Brandom und die Rückkehr des Begriffs
Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band III, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.
Robert Brandom war ein unwahrscheinlicher Hegelianer. Ausgebildet in der analytischen Tradition, Schüler von Richard Rorty in Princeton, hätte man von ihm eine pragmatistische Kritik der “kontinentalen” Philosophie erwarten können. Stattdessen schrieb er ein monumentales Werk von über 700 Seiten, das Hegel ins Zentrum der analytischen Philosophie stellte: “Making It Explicit” (1994).[1]
Brandoms These war: Bedeutung ist inferentiell. Ein Ausdruck bedeutet etwas nicht durch seine Referenz auf einen Gegenstand (das hatte die frühe analytische Philosophie angenommen), sondern durch seine Rolle in Schlussfolgerungen. “Das ist rot” bedeutet etwas, weil es impliziert: “Es ist nicht grün”, “Es sieht rot aus”, “Es reflektiert Licht einer bestimmten Wellenlänge”, und so weiter. Die Bedeutung liegt in den inferentiellen Relationen — in dem, was aus einer Aussage folgt und was zu ihr führt.
Das klang technisch, aber es hatte weitreichende Konsequenzen. Denn diese Position war hegelianisch. Hegel hatte in der “Wissenschaft der Logik” gezeigt, dass Begriffe nicht isoliert existieren, sondern nur in systematischen Zusammenhängen. Der Begriff “Sein” führt zum Begriff “Nichts”, der zum Begriff “Werden”, und so weiter. Die Bewegung des Begriffs ist inferentiell — jeder Begriff impliziert andere, und diese Implikationen konstituieren seine Bedeutung.
Brandom machte diese Verbindung explizit. In “A Spirit of Trust” (2019) — einem noch monumentaleren Werk von über 800 Seiten — las er Hegels “Phänomenologie des Geistes” als Theorie der sozialen Konstitution von Normen. Die “Gestalten des Bewusstseins”, die Hegel beschrieb, waren für Brandom Stadien in der Entwicklung normativer Praxis — Stadien, in denen Gemeinschaften lernen, Gründe zu geben und zu fordern, Verpflichtungen zu übernehmen und einzulösen.[2]
Die Stärke von Brandoms Lektüre war: Sie machte Hegel für die analytische Philosophie zugänglich. Sie zeigte, dass Hegels dunkle Sprache nicht Obskurantismus war, sondern präzise (wenn auch schwierige) Einsichten enthielt. Sie verband Hegel mit der zeitgenössischen Sprachphilosophie und der Philosophie des Geistes.
Die Schwäche war: Sie reduzierte Hegel. Die Metaphysik fiel weg, die Naturphilosophie fiel weg, der spekulative Charakter der Logik fiel weg. Was blieb, war ein sozial-normativer Hegel, ein Hegel der Praxis und der Sprache. Das war viel — aber es war nicht alles.