Übergang: Von der Theodizee zur Infragestellung Gottes

Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band II, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.

Die christlichen Theologien – protestantisch wie katholisch – rangen mit Hegel um die rechte Vermittlung von Gott und Geschichte, Transzendenz und Immanenz. Ihre Frage lautete: Wie kann man Hegels Einsichten aufnehmen, ohne den personalen Gott in einem anonymen Weltprozess aufzulösen?

Das folgende Kapitel stellt eine radikalere Frage. Für jüdische Denker nach 1945 ging es nicht mehr um die richtige Vermittlung von Gott und Geschichte – sondern darum, ob eine solche Vermittlung nach Auschwitz überhaupt noch denkbar ist. Wenn „das Wirkliche vernünftig“ ist – was bedeutet das angesichts der Vernichtungslager? Wenn „die Weltgeschichte das Weltgericht“ ist – welches Urteil spricht sie über sechs Millionen Ermordete?

Die Denker, die wir nun behandeln – Levinas, Jonas, Fackenheim, Buber – sind keine Theologen im konfessionellen Sinne. Sie sind Philosophen, die aus jüdischer Erfahrung und Tradition denken. Aber gerade deshalb stellen sie die Frage nach Hegel schärfer als die christlichen Theologen: nicht als akademisches Problem der Systemarchitektur, sondern als existentielle Frage nach der Möglichkeit von Sinn überhaupt.

Dabei zeigt sich eine paradoxe Struktur: Je radikaler diese Denker Hegel verwerfen, desto hegelianischer werden ihre Argumente. Die Kritik an der Totalität bedient sich dialektischer Figuren. Das „Nein“ zu Hegel ist selbst ein bestimmtes „Nein“ – und damit, wie Hegel gezeigt hätte, ein Moment der Bewegung.