Völkerpsychologie - Die Wissenschaft vom kollektiven Geist (1860-1920)
Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band I, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.
Die Völkerpsychologie entsteht aus einem systematischen Problem: Wie lässt sich Hegels „objektiver Geist“ wissenschaftlich untersuchen? Hegel hatte gezeigt, dass der Geist nicht bloß individuell ist. Es gibt kollektive Objektivationen – Sprache, Mythos, Sitte, Recht, Kunst. Diese sind weder bloß subjektive Vorstellungen noch bloß objektive Dinge, sondern geistige Realitäten: von Menschen geschaffen, aber den Einzelnen vorausgehend und bestimmend. Die Sprache existiert vor mir, prägt mein Denken, ist aber nichts außer dem Sprechen aller Sprechenden. Das ist die Struktur des objektiven Geistes.[1]
Die Frage lautet: Kann man diese geistigen Realitäten empirisch erforschen? Kann man untersuchen, wie Sprachen sich entwickeln, wie Mythen entstehen, wie Sitten sich wandeln – ohne bloß historisch zu beschreiben, sondern mit wissenschaftlichem Anspruch auf Gesetzmäßigkeiten?
Die Begründer: Lazarus und Steinthal
Moritz Lazarus (1824-1903) und Heymann Steinthal (1823-1899) gründeten 1860 die „Zeitschrift für Völkerpsychologie und Sprachwissenschaft“. Ihr Programm war explizit hegelianisch: Die Psychologie des objektiven Geistes als empirische Wissenschaft etablieren.[2]
Lazarus formulierte das Projekt im Eröffnungsartikel: „Der Geist des Volkes wirkt sich aus in Sprache, Mythe, Sitte, und diese Werke üben wiederum Gewalt über die Einzelnen. Die Sprache […] ist das erste und wichtigste Product des Volksgeistes; und sie ist zugleich sein wirksamstes Organ.“ Die Völkerpsychologie solle untersuchen, „wie aus den Einzelnen das Volk und aus dessen Seele der objective Geist sich bilde.“[3]
Die Methode sollte empirisch sein: Sprachen vergleichen, Mythen sammeln, Sitten dokumentieren. Aber das Ziel war philosophisch: Die Gesetze finden, nach denen der objektive Geist sich entwickelt. Nicht bloß historische Faktensammlung, sondern systematische Wissenschaft des Geistes in seinen kollektiven Objektivationen.
Die Grundthese lautete: Der objektive Geist ist nicht metaphysische Konstruktion, sondern psychologische Realität. Er existiert in den Vorstellungen, Gefühlen, Willensakten der Individuen – aber als geteilte Vorstellungen, Gefühle, Willensakte. Die Sprache ist in meinem Kopf (ich denke in Worten), aber sie ist nicht meine Schöpfung. Sie ist kollektives Produkt, das mich prägt. Diese doppelte Struktur – individual und kollektiv zugleich – sollte die Völkerpsychologie erforschen.[4]
Kritik: Die Psychologisierung war problematisch. Hegels objektiver Geist war nicht kollektive Psychologie. Recht und Moral sind nicht bloß „geteilte Vorstellungen“, sondern normative Strukturen mit Geltungsanspruch. Das Verbot zu morden gilt, auch wenn alle es anders fühlten. Die Völkerpsychologie drohte, Normativität auf Faktizität zu reduzieren – wahr ist, was alle glauben; richtig ist, was alle tun. Das verfehlt Hegels Pointe: Der objektive Geist muss sich vor der Vernunft rechtfertigen, nicht bloß faktisch existieren.[5]
Wilhelm Wundt und die monumentale Synthese
