von Wörtern, die einzeln vielleicht eine Bedeutung haben könnten, aber in dieser Kombination keinen verifizierbaren Sinn ergeben. „Reiner Gedanke“ - was für eine Beobachtung würde zeigen, dass etwas ein „reiner“ (und nicht „unreiner“) Gedanke ist? „Unbestimmtes Unmittelbares“ - wie würde man empirisch feststellen, ob etwas „unbestimmt“ ist?

Schlicks erkenntnistheoretische Fundierung

Moritz Schlick, der philosophische Kopf des Kreises, entwickelte die erkenntnistheoretische Grundlegung. In „Allgemeine Erkenntnislehre“ (1918, revidiert 1925) und in Aufsätzen wie „Bedeutung und Verifikation“ (1936) argumentierte er, dass Bedeutung und Verifikationsmethode identisch sind.[6]

Schlicks Argument: Wenn wir die Bedeutung eines Satzes verstehen, müssen wir wissen, unter welchen Umständen er wahr oder falsch wäre. Diese Umstände sind die empirischen Bedingungen seiner Verifikation. Ein Satz, für den wir keine Verifikationsbedingungen angeben können, ist daher bedeutungslos.

Angewendet auf Hegel: Hegels Sätze über „das Absolute“, „die absolute Idee“ oder „den sich selbst wissenden Begriff“ können nicht verifiziert werden. Es gibt keine empirische Situation, in der wir feststellen könnten: „Ja, hier manifestiert sich das Absolute“ oder „Nein, hier nicht“. Daher sind diese Sätze sinnlos.

Die systematischen Grenzen des logischen Empirismus

Die Kritik des Wiener Kreises erwies sich als selbstwiderlegend. Drei fundamentale Probleme zeigten sich:

1. Das Verifikationsprinzip ist selbst nicht verifizierbar: Das Prinzip „Nur empirisch verifizierbare Aussagen sind sinnvoll“ ist selbst weder analytisch noch empirisch verifizierbar. Es ist eine metaphysische These über die Bedingungen von Sinnhaftigkeit - genau das, was es verbieten will. Carl Hempel formulierte dieses Problem als „Das Verifikationskriterium der Bedeutung“ bereits 1950.[7]

2. Die Dichotomie von analytisch/synthetisch ist unhaltbar: W.V.O. Quines berühmter Aufsatz „Zwei Dogmen des Empirismus“ (1951) zeigte, dass die strikte Trennung von analytischen und synthetischen Aussagen nicht aufrechterhalten werden kann. Alle Aussagen sind in einem „Netz von Überzeugungen“ eingebettet und können prinzipiell revidiert werden - auch scheinbar analytische Wahrheiten.[8]

3. Die holistische Struktur der Theoriebildung: Wissenschaftliche Theorien werden nicht Satz für Satz verifiziert, sondern als Ganze an der Erfahrung getestet. Einzelne theoretische Begriffe (wie „Elektron“ oder „Gravitationsfeld“) sind nicht direkt verifizierbar, aber als Teil erfolgreicher Theorien legitim. Die scharfe Trennung von „sinnvoll“ und „sinnlos“ ist zu grob.

Die verfehlte Hegel-Kritik

Die Kritik des Wiener Kreises traf ein Zerrbild Hegels, das die methodische Dimension seiner Logik übersah:

1. Hegels Logik ist keine Metaphysik des An-sich-Seienden: Wie die hier entwickelte Interpretation zeigt, versteht Hegel die Logik nicht als Ontologie eines unabhängig vom Denken existierenden Absoluten, sondern als Explikation der Strukturen rationaler Praxis. Die „Kategorien“ sind Formen, in denen sich Erfahrung strukturiert, nicht jenseitige Entitäten.

