Henrichs „Grundoperation" — eine Prüfung
Vorbemerkung
Dieser Aufsatz prüft Dieter Henrichs „Hegels Grundoperation. Eine Einleitung in die Wissenschaft der Logik" — als Vortrag 1973/74 gehalten, 1976 im Band Der Idealismus und seine Gegenwart erschienen. Er gehört zu den meistzitierten Deutungen der Logik im zwanzigsten Jahrhundert.
Ein Wort vorweg, das man selten über einen so berühmten Text sagt: Der Aufsatz macht es schwer, ihn im besten Licht zu lesen. Meist läßt sich zu einer These die stärkste Fassung finden, die ihre Verteidiger meinen — hier gelingt das kaum, weil die zentrale Behauptung fast ohne Beleg entwickelt wird und mehr postuliert als zeigt. Das ist keine Kleinigkeit, und es wirft eine Frage auf, auf die am Ende zurückzukommen ist: Wie konnte ein Text von dieser Beweislage die Wirkung entfalten, die er hatte?
1. Was Henrich behauptet: die „autonome Negation"
Henrichs These ist, dass Hegels ganze Logik von einer einzigen „Grundoperation" getragen werde, und dass diese Operation die Behandlung der Negation sei. Genauer: Hegel habe die Negation autonomisiert — sie von der Aussageform und von jeder Korrelation zu einer Affirmation abgelöst und zum einzigen Grundterm gemacht. „In dieser Absicht hat Hegel die Negation autonomisiert. Das soll heißen, daß er sie von der Struktur der Aussage und gleichzeitig von der Beziehung auf ein gleichursprüngliches Gegenstück abgelöst hat" (S. 214).
Aus dieser autonomen Negation entwickelt Henrich dann, Schritt für Schritt, die spekulative Grundstruktur: Die Negation, aus jeder Korrelation befreit, könne nur noch auf sich selbst gehen; sie sei „notwendig immer schon die doppelte Negation" (S. 215); ihre Selbstbeziehung sei zugleich ihre Selbstaufhebung; ihr Resultat müsse in sie integriert werden, bis der Satz erreicht ist: „Das Absolute ist nur in seinem Anderssein bei sich selber" (S. 219). Die Seinslogik soll beweisen, dass diese Operation „notwendig zu vollziehen" ist, die Begriffslogik sie „fixieren" (S. 225).
Das Programm ist klar und hat eine gewisse Eleganz: eine einzige Operation, aus der sich alles herleitet, ein archimedischer Punkt. Die Frage ist nur, ob es Hegels Programm ist oder Henrichs.
2. Der Befund: die Grundoperation ist konstruiert, nicht belegt — und Henrich sagt es
Der Aufsatz beginnt mit einem rhetorischen Zug, der die Bühne freiräumt. Henrich erklärt zunächst alle bisherige Hegel-Deutung für gescheitert: Den Nachfolgern sei es „nicht einmal [gelungen], auf Verlangen einzelne Hegelsche Argumentketten oder auch nur eine einzige Seite Hegelschen Textes überzeugend zu rekonstruieren. Obgleich viele über Hegel sprachen, — es gelang doch niemandem, wie Hegel zu sprechen" (S. 208f.). Erst nachdem so das Feld leergeräumt ist, tritt Henrich als der auf, dem die Rekonstruktion gelingt.
Die Behauptung ist in dieser Allgemeinheit falsch, und zwar nachweislich (dazu unten, §5 und §7: Erdmann, Rosenkranz und Michelet haben genau das getan). Aber schon der Zug selbst ist bemerkenswert: Die eigene Deutung wird nicht durch die Sache beglaubigt, sondern durch die Abwertung aller anderen. Wer alle bisherigen Leser für gescheitert erklärt, muss die Frage beantworten, warum ausgerechnet ihm zu trauen sei — und der Aufsatz beantwortet sie nicht aus seinem Gehalt, sondern setzt die eigene Meisterschaft voraus.
Diese Voraussetzung wird brüchig, sobald man auf die Beweislage sieht. Der Aufsatz entwickelt seine zentrale These über etwa fünfzehn Seiten fast ohne einen Hegel-Beleg. Die autonome Negation, ihre Verdoppelung, ihre Selbstaufhebung, die Integration des Resultats — all das wird aus einem gesetzten Anfang deduziert, nicht am Text gezeigt. Die wenigen Zitate, die kommen (S. 221), stammen aus der ersten Auflage der Seinslogik, einer Solger-Rezension und dem Methodenkapitel, und sie belegen nur, dass Hegel der Negation Gewicht gibt — nicht die behauptete Grundoperation.