Wilhelm Wundt (1832-1920), Begründer der experimentellen Psychologie in Leipzig, vollzog eine gewaltige Erweiterung des Programms. Seine zehnbändige „Völkerpsychologie“ (1900-1920) ist der umfassendste Versuch, Hegels objektiven Geist empirisch zu erfassen.[6]
Die Gliederung:
- Band 1-2: Die Sprache (1900) – Phonetik, Grammatik, Semantik, Sprachwandel
- Band 3: Die Kunst (1908) – Ornamentik, Plastik, Malerei, Musik, Poesie
- Band 4-6: Mythus und Religion (1905-1909) – Animismus, Totemismus, Götterglauben, Heroenmythen
- Band 7-8: Die Gesellschaft (1917) – Familie, Stamm, Staat, Recht
- Band 9: Das Recht (1918)
- Band 10: Kultur und Geschichte (1920)
Das Werk ist von atemberaubender Gelehrsamkeit. Wundt verarbeitet sprachwissenschaftliche, ethnologische, religionswissenschaftliche, juristische Forschung aus der ganzen Welt. Er will zeigen: Es gibt universelle Entwicklungsstufen des Geistes, sichtbar in Sprache, Mythos, Sitte. Der Geist entwickelt sich von primitiven zu komplexen Formen – und diese Entwicklung folgt Gesetzen, die die Völkerpsychologie herausarbeiten kann.[7]
Wundts Hegel-Bezug ist explizit. Er schreibt: „Wenn man […] der Hegelschen Philosophie […] ein überschießendes Verdienst zugestehen will, so kann dies nur in ihrem Bemühen liegen, die gesamten Erscheinungen des geistigen Lebens in einem System zu vereinigen.“ Die Völkerpsychologie sei die empirische Verwirklichung dieses Programms – Hegels System, aber wissenschaftlich fundiert.[8]
Die Probleme:
1. Evolutionismus: Wundt ordnet die Kulturen hierarchisch. Es gibt „primitive“ Völker (Animismus, bildlose Sprachen, Stammesgesellschaften) und „entwickelte“ Völker (Monotheismus, abstrakte Begriffe, Rechtsstaaten). Diese Hierarchie entspricht angeblich der historischen Entwicklung: Alle Völker durchlaufen dieselben Stufen, nur unterschiedlich schnell. Das ist evolutionistischer Eurozentrismus – die europäische Kultur als Maßstab, an dem alle anderen gemessen werden.[9]
2. Sammlung statt System: Trotz des systematischen Anspruchs bleibt das Werk deskriptiv. Wundt sammelt unermessliches Material, aber die systematische Einheit geht verloren. Wo ist der Begriff, der Sprache, Mythos, Recht als Momente eines Prozesses begreift? Hegel hatte versucht, diese Einheit dialektisch zu entwickeln. Wundt reiht Kapitel aneinander. Die empirische Fülle erstickt die begriffliche Durchdringung.[10]
3. Psychologismus: Die fundamentale Schwierigkeit bleibt. Wundt will Gesetze des Geistes finden – aber findet er nicht bloß Gesetze der Psychologie? Ist Logik auf Denkpsychologie reduzierbar? Ist Recht auf Rechtspsychologie reduzierbar? Die Phänomenologie (Husserl) und der Neukantianismus werden diese Reduktion scharf kritisieren: Geltung ist nicht Faktizität. Dass alle Menschen etwas denken, macht es nicht wahr. Dass alle Gesellschaften etwas praktizieren, macht es nicht richtig.[11]
Die Wirkung und das Ende
Die Völkerpsychologie hatte enorme Wirkung – aber nicht in der Philosophie. Sie prägte die entstehenden Kulturwissenschaften: Sprachwissenschaft (Ferdinand de Saussure studierte bei Steinthal), Ethnologie (Bronisław Malinowski bezog sich auf Wundt), Religionswissenschaft (Rudolf Otto kannte Wundts Mythus-Bände). Die empirische Erforschung kollektiver geistiger Phänomene wurde selbstverständlich – aber als Einzelwissenschaften, nicht als philosophische Disziplin.[12]
