Die Kognitionswissenschaft: Embodiment und Situiertheit

Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band II, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.

Die Kritik am Kognitivismus

In den 1980er Jahren formierte sich Kritik am kognitivistischen Paradigma, das die frühe KI prägte. Kognitivismus sagt: Der Geist ist ein Computer, der Symbole verarbeitet. Die Kritiker sagten: Das ist ein schlechtes Modell für menschliche Intelligenz.

Hubert Dreyfus argumentierte mit Heidegger: Menschliches Verstehen ist nicht Symbolverarbeitung, sondern Sein-in-der-Welt. Wir verstehen die Welt nicht, indem wir Repräsentationen manipulieren, sondern indem wir in ihr handeln. Der Hammer wird nicht durch eine Beschreibung verstanden, sondern durch den Gebrauch.

Francisco Varela (den wir als Theoretiker der Autopoiesis kennengelernt haben) argumentierte biologisch: Kognition ist nicht Berechnung, sondern verkörperte Aktion. Das Gehirn ist kein Computer, der Input verarbeitet und Output produziert. Es ist Teil eines lebenden Körpers, der in einer Umwelt agiert.

Embodied Cognition

Die Alternative zum Kognitivismus heißt „Embodied Cognition“ - verkörperte Kognition. Ihre These: Denken ist nicht losgelöst vom Körper, sondern durch ihn geformt.

Experimente zeigten: Die Art, wie wir denken, hängt davon ab, wie wir verkörpert sind. Wenn Menschen ihre Stirn runzeln (Ausdruck von Missbilligung), bewerten sie Aussagen negativer. Wenn sie nicken, stimmen sie eher zu. Der Körper denkt mit.

Das ist anti-cartesianisch: Nicht der körperlose Geist denkt, sondern der verkörperte Mensch. Und es ist hegelianisch: Der Geist ist nicht außerhalb der Natur, sondern ihre höchste Entwicklung. Der Körper ist nicht Gefängnis des Geistes, sondern sein Medium.

Die Konsequenz für KI

Wenn Denken verkörpert ist, dann kann eine körperlose Maschine nicht „wirklich“ denken - zumindest nicht so wie Menschen. Die symbolische KI verfehlt etwas Fundamentales: die Einbettung in Welt, Körper, Situation.

Daraus entstanden neue Ansätze: Robotik, die Körper und Umwelt einbezieht. Situierte KI, die nicht abstrakt rechnet, sondern konkret handelt. Neuronale Netze, die nicht symbolisch, sondern konnektionistisch arbeiten.

Diese Entwicklungen führen in Band III. Hier genügt die Feststellung: Die philosophische Kritik an der frühen KI war berechtigt. Sie hat nicht bewiesen, dass Maschinen niemals „denken“ können. Aber sie hat gezeigt, dass Denken komplexer ist, als der Kognitivismus annahm.