Verstehende Soziologie - Sinn, Form, Rationalisierung (1890-1920)
Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band I, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.
Die verstehende Soziologie entsteht als Reaktion auf den Positivismus. Auguste Comte hatte Soziologie als „Physik des Sozialen“ konzipiert – Gesetze des Zusammenlebens, analog zu Naturgesetzen. Die verstehende Soziologie insistiert: Das Soziale ist nicht Natur. Menschen handeln nicht nach Kausalgesetzen, sondern nach Sinn. Ihre Handlungen haben Bedeutung, Intention, Zweck. Diese Sinn-Dimension kann nicht kausal erklärt, nur verstehend erfasst werden.
Das ist hegelianisch im Kern: Der objektive Geist ist Sinn-Struktur. Institutionen (Recht, Moral, Staat) sind nicht bloß faktische Arrangements, sondern normative Ordnungen. Sie bedeuten etwas, gelten für etwas, beanspruchen Legitimität. Diese Bedeutungs-Dimension kann nicht naturwissenschaftlich analysiert werden – sie erfordert hermeneutisches Verstehen, begriffliche Rekonstruktion, reflexive Durchdringung.
Zwei Denker sind zentral: Georg Simmel und Max Weber. Beide versuchen, eine Wissenschaft vom Sinn zu begründen – aber mit sehr unterschiedlichen Mitteln und Konsequenzen.
Georg Simmel - Formen des Sozialen
Georg Simmel (1858-1918) ist der originellste und am wenigsten gewürdigte deutsche Soziologe. Als Jude, als Außenseiter, als Essayist statt Systemdenker blieb er zeitlebens ohne Ordinariat (erst 1914 Straßburg, zu spät für große Wirkung). Seine Soziologie ist kein Lehrbuch, sondern ein Kaleidoskop brillanter Miniaturen.[1]
Die Grundthese: Das Soziale besteht nicht aus Individuen, sondern aus Wechselwirkungen. Gesellschaft ist nicht Summe von Menschen, sondern Netz von Beziehungen. Diese Beziehungen haben Formen – Strukturen, die sich wiederholen, unabhängig vom konkreten Inhalt. Herrschaft, Unterordnung, Konflikt, Kooperation, Tausch – das sind soziale Formen, die in verschiedensten Kontexten auftreten.[2]
Beispiel: Der Streit. Simmel schreibt einen Essay „Der Streit“ (1908), der zeigt: Konflikt ist keine Störung der Gesellschaft, sondern eine ihrer Formen. Streit verbindet – er schafft intensive Beziehung zwischen Kontrahenten, erzwingt wechselseitige Aufmerksamkeit, generiert Solidarität innerhalb der Konfliktparteien. Ohne Konflikt gäbe es keine Dynamik, keine Veränderung, keine Lebendigkeit. Die harmonische Gesellschaft wäre tot.[3]
Die Methode ist phänomenologisch: Simmel beschreibt soziale Formen, wie sie sich zeigen. Er sucht nicht nach Kausalgesetzen (warum entsteht Streit?), sondern nach Strukturen (was geschieht, wenn Streit entsteht?). Diese Strukturen sind nicht zeitlos-logisch (wie bei Hegel), sondern typisch – sie wiederholen sich unter bestimmten Bedingungen, lassen aber Variation zu.[4]
“Philosophie des Geldes“ (1900) ist Simmels Hauptwerk. Es ist keine Ökonomie, sondern Kulturphilosophie: eine Analyse, wie Geld die moderne Gesellschaft strukturiert. Geld ist nicht bloß Tauschmittel, sondern symbolische Form – es objektiviert Wert, abstrahiert von Qualitäten, macht alles vergleichbar.[5]
Die Pointe ist hegelianisch: Geld ist Entfremdung. Es vermittelt zwischen Menschen, aber diese Vermittlung wird selbständig. Das Geld, ursprünglich Mittel zum Zweck (ich tausche, um Brot zu kaufen), wird zum Zweck selbst (ich will Geld, egal wofür). Die Mittel verselbständigen sich, die Zwecke verblassen. Der Kaufmann kennt nicht mehr die Waren, sondern nur noch Preise. Der Arbeiter kennt nicht mehr das Produkt, sondern nur noch den Lohn. Das Leben erstarrt zur Verdinglichung.[6]
Aber – und das ist Simmels Differenz zu Hegel – diese Entfremdung ist tragisch, nicht aufhebbar. Hegel hatte geglaubt, die Entfremdung lasse sich in der Sittlichkeit überwinden – in Institutionen, die subjektive Freiheit und objektive Ordnung versöhnen. Simmel ist skeptisch. Die Objektivationen des Geistes (Geld, Technik, Bürokratie) erstarren notwendig. Das Leben – fließend, spontan, kreativ – objektiviert sich in Formen – fest, starr, tot. Diese Dialektik ist unabschließbar. Jede neue Form erstarrt, jedes neue Leben muss sich gegen alte Formen durchsetzen.[7]