Philosophisch wurde die Völkerpsychologie marginalisiert. Die Phänomenologie (Husserl) kritisierte den Psychologismus. Der Neukantianismus (Rickert, Cassirer) entwickelte eigene Kulturtheorien. Die verstehende Soziologie (Simmel, Weber) übernahm Fragestellungen, aber nicht die psychologistische Grundlage. Nach Wundts Tod (1920) brach die Disziplin zusammen – zu schwerfällig, zu deskriptiv, zu wenig begrifflich.[13]
Die Überleitung zu Vygotsky: Von Deutschland nach Russland
Diese Linie wird in der Sowjetunion produktiv transformiert. Lew Vygotsky (1896-1934) kannte Wundts Völkerpsychologie genau und entwickelte sie zur kulturhistorischen Psychologie weiter. Vygotskys Grundthese: Menschliches Bewusstsein entwickelt sich durch Werkzeuge (Technik) und Zeichen (Sprache). Beides sind kulturelle Vermittlungen – keine individuellen Erfindungen, sondern kollektive Produkte, die das Denken strukturieren. Das Kind erlernt nicht bloß Wörter, sondern Denkformen. Die Sprache formt Bewusstsein.[14]
Das ist Hegels objektiver Geist, materialistisch transformiert: Der Geist entsteht nicht aus sich selbst (wie bei Hegel), sondern aus der Aneignung kultureller Werkzeuge. Aber diese Werkzeuge sind selbst geistig – sie verkörpern kollektive Praxis, akkumuliertes Wissen, geronnene Geschichte. Die Dialektik von Individuum und Kollektiv, von Subjektivität und Objektivität, die Hegel spekulativ entwickelt hatte, wird bei Vygotsky zur empirischen Entwicklungspsychologie.[15]
Vygotsky stirbt früh (1934, mit 37 Jahren), seine Werke werden unter Stalin verboten (zu wenig dogmatisch). Aber seine Schüler (Luria, Leontjew) entwickeln die kulturhistorische Psychologie weiter, die heute international rezipiert wird. Die russische Linie der Völkerpsychologie erweist sich als fruchtbarer als die deutsche – weil sie die materialistische Basis ernst nimmt, ohne die dialektische Struktur preiszugeben. (Ausführlich siehe Kapitel 14.X)[16]
Die systematische Lehre: Der objektive Geist ist empirisch erforschbar – aber nicht als Psychologie. Die Völkerpsychologie scheitert am Psychologismus. Was fehlt, ist die reflexionslogische Grundlage: Die Einsicht, dass kollektive geistige Phänomene selbstreferentielle Strukturen sind, keine bloßen psychischen Zustände. Sprache ist nicht Summe individueller Sprechakte, sondern System, das sich selbst reproduziert. Recht ist nicht Summe individueller Rechtsvorstellungen, sondern Institution, die Handlungen normiert. Diese selbstreferentielle Struktur kann nicht psychologisch erfasst werden – sie erfordert strukturale oder systemtheoretische Ansätze (die im 20. Jahrhundert entwickelt werden: Saussure, Luhmann, Brandom).
Hegel: Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften (1830), Dritter Teil: Die Philosophie des Geistes, §§ 483-552. Der objektive Geist umfasst: Recht (§§ 483-494), Moralität (§§ 505-512), Sittlichkeit (§§ 513-552). ↩︎
Moritz Lazarus / Heymann Steinthal: „Einleitende Gedanken über Völkerpsychologie“, in: Zeitschrift für Völkerpsychologie und Sprachwissenschaft 1 (1860), S. 1-73. Zur Biographie beider siehe: Ingrid Belke: Moritz Lazarus und Heymann Steinthal. Die Begründer der Völkerpsychologie in ihren Briefen, Tübingen: Mohr, 1971. ↩︎
Lazarus: „Einleitende Gedanken“, S. 2-3. Der explizite Hegel-Bezug findet sich S. 32: „Was Hegel den objectiven Geist nennt, das ist der eigentliche Gegenstand unserer Wissenschaft.“ ↩︎
