Charles Taylor: Sources of the Self (1989)
Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band II, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.
Ein anderer Zugang: Die Quellen des Selbst
Charles Taylor teilt Habermas’ Anliegen, aber sein Zugang ist anders. Habermas argumentiert transzendentalpragmatisch: Was sind die Bedingungen der Möglichkeit von Verständigung? Taylor argumentiert historisch-hermeneutisch: Woher kommen unsere moralischen Intuitionen? Was sind die „Quellen des Selbst“?
„Sources of the Self“ (1989) ist ein monumentales Werk – eine Geschichte der modernen Identität von Platon bis zur Gegenwart. Taylor zeigt, wie das moderne Selbstverständnis entstand: aus der platonischen Idee des Guten, aus der augustinischen Innerlichkeit, aus der descartschen Reflexivität, aus der romantischen Expressivität.
Die Hegel-Nähe: Gegen den „platten“ Liberalismus
Taylor ist ein Hegel-Kenner – sein „Hegel“ (1975) war eine der wichtigen Rehabilitationen gegen die anglo-amerikanische Ignoranz. In „Sources of the Self“ erscheint Hegel als Denker, der etwas Wichtiges sah: dass das moderne Individuum nicht atomar ist, sondern durch Gemeinschaft, Geschichte, Kultur konstituiert.
Der liberale Individualismus – von Locke bis Rawls – denkt das Individuum als vor der Gemeinschaft gegeben. Erst gibt es Individuen mit ihren Rechten und Interessen, dann schließen sie sich zur Gesellschaft zusammen. Taylor sagt: Das ist anthropologisch falsch. Das Individuum entsteht erst in der Gemeinschaft, durch Sprache, Erziehung, Anerkennung. Hegel hatte das verstanden.
Die Kritik an der Postmoderne: Ohne starke Wertungen keine Orientierung
Taylors Argument gegen die Postmoderne ist anders als Habermas’. Habermas kritisiert den performativen Widerspruch. Taylor kritisiert die ethische Konsequenz: Ohne „starke Wertungen“ ist menschliches Leben unmöglich.
„Starke Wertungen“ (strong evaluations) sind Überzeugungen darüber, was ein gutes Leben ist, was wirklich wichtig ist, was bloße Präferenz übersteigt. Der Postmodernismus, so Taylor, unterminiert diese Wertungen. Wenn alles relativ ist, wenn alle Vokabulare kontingent sind, dann gibt es keine Basis mehr für Engagement, für Kritik, für Orientierung.
Taylor zeigt: Selbst die Postmodernen haben starke Wertungen – sie werten „Differenz“ höher als „Identität“, „Pluralität“ höher als „Einheit“. Aber sie gestehen sich das nicht ein. Sie leben von Wertungen, die sie theoretisch negieren.
Die Quellen wiederfinden
Taylors Projekt ist Wiedergewinnung. Die Moderne hat ihre eigenen Quellen vergessen – die moralischen und spirituellen Intuitionen, die ihr zugrunde liegen. Der Naturalismus behauptet, wir seien bloß Materie. Der Utilitarismus behauptet, wir wollten bloß Nutzenmaximierung. Beide verfehlen, was menschliches Leben eigentlich ist.
Die Quellen sind vielfältig: die antike Idee des Guten, die christliche Idee der Nächstenliebe, die romantische Idee der Authentizität, die aufklärerische Idee der Würde. Sie stehen in Spannung zueinander, aber sie sind nicht beliebig. Sie sind das, wovon wir leben.
Hegel ist für Taylor ein Denker, der diese Quellen bewahren wollte – gegen die Reduktionismen seiner Zeit. Aber Hegel wollte sie auch versöhnen – in einer Synthese, die Taylor für überzogen hält. Die Quellen bleiben in Spannung. Die Aufgabe ist nicht Versöhnung, sondern Artikulation: verstehen, wovon wir leben.