Die 1914-Problematik: Simmel begrüßt den Ersten Weltkrieg als „große Stunde“ Deutschlands. Seine Essays 1914-1916 sprechen von „Erneuerung“, „Vertiefung“, „Überwindung des Materialismus“. Der Krieg erscheint als Chance, die erstarrte Friedensordnung aufzubrechen, authentisches Gemeinschaftserleben zu erneuern. Simmel ist kein Militarist, kein Nationalist – aber seine Verachtung der bürgerlichen Gesellschaft, seine Sehnsucht nach „echtem Leben“, seine Ablehnung des „Mechanischen“ machen ihn anfällig für Kriegseuphorie.[8]
Diese Haltung ist typisch für deutsche Intellektuelle 1914: Die moderne Zivilisation gilt als seelenlos, materialistisch, dekadent. Der Krieg verspricht Erneuerung – Gemeinschaft statt Gesellschaft, Heldentum statt Krämergeist, deutsches Innenleben statt westliche Oberflächlichkeit. Simmel teilt diese Affekte, überwindet sie aber teilweise: Seine späteren Texte (1917-1918) werden desillusionierter, kritischer. Er stirbt 1918, kurz vor Kriegsende, an Leberkrebs.[9]
Die systematische Leistung: Simmel zeigt, dass soziale Formen eigene Realität haben – sie sind weder bloß individuelles Bewusstsein (Psychologismus) noch bloß äußere Zwänge (Positivismus). Sie sind objektiver Geist, aber ohne Hegels teleologische Überfrachtung. Simmels Soziologie ist Phänomenologie des Sozialen – sie beschreibt Strukturen, ohne sie zu deduzieren. Das macht sie empirisch anschlussfähiger als Hegels spekulative Konstruktion, aber auch weniger systematisch. Simmel verliert die Einheit, die Hegel suchte – das Prinzip, das alle sozialen Formen als Momente eines Prozesses begreift.[10]
Max Weber - Rationalisierung und Entzauberung
Max Weber (1864-1920) ist der wirkmächtigste Klassiker der Soziologie. Seine Werke – „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ (1904/05), „Wirtschaft und Gesellschaft“ (1922, posthum) – prägen bis heute die Sozialwissenschaften. Weber kam vom Recht und der Nationalökonomie zur Soziologie, blieb immer Grenzgänger zwischen den Disziplinen.[11]
Die Grundthese: Das zentrale Phänomen der Moderne ist Rationalisierung. Die westliche Zivilisation zeichnet sich dadurch aus, dass sie alle Lebensbereiche zunehmend rationalisiert – Wirtschaft (Kalkulation, Buchführung), Politik (Bürokratie, Recht), Wissenschaft (Experiment, Mathematik), sogar Religion (protestantische Ethik als rationale Lebensführung). Diese Rationalisierung ist Entzauberung der Welt – der Verlust magischer, mythischer, religiöser Weltdeutung zugunsten sachlicher, berechenbarer, instrumenteller Orientierung.[12]
Die Hegel-Parallele ist frappierend, obwohl Weber Hegel selten zitiert. Hegels Weltgeschichte ist Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit – von unmittelbarer Einheit (Orient) über Entzweiung (Antike) zur begriffenen Versöhnung (Moderne). Webers Rationalisierungsthese ist säkularisierte Geschichtsphilosophie: Die Moderne als Höhepunkt der Rationalisierung, aber ohne Versöhnung. Die Entzauberung ist ambivalent – Gewinn an Berechenbarkeit, Verlust an Sinn.[13]
Weber kam indirekt über den Neukantianismus (Heinrich Rickert) zu Hegel. Rickert hatte unterschieden: Naturwissenschaften suchen Gesetze (Allgemeines), Kulturwissenschaften verstehen Sinn (Individuelles). Weber übernimmt diese Unterscheidung, transformiert sie aber: Soziologie ist verstehende Wissenschaft, die nach typischen Sinnzusammenhängen sucht. Nicht individuelle Motivationen interessieren, sondern idealtypische Handlungsorientierungen.[14]
Die vier Handlungstypen (zweckrational, wertrational, affektuell, traditional) sind solche Idealtypen. Kein Mensch handelt rein zweckrational – aber das Konzept „zweckrational“ hilft, reales Handeln zu analysieren. Der Unternehmer, der Profit maximiert, handelt annähernd zweckrational. Der Mönch, der asketisch lebt, handelt annähernd wertrational. Beide sind Extremfälle, aber sie erhellen die Wirklichkeit.[15]
“Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ (1904/05) zeigt Webers Methode exemplarisch. Die These: Der moderne Kapitalismus entsteht nicht aus Gier (die gibt es immer), sondern aus protestantischer Askese. Der Calvinist lebt methodisch, diszipliniert, arbeitet unermüdlich – nicht um zu genießen, sondern zur Vergewisserung seiner Erwählung. Diese innerweltliche Askese schafft die Mentalität des rationalen Kapitalismus: Kalkulation, Reinvestition, Selbstdisziplin.[16]
Die Pointe ist dialektisch (obwohl Weber das Wort vermeidet): Die religiöse Motivation (Gewissheit der Erwählung) schafft eine säkulare Praxis (methodische Arbeit), die schließlich die Religion selbst überflüssig macht. Die Askese wird zur Routine, der Glaube zur Gewohnheit, der Sinn zum Mittel. Am Ende steht das „stahlharte Gehäuse“ – eine rationalisierte Welt ohne transzendenten Sinn, in der Menschen funktionieren, aber nicht mehr leben.[17]
Die Begriffe:
- Zweckrationalität: Handeln nach Mitteln-Zweck-Kalkül (technisch-instrumentell)
- Wertrationalität: Handeln nach unbedingten Werten (ethisch-prinzipiell)
- Charisma: Außeralltägliche Qualität einer Person, die Gehorsam erzeugt
- Bürokratie: Rationale Herrschaft durch Regeln, Ämter, Hierarchien
Weber zeigt: Die Moderne rationalisiert, aber diese Rationalisierung ist eindimensional. Zweckrationalität verdrängt Wertrationalität. Das Instrumentelle verdrängt das Substantielle. Die Frage „Wie erreiche ich mein Ziel?“ ersetzt die Frage „Was ist mein Ziel wert?“ Das ist Webers Version der Entfremdung – aber ohne Hegels Hoffnung auf Aufhebung.[18]
Weber 1914: Kriegsbegeisterung und Desillusionierung
Max Weber begrüßt 1914 den Kriegsausbruch enthusiastisch. In Briefen schreibt er: „Dieser Krieg ist bei aller Grässlichkeit doch groß und wunderbar, es lohnt sich, ihn zu erleben.“ Er meldet sich freiwillig zum Dienst (mit 50 Jahren!), wird Reservelazarett-Direktor in Heidelberg. Die Motive sind komplex: Nationalismus, Hoffnung auf deutsche „Erneuerung“, Verachtung der westlichen Zivilisation als „Krämergeist“.[19]
Diese Haltung teilt Weber mit vielen deutschen Professoren. Die „Ideen von 1914“ gegen die „Ideen von 1789“: Deutsche Kultur (Tiefe, Innerlichkeit, Gemeinschaft) gegen westliche Zivilisation (Oberflächlichkeit, Materialismus, Gesellschaft). Thomas Mann formuliert dies später im „Betrachtungen eines Unpolitischen“ (1918) systematisch – Weber denkt ähnlich, formuliert es aber nicht aus.[20]
Aber Weber desillusioniert schneller als andere. Ab 1916 kritisiert er die deutsche Kriegsführung, ab 1917 fordert er Verhandlungsfrieden, ab 1918 akzeptiert er die Niederlage und engagiert sich für die Demokratisierung Deutschlands. Weber wird kein Demokrat aus Überzeugung, sondern aus Einsicht: Deutschland braucht parlamentarische Kontrolle, sonst droht Chaos.[21]
Die systematische Lehre: Webers anfängliche Kriegsbegeisterung zeigt die Gefahr der Kulturkritik. Die Verachtung des „Mechanischen“, des „Westlichen“, des „Oberflächlichen“ kann umschlagen in Sehnsucht nach „Erneuerung“ durch Gewalt. Weber überwindet dies – durch nüchterne Analyse, nicht durch Enthusiasmus. Seine Soziologie nach 1918 ist desillusioniert, aber nicht zynisch. Sie akzeptiert die Moderne mit ihren Widersprüchen, statt in antimoderne Romantik zu flüchten.[22]
Die Grenze der Empirisierung: Verlust systematischer Einheit
Sowohl Simmel als auch Weber versuchen, Hegels objektiven Geist empirisch zu erfassen. Beide erkennen: Das Soziale hat eigene Realität – es ist weder bloße Natur noch bloßes Bewusstsein, sondern Sinn-Struktur, objektiviert in Institutionen, Gewohnheiten, Formen. Beide entwickeln Methoden, diese Sinn-Strukturen zu analysieren – Simmel phänomenologisch (Beschreibung typischer Formen), Weber idealtypisch (Konstruktion rationaler Modelle).[23]
Das Problem: Sie verlieren die systematische Einheit. Hegel hatte versucht zu zeigen: Recht, Moralität, Sittlichkeit, Staat sind Momente eines einheitlichen Prozesses – der Verwirklichung der Freiheit. Jedes Moment ist notwendig, jedes verweist auf die anderen, alle zusammen bilden die Totalität des objektiven Geistes. Diese Einheit geht bei Simmel und Weber verloren.
