Der biographische Hintergrund - Scholastik, Dialogik, Durchbruch

Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band II, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.

Die scholastische Grundlegung

Heinrichs’ philosophische Entwicklung beginnt mit einem intensiven sechsjährigen Studium der thomistischen Philosophie an der Philosophischen Hochschule der Jesuiten in Pullach bei München (1960er Jahre). Diese scholastische Ausbildung ist keine bloß biographische Marginalie, sondern systematisch entscheidend: Heinrichs entdeckt bei Thomas von Aquin eine Reflexionsontologie, die der neuzeitlichen Philosophie von Descartes bis Husserl vorausliegt - und sie in entscheidenden Punkten übertrifft.

Die Schlüsselbegriffe: Thomas unterscheidet zwischen “intentio directa” (dem gegenständlichen Gehalt des Bewusstseins) und “intentio indirecta” (dem ungegenständlichen Selbstwissen). Das menschliche Bewusstsein ist nicht einfach “Bewusstsein von etwas”, sondern zugleich immer schon “Bewusstsein des Bewusstseins”. Diese “reditio completa in seipsum” - die vollständige Rückkehr zu sich selbst - unterscheidet den Menschen vom Tier, das nur “reditio incompleta” vollzieht.[1]

Das große Paradox der Moderne: Descartes entdeckte das Selbstbewusstsein als Ausgangspunkt der Philosophie (“cogito ergo sum”), vergaß aber den ontologischen Schlüssel zu diesem erkenntnistheoretischen Schlüssel, der bei Thomas bereits bereitlag. Descartes verstand Selbstbewusstsein bloß erkenntnistheoretisch - als nachträgliche Reflexion des Ich auf sich selbst. Dadurch entstehen all die Probleme, die Dieter Henrich später analysierte: Zirkelprobleme, infinite Regresse, die Unmöglichkeit, das Selbstbewusstsein zu erklären, ohne es schon vorauszusetzen.

Thomas hatte die Lösung bereits: Selbstbewusstsein ist nicht nachträgliche Reflexion, sondern ontologische Grundstruktur des Bewusstseins selbst. Es ist “conscientia concomitans” - begleitendes, unmittelbares Mitwissen um sich selbst im Vollzug. Die neuzeitliche Philosophie kreist bis heute um Probleme, die durch diese cartesianische Fehlorientierung entstanden sind.

Von Tillich zur dialogischen Sinnhermeneutik

Der Weg von der scholastischen Reflexionsontologie zur modernen Reflexionslogik führte über eine entscheidende Zwischenstation: die Auseinandersetzung mit Paul Tillich (1886-1965). In seinem ersten wissenschaftlichen Artikel (1970) entwickelt Heinrichs “Die Idee einer universalen Sinnhermeneutik” - und stößt dabei auf eine fundamentale Begrenzung.

Tillich hatte zwei “Sinnelemente” unterschieden: Vollzug und Gehalt. Diese Unterscheidung erfasst die Grundstruktur des Bewusstseins - jeder Bewusstseinsakt ist zugleich Vollzug (Aktivität) und bezogen auf einen Gehalt (Inhalt). Aber Heinrichs erkannte: Diese Zweiheit reproduziert letztlich die traditionelle Subjekt-Objekt-Dualität auf höherer Ebene. Vollzug steht für die subjektive Seite, Gehalt für die objektive.

Die dialogische Sprengung: Unter dem Einfluss von Ludwig Feuerbach und Martin Buber erkennt Heinrichs, dass die Subjekt-Objekt-Dualität in doppelter Hinsicht aufgesprengt werden muss. Erstens: Es gibt nicht nur das Ich (Subjekt) und das Es (Objekt), sondern auch das Du - den Anderen, der selbst Subjekt ist, mir aber zunächst als Objekt erscheint. Dieses “objektive Subjekt” ist weder reines Subjekt noch reines Objekt, sondern etwas qualitativ Drittes. Zweitens: Es gibt nicht nur die direkten Relationen zwischen Ich, Du und Es, sondern auch das Medium ihrer Vermittlung - das “dialogische Zwischen” (Buber), das Heinrichs später als “Sinnmedium” bezeichnen wird.[2]

Aus der Zweiheit wird eine Vierheit: Es (der Pol der gegenständlichen Welt), Ich (der Pol der Innerlichkeit), Du (der Pol der Intersubjektivität), Medium (der Pol der Vermittlung und Integration). Diese vier Sinnelemente liegen in Heinrichs’ Denken bereit während der gesamten Dissertationszeit - aber erst 1975 in Paris kommt es zum systematischen Durchbruch.

