Die systematische Frage: Was bleibt nach 1968?
Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band II, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.
Von der Bilanz zur Aufgabe
Die dreifache Reaktion auf 1968 - konservativ, theoretisch, terroristisch - und die Einseitigkeit aller drei Hegel-Lesarten (Kapitel 17.4) hinterließen eine offene Frage: Wer entwickelt die richtige Lesart? Wer denkt Hegel als „Denker der vermittelten Transformation“ systematisch weiter?
Die Frankfurter Schule konnte es nicht. Adornos negative Dialektik bot keine Handlungsperspektive; Horkheimers Kulturpessimismus erst recht nicht. Marcuses „Große Verweigerung“ hatte die Studenten inspiriert, aber keine institutionelle Form gefunden. Die alte Kritische Theorie war erschöpft.
Das Grundproblem: Handlung und System
Das ungelöste Problem, das alle Reaktionen auf 1968 durchzog, war das Verhältnis von Handlung und System. Die Spontaneisten betonten die Handlung - aber ignorierten die systemischen Zwänge. Die Konservativen betonten das System - aber ignorierten die Möglichkeit kritischer Praxis. Die Terroristen wollten das System durch Handlung zerstören - und scheiterten katastrophal.
Die Habermas-Luhmann-Debatte von 1971 (-> Kapitel 4.4, 7.4) hatte dieses Problem auf den Begriff gebracht: Handlungstheorie oder Systemtheorie? Verständigung oder Funktion? Aber die Debatte endete ohne Lösung - beide Seiten hatten recht, beide waren einseitig.
Zwei systematische Alternativen
In den 1970er Jahren entstanden zwei Versuche, dieses Grundproblem zu lösen:
Die erste Alternative kam von einem Außenseiter: Johannes Heinrichs, Jesuit und Philosoph, der 1976 mit „Reflexion als soziales System“ eine systematische Lösung vorlegte. Seine Reflexions-Systemtheorie vermittelte Handlung und System reflexionslogisch: Systeme sind institutionalisierte Reflexion, Handlungen sind Vollzüge von Reflexion - beide Seiten implizieren sich gegenseitig. Das war genau die „vermittelte Transformation“, die Hegel gedacht hatte, aber die keine der Reaktionen auf 1968 zu denken vermochte.
Die zweite Alternative kam vom Zentrum der akademischen Philosophie: Jürgen Habermas, der 1981 mit der „Theorie des kommunikativen Handelns“ sein Hauptwerk vorlegte. Sein Versuch, System und Lebenswelt zu unterscheiden, war ein anderer Lösungsansatz - aber, wie wir sehen werden, ein dichotomischer, der das Problem eher verschob als löste.
Die Ironie der Geschichte: Heinrichs’ systematischere Lösung blieb unrezipiert, während Habermas’ weniger systematische Lösung zur herrschenden Lehre wurde. Die folgenden beiden Kapitel untersuchen beide Alternativen - und fragen, warum die deutsche Philosophie die bessere Lösung ignorierte.
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Die folgenden Kapitel 17a und 17b behandeln diese beiden systematischen Alternativen: erst Heinrichs’ Reflexions-Systemtheorie (1976), dann Habermas’ Theorie des kommunikativen Handelns (1981). Sie gehören chronologisch und sachlich zusammen: Beide reagieren auf dieselben Probleme, beide suchen nach systematischen Lösungen - aber mit unterschiedlichem Erfolg und unterschiedlicher Wirkung.