Simmel sammelt brillante Einzelanalysen – Streit, Mode, Armut, Geheimnis, Fremder. Aber wie hängen sie zusammen? Was ist das Prinzip, das alle sozialen Formen als Variationen eines Grundthemas begreift? Simmel gibt keine Antwort. Seine Soziologie ist Kaleidoskop, nicht System.[24]
Weber konstruiert Idealtypen – Herrschaftsformen (charismatisch, traditional, legal-rational), Wirtschaftsweisen (Subsistenz, Markt, Plan), Religionstypen (Erlösungsreligionen, ethische Religionen, Kulturreligionen). Aber wie hängen sie zusammen? Weber lehnt Geschichtsphilosophie explizit ab – es gibt keine Logik der Geschichte, keine notwendige Entwicklung, keine Teleologie. Die Rationalisierung ist faktischer Prozess, nicht begriffliche Notwendigkeit. Das macht Weber empirisch vorsichtiger als Hegel, aber auch systematisch ärmer.[25]
Die Konsequenz: Die Einzelwissenschaften entstehen – Soziologie, Ethnologie, Kulturwissenschaft. Sie erforschen den objektiven Geist empirisch, ohne Hegels metaphysische Prämissen. Aber sie verlieren die philosophische Perspektive: Die Frage nach der Einheit, nach dem Sinn des Ganzen, nach der Legitimation der bestehenden Ordnung. Die Wissenschaft wird positiv – sie beschreibt, was ist, fragt aber nicht mehr, ob es sein soll.[26]
Die Reaktion: Die Phänomenologie (Husserl, Heidegger) versucht, hinter die Empirisierung zurückzugehen – zur Wesensschau, zur apriorischen Strukturanalyse. Die Kritische Theorie (Horkheimer, Adorno) kritisiert den Positivismus – fordert die Reflexion auf die gesellschaftlichen Bedingungen der Wissenschaft. Beide sind Versuche, Hegels Systematik zu retten, ohne seine spekulative Metaphysik zu übernehmen. (Siehe Kapitel 24 und 26)[27]
Die systematische Lehre: Objektivität ohne Metaphysik?