Der Pariser Durchbruch (1975)

In Paris beschäftigt sich Heinrichs mit dem französischen Personalismus und der Dialogphilosophie. Er will verstehen, wie echte zwischenmenschliche Begegnung zu beschreiben ist. Die traditionelle Erkenntnistheorie versagt hier: Sie kann nur das Verhältnis eines erkennenden Subjekts zu einem erkannten Objekt beschreiben. Aber der andere Mensch ist eben nicht nur Objekt, sondern selbst Subjekt.

Bei der Analyse konkreter Begegnungssituationen stößt Heinrichs auf ein faszinierendes Phänomen: Jede Begegnung mit einem anderen Menschen durchläuft notwendig vier qualitativ verschiedene Stufen. Diese Stufung ist nicht willkürlich oder kulturell bedingt, sondern folgt einer inneren Logik, die in der reflexiven Natur des Bewusstseins selbst gründet.

Die vier Reflexionsstufen:

Erste Stufe: Zunächst behandle ich den anderen wie einen Gegenstand. Ich nehme seine äußere Erscheinung wahr, schätze sein Alter, registriere seine Kleidung. Diese “objektive Einstellung” ist nicht oberflächlich oder menschenverachtend - sie ist unvermeidlich. Ohne die Fähigkeit, Menschen und Dinge zunächst zu objektivieren, könnte ich gar nicht in der Welt handeln.

Zweite Stufe: Aber der andere erweist sich als mehr als ein Objekt. Er bewegt sich eigenständig, blickt mich vielleicht an, reagiert auf meine Anwesenheit. Ich muss meine ursprüngliche Einstellung korrigieren: Dieser Mensch ist selbst ein handelndes, denkendes Wesen. Er ist nicht nur Objekt, sondern auch Subjekt - ein “objektives Subjekt”, wie der Logiker Gotthard Günther formulierte.

Dritte Stufe: Wenn wir ins Gespräch kommen, geschieht etwas qualitativ Neues. Nicht nur weiß ich, dass der andere denkt und fühlt - ich weiß auch, dass er weiß, dass ich das weiß. Diese “doppelte Reziprozität” konstituiert echte Kommunikation. Beide reflektieren aufeinander, und beide wissen um diese gegenseitige Reflexion.

Vierte Stufe: Schließlich wird die Kommunikation selbst zum Thema. Wir verständigen uns über die Regeln des Gesprächs, über gemeinsame Voraussetzungen, über das Medium der Verständigung. Dadurch entsteht eine neue Ebene - die Ebene der Institutionen, Normen, kulturellen Codes.

Warum genau vier Stufen? Die erste Stufe ist unvermeidlich: Alles Andere wird zunächst als Objekt behandelt. Die zweite entsteht zwangsläufig, wenn dieses Andere sich als selbst handelnd erweist. Die dritte ist ein qualitativer Sprung zur doppelten Reziprozität. Die vierte ist der systembildende Abschluss: Die Kommunikation wird selbst zum Thema. Weitere Reflexion würde nicht zu neuen Qualitäten, sondern nur zu Iterationen derselben Struktur führen.[3]

Die Tragweite der Entdeckung: Diese vier Stufen strukturieren nicht nur zwischenmenschliche Begegnungen. Sie sind die Grundstruktur aller menschlichen Sinnvollzüge. Wenn dies die notwendige Struktur zwischenmenschlicher Reflexion ist, dann muss es auch die Grundstruktur des Bewusstseins überhaupt sein - denn unser Bewusstsein ist niemals isolierte Selbstbezüglichkeit, sondern immer schon Selbstbezug-im-Fremdbezug.


  1. Johannes Heinrichs entwickelt diese Thomas-Interpretation in seiner Lizentiatsarbeit “Intentio als Sinn bei Thomas von Aquin” (1967) und in späteren Werken. Die systematische Bedeutung der scholastischen Reflexionsontologie für sein gesamtes Werk kann kaum überschätzt werden. ↩︎

  2. Die Auseinandersetzung mit Tillich dokumentiert Heinrichs’ erster wissenschaftlicher Artikel: “Der Ort der Metaphysik im System der Wissenschaften bei Paul Tillich. Die Idee einer universalen Sinnhermeneutik”, in: Zeitschrift für katholische Theologie 92 (1970). ↩︎

  3. Die systematische Darstellung der vier Reflexionsstufen findet sich in: Johannes Heinrichs, Reflexion als soziales System. Zu einer Reflexions-Systemtheorie der Gesellschaft, Bonn 1976. Eine populärer geschriebene Neuausgabe erschien 2005 unter dem Titel “Logik des Sozialen. Woraus Gesellschaft entsteht” (Steno Verlag, Varna), die die Grundgedanken besser erläutert, dabei aber manche Hegel-Bezüge weglässt. ↩︎