Henrich spricht das selbst aus. Über die Schritte, die das Herzstück seiner Deutung bilden, schreibt er: „offenkundig ist, daß Hegel selber nirgends mit ihm begonnen hat. Schon die ersten Schritte seiner logischen Grundoperation hat er niemals ausführlich dargelegt. Sie mußten deshalb hier rekonstruiert werden" (S. 223). Das Zentrum der Deutung ist also ausdrücklich nicht bei Hegel zu finden, sondern Henrichs eigene Konstruktion — eingeführt mit der Wendung, sie habe „rekonstruiert werden" müssen, als läge zutage, was in Wahrheit erst gesetzt wird.
Der Ableitungszwang, der die Schritte treibt, kommt nicht aus der Sache, sondern aus einer vorausgesetzten Prämisse: dem Monismus eines einzigen Prinzips. Henrich schreibt ihn Hegels Umfeld zu — den „Freunden und vor allem deren Lehrer Fichte", die geglaubt hätten, „die Philosophie [müsse] aus rein methodischen Gründen auf den Monismus eines einzigen Prinzips verpflichtet werden" (S. 211). Aus diesem Postulat folgt der Zwang, die Negation als einzigen Term anzusetzen, und aus diesem Ansatz alles Weitere. Die Prämisse trägt die Konstruktion, nicht der Hegelsche Text.
3. Die Selbstwiderlegung: Henrichs Verdacht gegen Hegel ist die Beschreibung seines eigenen Verfahrens
In Teil V zieht Henrich die Summe. Er erwägt dort ausdrücklich, dass Hegels Logik ihren eigenen Anspruch — die immanente, aus dem einfachsten Gedanken sich entwickelnde, voraussetzungslose Bewegung — nicht einlöse: „Wir wollen annehmen, die Logik könne am Ende den Anspruch nicht austragen, die autonome Negation als notwendiges Element alles Denkens unter Beweis gestellt zu haben. Ihr theoretischer Nukleus müßte dann als eine konstruktive Theorie verstanden werden" (S. 227). Und er lässt die Frage offen: „Nur eine umfassende Analyse könnte ausmachen, ob die Wissenschaft der Logik als ein freies Konstruieren oder als Nachvollzug einer ursprünglichen Konstruktion aufzufassen ist" (S. 226).
Damit steht Hegels Zentralanspruch — die Voraussetzungslosigkeit — unter Vorbehalt, und die ganze Deutung ist so gebaut, dass er als vermutlich uneingelöst erscheint. Der Verdacht, den Henrich formuliert, lautet: „daß die logische Entwicklung hin zur autonomen Negation nicht einleuchtend zu machen ist, wenn man sie nicht auch schon voraussetzt und sich solcher Argumente bedient, die nur zur Verfügung stehen, nachdem man sie vorher rein konstruktiv entwickelt hat" (S. 226).
Dieser Satz beschreibt, Wort für Wort, Henrichs eigenes Vorgehen. Er setzt die autonome Negation als Konstruktion, bedient sich der Argumente, die nur nach dieser Konstruktion zur Verfügung stehen, und liest das Ergebnis in Hegels Text hinein. Was er als Verdacht gegen Hegel formuliert, ist die genaue Beschreibung dessen, was er selbst tut. Und der Wunschfall, den er nicht beweisen kann und darum offen lässt, ist bezeichnend formuliert: „Was zunächst ein freies Konstruieren zu einem theoretischen Zweck zu sein schien, hätte sich als die geheime innere Konstruktion alles möglichen Denkens erwiesen" (S. 225). Die Konstruktion soll sich nachträglich als die verborgene Wahrheit herausstellen — bewiesen wird das nicht, es bleibt Hoffnung.
4. Was der Text streift und verfehlt
Es wäre ungerecht, Henrich blinde Willkür vorzuwerfen. Er hat einen richtigen Gegenstand in der Hand. Die „Negation, die sich auf sich selbst bezieht und darin sich aufhebt" (S. 216f.) ist der Sache nach die bestimmte Negation, die Rückkehr-in-sich, die Hegel im Text wirklich vollzieht — dieselbe Bewegung, die in GW 7 als Umschlag der schlechten in die wahrhafte Unendlichkeit steht, „das einfache unmittelbare Aufheben der entgegengesetzten an ihnen selbst" (GW 7, 31).