Kann der objektive Geist empirisch erforscht werden? Die Antwort der Völkerpsychologie, Anthropologie, Soziologie lautet: Ja, aber – ja, soziale Phänomene sind erforschbar, aber nicht als bloße Natur. Sie erfordern Verstehen, nicht nur Erklären. Sie haben Sinn, nicht nur Kausalität. Sie beanspruchen Geltung, nicht nur Faktizität.[28]
Das Problem: Wie unterscheidet man Faktizität und Geltung wissenschaftlich? Die Völkerpsychologie scheitert am Psychologismus – sie reduziert Normen auf psychische Zustände. Die Anthropologie oszilliert zwischen Deskription (Plessner) und Affirmation (Gehlen) – beschreibt sie nur, was ist, oder legitimiert sie es? Die Soziologie (Simmel, Weber) verzichtet auf Normativität – sie analysiert Rationalisierung, fragt aber nicht, ob sie richtig ist.[29]
Hegels Anspruch war größer: Der objektive Geist ist nicht bloß faktisch, sondern normativ. Institutionen müssen sich vor der Vernunft rechtfertigen. Nicht jede bestehende Ordnung ist vernünftig – nur diejenige, die Freiheit verwirklicht. Diese normative Dimension kann nicht empirisch bewiesen werden – sie erfordert philosophische Reflexion.[30]
Die Humanwissenschaften des 19. Jahrhunderts versuchen, Hegels Einsichten ohne seine Metaphysik zu bewahren. Das gelingt teilweise – sie zeigen, dass soziale Phänomene eigene Realität haben, dass sie nicht auf Natur oder Bewusstsein reduzierbar sind. Aber sie verlieren Hegels kritisches Potential – die Frage, ob das Bestehende vernünftig ist. Diese Frage bleibt philosophisch – sie kann nicht an Einzelwissenschaften delegiert werden.[31]
Die Aufgabe einer zeitgenössischen Systematik: Die empirischen Einsichten der Humanwissenschaften integrieren, ohne ihre normative Dimension preiszugeben. Zeigen, dass soziale Strukturen erforschbar sind (gegen Hegel), aber nicht wertneutral (gegen Positivismus). Die Reflexion auf die Bedingungen der Möglichkeit sozialer Ordnung muss transzendental bleiben (kantianisch), aber die konkreten Inhalte müssen empirisch gefüllt werden (hegelianisch). Das ist die Synthese, die im 20. Jahrhundert gesucht wird – von Cassirer, Habermas, Brandom.[32]
Zur Biographie: Klaus Christian Köhnke: Der junge Simmel in Theoriebeziehungen und sozialen Bewegungen, Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1996. Simmel erhielt erst 1914 (mit 56 Jahren) eine Professur – in Straßburg, kurz vor seinem Tod 1918. ↩︎
Georg Simmel: „Das Problem der Soziologie“ (1908), in: Soziologie. Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung, Berlin: Duncker & Humblot, 1908, S. 1-31. Grundlegung der „formalen Soziologie“. ↩︎
Georg Simmel: „Der Streit“ (1908), in: Soziologie, S. 186-255. Die These: „Der Streit ist […] eine der lebendigsten Wechselwirkungen“ (S. 186). ↩︎
Zur Methode siehe: Otthein Rammstedt (Hg.): Simmel und die frühen Soziologen, Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1988. ↩︎
Georg Simmel: Philosophie des Geldes, Leipzig: Duncker & Humblot, 1900. Neuausgabe: Gesamtausgabe, Bd. 6, Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1989. ↩︎
Simmel: Philosophie des Geldes, S. 510-524: „Der Stil des Lebens“. Die Objektivationen des Geistes verselbständigen sich gegen das Leben. ↩︎
Diese Tragik formuliert Simmel explizit in: „Der Begriff und die Tragödie der Kultur“ (1911), in: Philosophische Kultur, Leipzig: Kröner, 1911, S. 245-277.Wiederholen ↩︎
Georg Simmel: „Deutschlands innere Wandlung“ (1914), in: Gesamtausgabe, Bd. 16, S. 11-23. Simmel sieht im Krieg eine „Vertiefung“ des deutschen Geistes. ↩︎
Simmel stirbt am 26. September 1918 in Straßburg an Leberkrebs. Seine letzten Texte (1917-1918) sind pessimistischer, desillusionierter. Nachlass: Gesamtausgabe, Bd. 24, Frankfurt/M.: Suhrkamp, 2015. ↩︎
Zur systematischen Bedeutung Simmels siehe: Heinz-Jürgen Dahme / Otthein Rammstedt (Hg.): Georg Simmel und die Moderne, Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1984. ↩︎
Zur Biographie: Joachim Radkau: Max Weber. Die Leidenschaft des Denkens, München: Hanser, 2005. Standardwerk mit über 1000 Seiten. ↩︎
Max Weber: „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ (1904/05), in: Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie, Bd. 1, Tübingen: Mohr, 1920, S. 17-206. Die These zur Rationalisierung systematisch entwickelt in: „Vorbemerkung“ (1920), ebd., S. 1-16. ↩︎