2. Die „dialektische Bewegung“ ist keine mystische Selbstentfaltung: Hegels These, dass Begriffe „in sich selbst“ in ihre Gegensätze übergehen, ist keine metaphysische Behauptung, sondern methodische Reflexion auf die immanenten Widersprüche, die sich zeigen, wenn wir einen Begriff konsequent durchdenken. Die „Bewegung“ ist die Bewegung unseres Denkens, das Inkonsistenzen entdeckt und auflöst.

3. Die Logik als Rekonstruktion unserer Praxis: Hegels Logik ist keine empirische Theorie über die Welt im Sinne einer Naturwissenschaft, aber sie ist auch keine transzendentale Bedingung, die „jeder Erfahrung vorausliegt“. Sie rekonstruiert vielmehr, was wir schon immer tun, wenn wir über die Welt nachdenken. Der implizite Ausgangspunkt ist unser Handlungszusammenhang aus Denken und Handeln in der Welt und unsere Erfahrung dabei.

Darum ist selbstverständlich der Maßstab, an dem die Logik gemessen werden kann, ob sie tatsächlich unser Denken und unsere Wahrheitssuche beschreibt und durch deren Erkennen hilft, und ob sie denkend intersubjektiv nachvollzogen werden kann. Daran findet die innere Entwicklung der Darstellung ihre Motivation und daran kann sie gemessen werden - und auch weiterentwickelt, wenn sich Widersprüche, Grenzen, Übersehenes oder gar Fehler zeigen.

Die Kategorien der Logik sind nicht jenseitig-metaphysische Entitäten, die empirisch verifiziert werden müssten, aber sie sind auch nicht apriorische Strukturen unabhängig von aller Erfahrung. Sie sind die Formen, in denen sich rationale Praxis strukturiert. Die „Widerständigkeit der Erfahrung“[9] ist konstitutives Moment der Logik, nicht äußerliche Störung.

Gegen Carnaps Behauptung, Hegelsche Sätze hätten „keine Bedeutung“, steht die eindrucksvolle Realität: Das Glossar zum Logikkommentar zeigt systematisch, dass jeder Begriff Hegels präzise Bedeutung hat - allerdings keine, die sich in einfachen empirischen Beobachtungen erschöpft. Ebenso beschreibt Hegel ausdrücklich auch gerade die Beziehung zwischen den Worten auch und gerade in Sätzen (in seiner Lehre vom subjektiven Begriff, der Urteilslehre).

Die Forderung nach empirischer Verifikation trifft also ein Zerrbild Hegels. Die richtige Frage wäre: Erfasst Hegels Logik die Strukturen rationaler Praxis? Ermöglicht sie besseres Verstehen? Führt sie zu produktiven Einsichten? An diesen Kriterien - nicht an direkter empirischer Verifikation einzelner Sätze - muss sie gemessen werden.

Die berechtigte Forderung nach Präzision

Trotz der verfehlten Hegel-Kritik erfasste der Wiener Kreis eine berechtigte Forderung: begriffliche Klarheit und methodische Präzision. Philosophie kann nicht einfach in dunklen Andeutungen verbleiben, sondern muss ihre Begriffe klären und ihre Argumente explizit machen.

Diese Forderung findet sich - entgegen der Polemik des Wiener Kreises - bereits in Hegels systematischem Vorgehen. Die „Wissenschaft der Logik“ ist ein Musterbeispiel methodischer Genauigkeit: Jeder Übergang wird begründet, jede Kategorie wird in ihrer Notwendigkeit gezeigt, jede Inkonsistenz wird aufgedeckt und aufgelöst.

Die hier entwickelte Hegel-Rekonstruktion nimmt die Forderung nach Präzision ernst: Die performative Methode, die vier Grundoperationen, die neun ethischen Kriterien sind Versuche, Hegels Einsichten so zu explizieren, dass ihre logische Struktur nachvollziehbar wird. Dies ist keine Aufgabe gegen Hegel, sondern im Geist seiner eigenen Methode.