Die Grundthese systematisch entwickelt in: Moritz Lazarus: Das Leben der Seele in Monographien über seine Erscheinungen und Gesetze, 3 Bde., Berlin: Dümmler, 1855-1857, bes. Bd. 2, S. 401-478 („Der Geist des Volkes“). ↩︎
Diese Kritik formuliert früh schon Wilhelm Dilthey: „Über das Studium der Geschichte der Wissenschaften vom Menschen, der Gesellschaft und dem Staat“ (1875), in: Gesammelte Schriften, Bd. 5, Stuttgart: Teubner, 1957, S. 31-73, bes. S. 45-48. ↩︎
Wilhelm Wundt: Völkerpsychologie. Eine Untersuchung der Entwicklungsgesetze von Sprache, Mythus und Sitte, 10 Bde., Leipzig: Engelmann/Kröner, 1900-1920. Monumentalwerk von über 6000 Seiten. ↩︎
Wundt unterscheidet vier Entwicklungsstufen: (1) primitive Mensch (Animismus), (2) totemistische Mensch (Clansystem), (3) Zeitalter der Helden und Götter (Polytheismus, Stadtstaaten), (4) Zeitalter der Menschheit (Monotheismus, Nationalstaaten). Völkerpsychologie, Bd. 4, S. 1-15. ↩︎
Wundt: Völkerpsychologie, Bd. 1, Vorwort, S. VI. Wundt betont allerdings auch den Unterschied: Hegel deduziere a priori, er selbst gehe empirisch vor. ↩︎
Zur Kritik am evolutionistischen Eurozentrismus siehe: George W. Stocking: Victorian Anthropology, New York: Free Press, 1987. Zur Problematik bei Wundt: Matthias Wunsch: Fragen der Völkerpsychologie im Werk Wilhelm Wundts, Münster: Waxmann, 2013, S. 156-183. ↩︎
Vgl. die zeitgenössische Kritik von Ernst Cassirer: Philosophie der symbolischen Formen, Bd. 1, Berlin: Bruno Cassirer, 1923, S. 6-8: Wundts Völkerpsychologie biete „eine Fülle des Materials“, aber keine „philosophische Durchdringung“. ↩︎
Grundlegend zur Psychologismus-Kritik: Edmund Husserl: Logische Untersuchungen, Bd. 1: Prolegomena zur reinen Logik, Halle: Niemeyer, 1900, §§ 17-51. Husserl nennt die Völkerpsychologie nicht explizit, aber seine Kritik trifft sie. ↩︎
Zur Wirkung auf die Kulturwissenschaften siehe: Gustav Jahoda: A History of Social Psychology, Cambridge: CUP, 2007, Kap. 9. Zur Rezeption in der Ethnologie: George W. Stocking: „The Ethnographer’s Magic: Fieldwork in British Anthropology from Tylor to Malinowski“, in: Observers Observed: Essays on Ethnographic Fieldwork, Madison: University of Wisconsin Press, 1983, S. 70-120. ↩︎
Nach Wundts Tod erscheinen keine neuen völkerpsychologischen Synthesen mehr. Die Zeitschrift wird 1890 eingestellt. Als Einzeldisziplin verschwindet die Völkerpsychologie. Ihre Themen werden von Kulturanthropologie, Sprachwissenschaft, Religionssoziologie übernommen. ↩︎
Lew S. Vygotsky: Denken und Sprechen (1934), dt. Berlin: Akademie-Verlag, 1964, bes. Kap. 11: „Gedanke und Wort“. Die Grundthese: „Das Wort ist nicht das Etikett, das auf das fertige Gedankengut aufgeklebt wird, sondern […] der unmittelbare Ausdruck des Gedankens.“ (S. 301) ↩︎
Vygotsky studierte intensiv Hegel und Marx. Sein Notizbuch enthält ausführliche Hegel-Exzerpte. Siehe: René van der Veer / Jaan Valsiner: Understanding Vygotsky: A Quest for Synthesis, Oxford: Blackwell, 1991, S. 227-249. ↩︎
Zur internationalen Vygotsky-Rezeption siehe: Alex Kozulin: Vygotsky’s Psychology: A Biography of Ideas, Cambridge/MA: Harvard UP, 1990. Zur aktuellen Bedeutung: Michael Cole: Cultural Psychology, Cambridge/MA: Harvard UP, 1996. ↩︎