Das Kreuznacher Manuskript (1843): Die erste Auseinandersetzung
Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band I, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.
Zwischen der Schließung der Rheinischen Zeitung und der Übersiedlung nach Paris schreibt Marx im Sommer 1843 einen Kommentar zu den Staatsparagraphen von Hegels Rechtsphilosophie. Das Manuskript bleibt unvollendet und wird zu Lebzeiten nicht gedruckt; es ist dennoch der einzige Text, in dem Marx Hegel Paragraph für Paragraph durchgeht.
Sein Verfahren stammt von Feuerbach: Hegel mache das Prädikat zum Subjekt und umgekehrt. Die Idee erscheine als das Tätige, Familie und bürgerliche Gesellschaft als deren Momente, während sie in Wahrheit die Voraussetzungen des Staates seien. Angewandt auf die Religionskritik hatte dieses Zurücktauschen seinen guten Sinn — es findet den wirklichen Urheber dessen, was einer fremden Instanz gutgeschrieben wurde.
Was Marx damit trifft, ist beträchtlich: die Redeweise, die die Idee zum Handelnden macht; das Zusammenfallen von begrifflicher Vollständigkeit und wirklicher Versöhnung; die Übernahme preußischer Verfassungsbestimmungen in den Rang des Notwendigen; und die Bürokratie, die als allgemeiner Stand auftritt und ein eigenes Interesse hat. Was er nicht trifft, ist der Inhalt der Bestimmungen. Dass Hegel die Familie als Moment der sittlichen Idee darstellt, schreibt der Idee nichts gut, was der Familie gehörte — es sagt etwas über die Familie, und ob es zutrifft, entscheidet der Tausch von Subjekt und Prädikat nicht.
Für die Rezeptionsgeschichte ist der Text aus zwei Gründen wichtig. Er ist die Quelle der Formel von der Umstülpung, die dreißig Jahre später im Nachwort zum Kapital wiederkehrt und die Wirkungsgeschichte bestimmen wird. Und er ist der Ursprung von Marx’ Staatskritik: Was später als Analyse des Staates in seiner ökonomischen Funktion auftritt, beginnt hier als Einwand gegen Hegels Bestimmung des Beamtenstandes. Die ausführliche Behandlung des Manuskripts steht in Marx’ frühe Schriften als aufgeklärter Hegelianismus (2026).