Aber Henrich fasst diesen Gegenstand verkehrt. Er nimmt die selbstbezügliche Negation als eine aussagenlogische Konstruktion — die Negation als Subjekt behandelt, die Regeln der klassischen Negation unter veränderten Bedingungen variiert (S. 214) — und macht daraus ein „Explikationsmittel", das Hegel angeblich unausgewiesen voraussetze. Statt zu sehen, dass Hegels Text die Bewegung immanent vollzieht (die Bestimmtheit treibt sich selbst über sich hinaus, aus ihrer eigenen Unzulänglichkeit), unterstellt er eine verborgene, von außen an den Text herangetragene Konstruktion und misst den Text an ihr. Das ist dieselbe Umkehrung, die sich durch Henrichs Arbeiten zieht: Der richtige Gegenstand wird gefasst als etwas, das Hegel konstruiert und dann voraussetzt, statt als die Selbstbewegung, die er zeigt.
Die Denkform dahinter ist die äußere Reflexion: die Sache aus ihren Bedingungen und ihrem konstruktiven Ursprung begreifen, nicht aus ihrer eigenen Entwicklung. Und weil Henrich die Bewegung als Konstruktion fasst, erscheint ihm Hegels Anspruch auf immanente Entwicklung als etwas, das der Text schuldig bleibt — nicht als das, was er an Ort und Stelle leistet.
5. Hegel hat das Allgemeinste seines Verfahrens selbst dargelegt (Enz. §79–82)
Henrichs Konstruktion ruht auf einer Behauptung, die sich prüfen lässt: Hegel habe die Grundoperation „niemals ausführlich dargelegt", sie müsse deshalb rekonstruiert werden. Das ist nicht richtig. Das Allgemeinste seines Verfahrens hat Hegel an bekannter Stelle benannt, in den drei Momenten des Logischen (Enz. §79–82): das verständige, das dialektische und das spekulative Moment.
Das verständige Moment hält die Bestimmung fest und setzt ihre Grenze. Das dialektische Moment zeigt, dass die Bestimmung an dieser Grenze sich selbst aufhebt und in ihr Entgegengesetztes umschlägt — nicht durch ein von außen herangetragenes Verfahren, sondern aus ihrer eigenen Bestimmtheit. Das spekulative Moment erfasst die Einheit der entgegengesetzten Bestimmungen in ihrem Gegensatz, hebt also den Widerspruch auf, ohne die Unterschiede einzuebnen.
Die Negation, die Henrich als eine Operation sucht, ist hier auf zwei Ebenen am Werk. Zwischen den Momenten: Die Dialektik negiert die Grenze, die der Verstand gesetzt hat, und die Spekulation negiert und überschreitet die Grenze, an der die Dialektik im bloßen Widerspruch stünde. Aber auch innerhalb jedes Moments: Der Verstand negiert schon in seiner Begriffsbildung, indem er das eine gegen das andere abgrenzt; die Dialektik lebt von den Grenzen, an denen die Bestimmungen einander widersprechen. Und der Widerspruch ist hier gerade nicht das gleichgültige Nebeneinander disparater Positionen — er setzt ein gemeinsames Thema voraus, an dem die Bestimmungen sich reiben. Wo Positionen einander nur äußerlich widersprechen, ohne gemeinsamen Gegenstand, ist es keine Dialektik, sondern bloße Verschiedenheit. Die Dialektik ist die von Teil und Ganzem, von Verschiedenheit und Einheit zugleich: verschiedene Bestimmungen, die doch Bestimmungen derselben Sache sind.
Damit ist Henrichs Ausgangslage doppelt verfehlt. Erstens hat Hegel das Allgemeinste sehr wohl gesagt; man muss es nicht aus der Aussagenlogik rekonstruieren. Zweitens — und das ist wichtiger — ist dieses Allgemeinste gerade kein anwendbares Einzelprinzip, das sich gleichförmig wiederholte. Es ist die Form einer Bewegung, die sich an jedem Inhalt neu bestimmt. Das §79–82-Schema erklärt, warum man bei Hegel überall Dreigliederungen findet, aber es erklärt nicht die einzelne Bestimmung; die folgt dem Dreischritt nur der Form nach und ist inhaltlich jedes Mal anders — nicht nur zwischen Seins-, Wesens- und Begriffslogik, sondern innerhalb jedes Teils und später in der Realphilosophie.
