Die systematische Frage: Kann man Vernunft verteidigen ohne Dogmatismus?
Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band II, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.
Das gemeinsame Anliegen
Habermas und Taylor teilen ein Anliegen: Die Moderne verteidigen, ohne ihre Pathologien zu leugnen. Die Aufklärung retten, ohne ihre Selbstkritik aufzugeben. Vernunft behaupten, ohne in Dogmatismus zu verfallen.
Die Postmoderne hatte die Pathologien gesehen – Herrschaft, Exklusion, Gewalt im Namen der Vernunft. Aber ihre Therapie war schlimmer als die Krankheit. Wer die Vernunft überhaupt verwirft, kann auch die Pathologien nicht mehr kritisieren.
Die Differenz
Habermas argumentiert prozedural: Vernunft ist die Struktur der Verständigung. Was zählt, ist nicht der Inhalt, sondern das Verfahren – der herrschaftsfreie Diskurs, in dem alle Betroffenen zu Wort kommen.
Taylor argumentiert substantiell: Vernunft ist verwurzelt in Quellen, in starken Wertungen, in dem, was wirklich wichtig ist. Das Verfahren allein reicht nicht – wir brauchen auch einen Sinn dafür, worum es geht.
Diese Differenz prägt die spätere Debatte. Habermas’ Schüler (wie Axel Honneth) entwickeln die prozedurale Linie weiter. Taylor wird zum Stichwortgeber des Kommunitarismus, der gegen den prozeduralen Liberalismus die Bedeutung von Gemeinschaft und Tradition betont.