Einordnung: Der dialektische Umschlag
Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band II, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.
1968 war reich an Hoffnungen, Utopien, Aufbrüchen. Aber jede historische Bewegung erzeugt ihre Gegenreaktion - dialektisch notwendig. Die Reaktionen auf 1968 sind dreifach:
Erstens: Die konservative Wende - Institutionen gegen Chaos, Ordnung gegen Anarchie, Tradition gegen Revolution. Die Konservativen sehen in 1968 die Gefahr des Zerfalls und mobilisieren Hegel als Denker stabiler Ordnungen.
Zweitens: Die Neue Linke - der Versuch, aus spontaner Revolte systematische Theorie zu machen. Nicht mehr „alles muss anders werden“, sondern „wie genau muss es anders werden?“ Die Theoretisierung der Bewegung - aber auch ihre Fragmentierung.
Drittens: Der Terrorismus - der dunkle Schatten von 1968. Wenn friedlicher Protest nicht reicht, wenn Reformen ausbleiben, wenn die Verhältnisse „zum Himmel schreien“ (Dutschke) - ist dann Gewalt legitimiert? Die RAF, Brigate Rosse, Weather Underground geben die Antwort: Ja. Und scheitern tragisch.
Dieses Kapitel untersucht diese drei Reaktionen und zeigt: Alle drei berufen sich auf Hegel - aber lesen ihn grundverschieden. Die Konservativen lesen den Hegel der Sittlichkeit (Institutionen), die Neue Linke den Hegel der Negation (Kritik), die Terroristen den Hegel der Gewalt (Herr-Knecht-Kampf). Die Frage ist: Wer versteht Hegel richtig?