Dieselbe Grundbewegung lässt sich über die ganze Logik verfolgen, und sie ist in jedem Teil anders gefasst. In der Seinslogik ist sie das Übergehen: Eine unmittelbare Bestimmung verschwindet und wird zur anderen, Sein wird zu Nichts, das Endliche schlägt in die Unendlichkeit um. In der Wesenslogik wird sie zum Scheinen ineinander: Identität und Unterschied verschwinden nicht ineinander, sondern bestimmen sich wechselseitig und bleiben doch beide — Identität ist nur Identität, sofern sie sich von einem Unterschied abhebt, der Unterschied nur Unterschied einer Identität. Hier, an den Reflexionsbestimmungen (Identität und Nicht-Identität, Grund, Widerspruch), steht die Bewegung am ausführlichsten und durchsichtigsten da; es ist der methodische Kern der Logik. In der Begriffslogik wird sie zur Selbstbestimmung: Der Begriff entlässt seine Bestimmungen aus sich selbst.
Ein Blick in die Begriffslogik zeigt es im Einzelnen. Der subjektive Begriff gliedert sich in Allgemeines, Besonderes, Einzelnes, so dass das Besondere sich aus dem Begriff selbst ableiten lässt. Das Urteil setzt einen Begriff erst positiv, dann negativ, dann unendlich, und treibt über die Urteilsformen zu den Schlüssen fort, bis zum disjunktiven Schluss, in dem die Bestimmungen sich wechselseitig ausschließen und zugleich ein Ganzes bilden. Der Übergang zum Objekt überschreitet dann die Grenze, dass im subjektiven Begriff nur der Begriff des Begriffs begriffen war: Nun wird der Begriff von etwas anderem als dem Begriff bestimmt — Mechanismus, Chemismus, Teleologie. Überall dieselbe Grundbewegung, aber überall aus dem Inhalt neu bestimmt, nicht aus einer gleichbleibenden Operation abgeleitet. (Das Beispiel steht hier für viele; ebenso ließe es sich an der Seinslogik oder, am ausführlichsten, an der Wesenslogik durchführen.)
Hier liegt Henrichs eigentlicher Fehler, und er ist das genaue Gegenteil dessen, was er beansprucht. Henrich sucht die eine Operation, die sich immer gleich wiederholt (die autonome Negation), und muss sie konstruieren, weil der Text sie nirgends als solche vorführt. Aber der Text führt sie nirgends als solche vor, weil es sie so nicht gibt: Hegels Grundbewegung existiert nur als die inhaltlich je verschiedene. Was Henrich als Mangel des Textes deutet (Hegel habe die Operation „nie dargelegt"), ist in Wahrheit die Sache selbst — die Bewegung ist nicht ein Prinzip neben den Inhalten, sondern die Form, in der die Inhalte sich entwickeln.
Aus demselben Grund sind die dreieckigen Schemata, mit denen ich Hegels Logik auf hegel.net und hegel-system.de darstelle (bis hin zu einem Poster, das das ganze System als verschachtelte Dreiecke zeigt), pädagogische Eingänge und keine Modelle, die Hegel „anwendet". Sie stellen die Gliederung der Logik nach dem ersten Moment dar, dem verständigen: die festen Unterscheidungen, die klaren Kategorien, den Gegenstand in seinen abgegrenzten Bestimmungen. Von dieser verständigen Gliederung aus muss der Betrachter den Übergang zum Dialektischen und zum Spekulativen selbst vollziehen — das Dreieck zeigt ihn nicht, es zeigt nur, wo er zu vollziehen ist.