Historische Wirkung und systematische Grenzen - Von der Auflösung zur Transformation

Das gewaltsame Ende: Terror und Emigration

Der Wiener Kreis wurde nicht durch philosophische Argumente aufgelöst, sondern durch politische Gewalt zerschlagen. Moritz Schlick wurde am 22. Juni 1936 von einem ehemaligen Studenten auf der Philosophenstiege der Universität Wien ermordet - ein Attentat, das im aufgeheizten Klima des aufkommenden Faschismus erfolgte und von rechtsgerichteten Kreisen teilweise begrüßt wurde.[10]

Die nationalsozialistische Machtergreifung in Österreich (1938) erzwang die Emigration der meisten Mitglieder. Rudolf Carnap war bereits 1935 nach Chicago emigriert. Otto Neurath floh über die Niederlande nach England. Herbert Feigl, Carl Gustav Hempel, Hans Reichenbach und andere fanden Zuflucht in den USA. Nur wenige überlebten in Europa - viele unter prekären Bedingungen, manche im Untergrund.

Diese Zerstreuung hatte paradoxe Folgen: Der Wiener Kreis als Institution wurde vernichtet, aber seine Ideen verbreiteten sich weltweit. Die Emigranten prägten die analytische Philosophie der Nachkriegszeit in den USA fundamental - Harvard, Princeton, Chicago, Berkeley wurden zu Zentren des logischen Empirismus. Was in Wien als lokale Bewegung begonnen hatte, wurde zur dominanten Strömung der anglo-amerikanischen Philosophie.

Die innere Auflösung: Selbstkritik und Transformation

Doch die Emigration fiel zeitlich zusammen mit einer inneren Auflösung des ursprünglichen Programms. Die radikalen Thesen des frühen logischen Empirismus erwiesen sich als unhaltbar - und zwar nicht primär durch externe Kritik, sondern durch immanente Probleme:

1. Das Verifikationsprinzip widerlegt sich selbst: Das Prinzip „Eine Aussage ist nur dann sinnvoll, wenn sie empirisch verifizierbar ist“ ist selbst nicht empirisch verifizierbar. Es ist eine philosophische These, die nach ihren eigenen Kriterien sinnlos sein müsste. Die „wissenschaftliche Weltauffassung“ konnte ihre eigenen Grundlagen nicht rechtfertigen.[11]

2. Die Protokollsatzdebatte führte in die Aporie: Die Reduktion aller Aussagen auf Protokollsätze erwies sich als undurchführbar. Carnap, Neurath und Schlick konnten sich nicht einigen, was Protokollsätze überhaupt sind. Die angestrebte sichere Basis der Erkenntnis blieb ein unerreichtes Ideal.

3. Die analytisch-synthetisch-Dichotomie erwies sich als fragwürdig: Quines „Two Dogmas of Empiricism“ (1951) zeigte, dass die scharfe Trennung von analytischen (begrifflich wahren) und synthetischen (empirisch wahren) Aussagen nicht haltbar ist. Auch scheinbar rein logische Wahrheiten haben empirische Implikationen.[12]

4. Die Theorie-Beladenheit der Beobachtung: Hanson, Kuhn und Feyerabend zeigten, dass es keine „reine“ Beobachtung gibt. Jede Beobachtung ist bereits theoriegeladen. Die Trennung von Beobachtungssprache und theoretischer Sprache ist künstlich.

5. Die historische Dimension der Wissenschaft: Kuhns „Structure of Scientific Revolutions“ (1962) demonstrierte, dass wissenschaftliche Entwicklung nicht durch kumulative Verifikation erfolgt, sondern durch paradigmatische Umbrüche. Die Trennung von „Kontext der Entdeckung“ und „Kontext der Rechtfertigung“ verfehlte die historische Realität der Wissenschaft.[13]

Diese Selbstauflösung war keine bloße Kapitulation, sondern produktive Transformation. Carnap, Neurath und andere modifizierten ihre Positionen zunehmend - schwächten Thesen ab, differenzierten Begriffe, entwickelten pragmatischere Konzeptionen. Was als revolutionäres Programm mit quasi-mathematischer Strenge begonnen hatte, mündete in nuancierte wissenschaftstheoretische Analysen.

