Die Peripherie: Ukraine und Georgien
Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band II, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.
Die wichtigsten Zentren für nicht-dogmatische Hegel-Forschung lagen nicht in Moskau, sondern in der „Peripherie“ – besonders in St. Petersburg und der Ukraine.[1]
Georgien (Tbilisi): K.S. Bakradze publizierte bereits 1958 sein „System und Methode der Philosophie Hegels“ – eines der ersten post-stalinistischen Hegel-Bücher. Merab Mamardashvili (1930-1990), obwohl in Moskau lehrend, war Georgier und entwickelte eine eigenständige phänomenologische Hegel-Lesart: Hegel als Bewusstseinsphilosoph, als Vollender des cartesianischen Projekts.[2]
Ukraine (Kiew): W.I. Schynkaruk enthielt in seiner „Logik, Dialektik und Erkenntnistheorie Hegels“ (1964) eine für die Zeit bemerkenswert scharfe Kritik an Stalins Hegel-Verständnis. Er leitete später das Institut für Philosophie der Ukrainischen Akademie.[3]
Eine bemerkenswerte Korrelation: St. Petersburg und die Ukraine waren nicht nur die wichtigsten Zentren der Hegel-Forschung, sondern auch die Regionen mit dem größten Einfluss auf die sowjetische Führung – von Chruschtschow über Breschnew bis zu den Leningrader Kadern. Ob diese Korrelation Zufall ist oder Ausdruck einer tieferen intellektuellen Kultur, wäre eine eigene Untersuchung wert.[4]
Persönliche Mitteilung eines russischen Philosophiestudenten (2024). ↩︎
Zu Mamardashvili: Nino Kakulia: „Merab Mamardashvili: A Biography“, in: Studies in East European Thought 58:2 (2006), S. 125-146. ↩︎
W.I. Schynkaruk: Логика, диалектика и теория познания Гегеля, Kiew 1964. ↩︎
Die Beobachtung stammt von russischen Fachleuten. Sie deckt sich mit der These, dass anti-dogmatische Impulse nicht aus dem Moskauer Zentrum, sondern aus der „Peripherie“ kamen. ↩︎