Manfred Riedel – Die Rehabilitierung der praktischen Philosophie

Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band II, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.

Einordnung: Die Bewegung des Ganzen

Die Nachkriegsphilosophie hatte ein Problem mit der praktischen Philosophie. Die analytische Tradition behandelte Ethik als Metaethik – nicht die Frage „Was soll ich tun?“, sondern „Was bedeuten moralische Aussagen?“. Die kontinentale Tradition hatte sich in Existentialismus und Fundamentalontologie verloren – die konkreten Fragen des Zusammenlebens blieben am Rande.

Manfred Riedel gehörte zu denen, die das ändern wollten. Sein Sammelband „Rehabilitierung der praktischen Philosophie“ (1972-1974) wurde zum Manifest einer Bewegung, die Aristoteles und Hegel gegen die szientistische Verengung der Philosophie in Stellung brachte.

Wer war Riedel?

Manfred Riedel (1936-2009) studierte in Heidelberg bei Gadamer und Löwith. Er lehrte in Saarbrücken, Erlangen und Halle. Seine Position war zwischen Hermeneutik und Hegelianismus, zwischen historischer Rekonstruktion und systematischem Anspruch.

Riedel war kein reiner Hegel-Forscher – er arbeitete auch zu Aristoteles, zu Kant, zur Aufklärung. Aber Hegel war der systematische Bezugspunkt: Der Denker, der praktische Philosophie als konkrete Analyse des sittlichen Lebens betrieben hatte, nicht als abstrakte Deduktion von Prinzipien.

Die These: Praktische Philosophie ist keine angewandte Theorie

Riedels Grundthese: Die praktische Philosophie hat ihre eigene Dignität. Sie ist nicht bloß „Anwendung“ theoretischer Prinzipien auf praktische Fragen. Sie hat ihren eigenen Gegenstand (das menschliche Handeln), ihre eigene Methode (Phronesis, Klugheit, Urteilskraft), ihre eigene Erkenntnisform (das praktische Wissen).

Das ist aristotelisch – und zugleich anti-kantisch. Kant hatte Moral als Anwendung des kategorischen Imperativs gedacht: ein allgemeines Prinzip, aus dem konkrete Pflichten abgeleitet werden. Aber das verfehlt, so Riedel, die Struktur praktischen Wissens. Der Handelnde steht nicht vor einem Algorithmus, den er anwendet. Er steht vor einer konkreten Situation, die er beurteilen muss – mit all ihrem Reichtum, ihrer Vieldeutigkeit, ihrer Unwiederholbarkeit.

Der Hegel-Bezug: Sittlichkeit gegen Moralität

Hegels Unterscheidung von Moralität und Sittlichkeit wird für Riedel zentral. Moralität ist das abstrakte Sollen – die Pflicht, wie Kant sie dachte. Sittlichkeit ist das konkrete Handeln in Institutionen – Familie, Gesellschaft, Staat.

Riedel interpretiert: Hegel rehabilitiert die praktische Philosophie gegen Kants Moralismus. Er zeigt, dass sittliches Handeln nicht Anwendung abstrakter Regeln ist, sondern Teilnahme an konkreten Lebensformen. Die Institutionen sind nicht Schranken der Freiheit, sondern ihre Verwirklichung.

Das verband Riedel mit der Ritter-Schule – auch er las Hegel als Verteidiger der Institutionen gegen abstrakte Kritik. Aber Riedel war weniger politisch als Ritter, mehr methodisch interessiert. Ihm ging es um die Struktur praktischen Wissens, nicht um die Verteidigung der Bundesrepublik.

Die Wirkung

Der Sammelband „Rehabilitierung der praktischen Philosophie“ versammelte Beiträge von Gadamer, Ritter, Apel, Habermas und anderen. Er markierte einen Wendepunkt: Die praktische Philosophie kehrte zurück, nicht als bloße Anwendung von Theorie, sondern als eigenständige Disziplin.

Die Wirkung reichte über Deutschland hinaus. Der Kommunitarismus der 1980er – MacIntyre, Sandel, Walzer – knüpfte an ähnliche Motive an: Kritik am abstrakten Liberalismus, Betonung der Einbettung in Traditionen und Gemeinschaften, Rehabilitierung der aristotelischen Tugendethik.

Für die Hegel-Rezeption war Riedels Beitrag: die Aktualisierung der Rechtsphilosophie. Hegels Philosophie des Rechts ist nicht antiquarisch interessant, sondern spricht zu gegenwärtigen Problemen. Was heißt es, in Institutionen zu leben? Wie verhält sich individuelle Freiheit zu sozialer Einbettung? Wie ist Sittlichkeit in einer pluralistischen Gesellschaft möglich?