Die bleibenden Verdienste

Trotz des Scheiterns des ursprünglichen Programms blieben zentrale Errungenschaften des Wiener Kreises prägend:

1. Begriffliche Klarheit als Ideal: Die Forderung, philosophische Begriffe präzise zu definieren und mehrdeutige Formulierungen zu vermeiden, wurde zum Standard analytischer Philosophie.

2. Logische Analyse als Methode: Die Verwendung moderner Logik zur Klärung philosophischer Probleme etablierte sich als legitimes Verfahren - auch wenn die Hoffnung auf vollständige Formalisierung aufgegeben wurde.

3. Orientierung an empirischen Wissenschaften: Die enge Verbindung von Philosophie und Wissenschaft (Physik, Biologie, Psychologie) prägte die Wissenschaftstheorie nachhaltig.

4. Anti-Metaphysik als kritisches Prinzip: Die Skepsis gegenüber unbegründeten metaphysischen Behauptungen blieb ein wichtiges Korrektiv - auch wenn die radikale Elimination aller Metaphysik als unmöglich erkannt wurde.

Diese Errungenschaften bilden eine bleibende Herausforderung für jede Form systematischer Philosophie - auch für zeitgenössische Hegel-Interpretationen. Eine adäquate Hegel-Rezeption muss zeigen können, dass dialektisches Denken diesen berechtigten Forderungen genügt: begriffliche Präzision (wenn auch nicht Formalisierung), Bezug zur Erfahrung (wenn auch nicht naive Verifikation), kritische Reflexion (wenn auch nicht pauschale Metaphysik-Eliminierung).

Die Überleitung: Wittgensteins radikale Wende

Die systematischen Grenzen des logischen Empirismus wurden von verschiedenen Seiten aufgezeigt - aber niemand vollzog eine radikalere Selbstkritik als Ludwig Wittgenstein, dessen „Tractatus“ den Wiener Kreis inspiriert hatte.

In den späten 1920er Jahren, nach seiner Rückkehr nach Cambridge, begann Wittgenstein seine eigene frühere Position fundamental zu kritisieren. Die Idee einer logisch perfekten Sprache, die die logische Struktur der Wirklichkeit abbildet, erschien ihm nun als philosophische Illusion.

Diese Wende war nicht graduell, sondern radikal:

  • Nicht eine Logik der Sprache, sondern eine Pluralität von „Sprachspielen“
  • Nicht Abbildung von Tatsachen, sondern Gebrauch in Praktiken
  • Nicht Erklärung durch Theorie, sondern Beschreibung von Verwendungsweisen
  • Nicht Begründung auf letzten Fundamenten, sondern Klärung von Missverständnissen
  • Nicht System, sondern therapeutische Auflösung philosophischer Probleme

Diese Transformation war nicht nur methodisch, sondern existenziell. Wittgenstein erkannte: Die Suche nach den letzten Grundlagen, nach der einen wahren Logik, nach der vollständigen Analyse ist selbst ein Kategorienfehler - der Versuch, die pluralen Praktiken der Sprache auf ein einheitliches Schema zu reduzieren.

Die ironische Annäherung an Hegel

Diese Wende markierte zugleich - ohne dass Wittgenstein es beabsichtigte oder wusste - eine Annäherung an Einsichten, die Hegel auf andere Weise entwickelt hatte:

  • Die Pluralität der Vernunftformen (verschiedene Sprachspiele / verschiedene Gestalten des Geistes)
  • Die Kontextabhängigkeit von Bedeutung (Gebrauch in Lebensformen / Vermittlung durch soziale Praxis)
  • Die Kritik abstrakter Universalität (keine reine Logik / keine abstrakten Kategorien)
  • Die Priorität der konkreten Praxis (Sprachspiele als Lebensformen / objektiver Geist als Sittlichkeit)

Aber Wittgenstein vollzog diese Wende ohne Hegel gelesen zu haben - und ohne dessen systematischen Anspruch zu teilen. Wo Hegel die Pluralität der Formen in einer dialektischen Entwicklung integriert, belässt Wittgenstein sie in ihrer Diversität. Wo Hegel die immanente Logik der Vermittlung expliziert, beschreibt Wittgenstein nur die faktischen Verwendungen. Wo Hegel System anstrebt, praktiziert Wittgenstein Therapie.

