Einordnung: Ein Archipel, kein System
Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band II, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.
Die sowjetische Hegel-Rezeption ist ein Paradox. Einerseits war der „dialektische Materialismus“ (Diamat) Staatsideologie – jeder Student musste ihn lernen, jeder Philosoph musste sich zu ihm bekennen. Andererseits war dieser Diamat eine Versteinerung der Dialektik – mechanische Formeln statt lebendiger Bewegung, Dogma statt Methode.
Und doch: Gerade unter dieser versteinerten Oberfläche entwickelten sich einige der produktivsten Hegel-Interpretationen des 20. Jahrhunderts. Sie bildeten jedoch kein einheitliches „russisches Hegelianertum“, sondern einen Archipel von Inseln – sechs relativ distinkte Strömungen, die nebeneinander existierten und wenig miteinander kommunizierten. Jede konstruierte „ihren eigenen Hegel“.[1]
Die einzige echte Gemeinsamkeit war negativ: Alle ernsthaften Hegel-Forscher lasen Hegel gegen seinen Missbrauch durch die Parteilinie. Das verbindet sie – aber es macht sie noch nicht zu einer Schule.
Diese Systematisierung folgt einer Synthese verschiedener Quellen, darunter Oleg Sumin: Гегель как судьба России (Hegel als Schicksal Russlands), 2. Aufl., Krasnodar 2005; westliche Sekundärliteratur; und persönliche Mitteilungen russischer Fachleute (2024). Sumin ist selbst Schüler von Evgeny Linkov – seine Darstellung ist materialreich, aber nicht neutral. ↩︎