Zur impliziten Hegel-Rezeption Webers siehe: Wilhelm Hennis: Max Webers Fragestellung, Tübingen: Mohr, 1987, S. 133-167. ↩︎
Heinrich Rickert: Die Grenzen der naturwissenschaftlichen Begriffsbildung, Tübingen: Mohr, 1896. Weber studierte bei Rickert, übernahm die Unterscheidung Natur-/Kulturwissenschaften, transformierte sie aber soziologisch. ↩︎
Max Weber: Wirtschaft und Gesellschaft (1922), Tübingen: Mohr, Kap. 1, § 2: „Soziologische Grundkategorien des Wirtschaftens“. Die vier Handlungstypen: zweckrational, wertrational, affektuell, traditional. ↩︎
Weber: „Protestantische Ethik“, bes. Teil II: „Die Berufsethik des asketischen Protestantismus“, S. 84-163. ↩︎
Weber: „Protestantische Ethik“, S. 203-204: „Das ‘stahlharte Gehäuse’ der Hörigkeit […] in das vielleicht eines Tages der letzte Zentner fossilen Brennstoffs verglüht ist.“ ↩︎
Zur Kritik an Webers Rationalitätsbegriff siehe: Jürgen Habermas: Theorie des kommunikativen Handelns, Bd. 1, Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1981, S. 332-366: Weber reduziere Vernunft auf Zweckrationalität. ↩︎
Zit. nach Wolfgang J. Mommsen: Max Weber und die deutsche Politik 1890-1920, Tübingen: Mohr, 1959, S. 204. ↩︎
Thomas Mann: Betrachtungen eines Unpolitischen, Berlin: S. Fischer, 1918. Systematische Ausarbeitung des Gegensatzes „deutsche Kultur vs. westliche Zivilisation“. ↩︎
Max Weber: „Parlament und Regierung im neugeordneten Deutschland“ (1918), in: Gesammelte Politische Schriften, Tübingen: Mohr, 1958, S. 294-431. Weber fordert Parlamentarisierung aus pragmatischen, nicht prinzipiellen Gründen. ↩︎
Zur Ambivalenz von Webers Moderneverständnis siehe: Friedrich H. Tenbruck: „Das Werk Max Webers“, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 27 (1975), S. 663-702. ↩︎
Zur systematischen Problematik der „verstehenden Soziologie“ siehe: Alfred Schütz: Der sinnhafte Aufbau der sozialen Welt, Wien: Springer, 1932. Schütz zeigt phänomenologisch die Grenzen Webers. ↩︎
Vgl. die Kritik bei Georg Lukács: „Zur Soziologie des modernen Dramas“ (1914), in: Schriften zur Literatursoziologie, Neuwied: Luchterhand, 1961, S. 261-295: Simmel fehle die dialektische Totalität. ↩︎
Weber lehnt Geschichtsphilosophie explizit ab in: „Die ‘Objektivität’ sozialwissenschaftlicher und sozialpolitischer Erkenntnis“ (1904), in: Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre, Tübingen: Mohr, 1922, S. 146-214. ↩︎
Diese Entwicklung kritisiert: Herbert Marcuse: „Der Kampf gegen den Liberalismus in der totalitären Staatsauffassung“ (1934), in: Kultur und Gesellschaft, Bd. 1, Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1965, S. 17-55. ↩︎
Grundlegend: Edmund Husserl: Die Krisis der europäischen Wissenschaften und die transzendentale Phänomenologie (1936), Den Haag: Nijhoff, 1954. Husserl kritisiert den Positivismus als „Sinnverlust“. ↩︎
Diese Position wird später systematisch entwickelt bei: Charles Taylor: The Explanation of Behaviour, London: Routledge, 1964; ders.: „Interpretation and the Sciences of Man“ (1971), in: Philosophy and the Human Sciences, Cambridge: CUP, 1985, S. 15-57. ↩︎
Zur Werturteilsproblematik siehe: Max Weber: „Der Sinn der ‘Wertfreiheit’ der soziologischen und ökonomischen Wissenschaften“ (1917), in: Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre, S. 489-540. ↩︎
Hegel: Grundlinien der Philosophie des Rechts (1821), Vorrede: „Was vernünftig ist, das ist wirklich; und was wirklich ist, das ist vernünftig.“ Aber: nicht alles Existierende ist „wirklich“ in diesem Sinne – nur das Vernünftige. ↩︎
Diese Kritik formuliert die Frankfurter Schule: Max Horkheimer: „Traditionelle und kritische Theorie“ (1937), in: Gesammelte Schriften, Bd. 4, Frankfurt/M.: Fischer, 1988, S. 162-216. ↩︎
Systematische Synthesen versuchen: Ernst Cassirer: Philosophie der symbolischen Formen, 3 Bde., Berlin: Bruno Cassirer, 1923-1929; Jürgen Habermas: Theorie des kommunikativen Handelns, 2 Bde., Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1981; Robert Brandom: Making It Explicit, Cambridge/MA: Harvard UP, 1994. ↩︎