Die Frage, die sich stellt: Ist Wittgensteins Verzicht auf System eine Überwindung Hegels - oder ein Rückfall hinter Einsichten, die Hegel bereits entwickelt hatte? Liegt in der „Familienähnlichkeit“ der Sprachspiele nicht die gleiche Struktur wie in Hegels „konkreter Allgemeinheit“? Ist Wittgensteins „Therapie“ nicht selbst eine Form von Philosophie, die ihre eigenen systematischen Voraussetzungen nicht reflektiert?

Diese Fragen führen uns zum späten Wittgenstein - und zur Möglichkeit einer produktiven Konfrontation zwischen analytischer Sprachphilosophie und dialektischer Logik.


  1. Zur Geschichte des Wiener Kreises vgl. Friedrich Stadler: Der Wiener Kreis. Ursprung, Entwicklung und Wirkung des logischen Empirismus im Kontext, Wien: Springer, 1997 (2. Aufl. 2015). ↩︎

  2. Ludwig Wittgenstein: Tractatus Logico-Philosophicus, London: Routledge, 1921 (dt. 1963), These 7. ↩︎

  3. Moritz Schlick: „Meaning and Verification“, in: The Philosophical Review 45 (1936), S. 339-369. ↩︎

  4. Rudolf Carnap: „Überwindung der Metaphysik durch logische Analyse der Sprache“, in: Erkenntnis 2 (1931), S. 219-241. ↩︎

  5. G.W.F. Hegel: Wissenschaft der Logik I, in: Werke Bd. 5, Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1969, S. 82. Zitiert nach Carnap (1931), S. 229. ↩︎

  6. Moritz Schlick: Allgemeine Erkenntnislehre, Berlin: Springer, 1918 (2. Aufl. 1925); ders.: „Meaning and Verification“ (1936). ↩︎

  7. Carl G. Hempel: „Problems and Changes in the Empiricist Criterion of Meaning“, in: Revue Internationale de Philosophie 11 (1950), S. 41-63. ↩︎

  8. W.V.O. Quine: „Two Dogmas of Empiricism“, in: The Philosophical Review 60 (1951), S. 20-43. ↩︎

  9. Hegels Wissenschaft der Logik (in Vorbereitung), Kap. 7.6 ↩︎

  10. Der Mörder, Johann Nelböck, wurde zu nur 10 Jahren Haft verurteilt und nach kurzer Zeit begnadigt. In der Atmosphäre des austrofaschistischen Ständestaates wurde die Tat teilweise als gerechtfertigte Reaktion gegen den „jüdischen Bolschewismus“ dargestellt - obwohl Schlick weder jüdisch noch kommunistisch war. ↩︎

  11. Carl G. Hempel: „Problems and Changes in the Empiricist Criterion of Meaning“, in: Revue Internationale de Philosophie 4 (1950), S. 41-63. Hempel, selbst ursprünglich Anhänger des Verifikationismus, zeigt dessen Unhaltbarkeit. ↩︎

  12. Willard Van Orman Quine: „Two Dogmas of Empiricism“, in: Philosophical Review 60 (1951), S. 20-43. Einer der einflussreichsten Aufsätze der analytischen Philosophie. ↩︎

  13. Thomas S. Kuhn: The Structure of Scientific Revolutions, Chicago: University of Chicago Press, 1962. Revolutionierte die Wissenschaftstheorie durch historische Perspektive. ↩︎