Das ist pädagogisch nicht nur zulässig, sondern richtig. Jede Darstellung beginnt mit dem ersten Moment, weil man sich erst mit dem Gegenstand als solchem vertraut machen muss, ehe man seine Bewegung sehen kann; ohne die festen Bestimmungen des Verstandes hätte die Dialektik nichts, woran sie sich vollzöge. Das Dreieck behauptet also keinen fertigen Zusammenhang, es markiert eine Stelle: Hier stehen drei Bestimmungen zueinander — aber welcher Art dieser Zusammenhang ist, muss man zusätzlich denken, an den Inhalten entlang. Ist es eine Teil-Ganzes-Beziehung, eine historische Bewegung, ein Verhältnis von Art und Gattung? Schließen die drei sich gegenseitig aus, stimmt ihre Reihenfolge, wo gibt es Parallelen zu anderen Dreiheiten? Die Form liefert diese Antworten nicht; sie zeigt nur an, dass hier zu fragen ist, ähnlich wie ein Inhaltsverzeichnis die Gliederung anzeigt, ohne den Gedankengang zu ersetzen.
Wer das Schema für die Sache nimmt, macht denselben Fehler wie Henrich mit seiner Operation, nur von der anderen Seite: Er hält die verständige Form für das, worauf es ankommt, und übersieht, dass sie sich erst am Inhalt und in der Bewegung durch die weiteren Momente bestimmt. Der Unterschied ist, dass die Dreiecke sich zu ihrer Einseitigkeit bekennen und von sich aus auf das Dialektische und Spekulative verweisen, das noch zu vollziehen ist — während Henrichs Grundoperation ihre Einseitigkeit (die feste, aussagenlogisch fixierte Negation) für die ganze Sache hält.
Die inhaltlich gefüllte Fassung dieses Allgemeinsten, die ich andernorts als Kernbewegung der Logik formuliert habe, lautet: Selbstbezug (die Bestimmung wendet sich auf sich selbst an), Differenzierung und Einheit in der Differenzierung (die Bestimmung unterscheidet sich in sich und hält die Unterschiede zusammen), Aufhebung (der Widerspruch wird bewahrend überwunden) — und dies innerhalb eines Rahmens der Anerkennung, der nicht eines der drei Momente ist, sondern ihre Ermöglichung. Das entspricht Hegels §79–82 der Sache nach, ist aber so gefasst, dass die Selbstbewegung sichtbar wird, die Henrichs Konstruktion gerade verdeckt.
6. Die historische Frage: wie ein Text dieser Beweislage wirken konnte
Bleibt die Frage, die der Aufsatz aufdrängt: Wie konnte eine Deutung, deren Zentrum nach dem Eingeständnis ihres Autors nicht am Text belegt ist, die Wirkung entfalten, die sie hatte?
Die Antwort liegt in der Lage, in die Hegel im mittleren zwanzigsten Jahrhundert geraten war. Die Frankfurter Schule las ihn mit Adorno als Denker der Totalität, dem gegenüber das Nichtidentische zu retten sei. Die Marxisten hatten ihn „vom Kopf auf die Füße gestellt" und die Logik zur Beschreibung gesellschaftlicher Gesetze reduziert. Die analytischen Philosophen und formalen Logiker hielten ihn für veraltet und nicht rekonstruierbar, für spekulative Kunstprosa ohne prüfbaren Gehalt. In diesem Umfeld galt Hegels Logik weithin als unzugängliche Black Box. Henrich sagt es im Nachtrag selbst: Der Vortrag wollte „ein Auditorium, für das Hegels Werk a limine unter dem Verdacht der Sinnlosigkeit steht, mit Hegelschen Argumenten vertraut machen" (S. 230).
Vor diesem Hintergrund wirkte der Aufsatz als Befreiung: Er versprach, Hegels Logik einen prüfbaren, fast formalen Kern zu geben — eine „Grundoperation", die sich nachvollziehen lässt, ohne dass man die spekulativen Prämissen teilen müsste. Für ein analytisch geschultes Publikum war das ein Angebot, Hegel überhaupt wieder ernst nehmen zu können. Dass der Kern konstruiert und nicht belegt war, fiel weniger ins Gewicht, weil das Publikum keinen Maßstab hatte, an dem es das hätte messen können: Hegel galt ja als unlesbar.
Aber die Prämisse dieses Angebots — Hegels Logik sei eine Black Box, zu der es keinen lucide systematischen Zugang gebe — ist selbst irreführend, und Henrich befördert sie. Schon die unmittelbaren Hegel-Schüler und die Hegelianer der ersten Generation haben eigenständige, klar durchgeführte systematische Darstellungen der Logik vorgelegt: Johann Eduard Erdmann seinen „Grundriß der Logik und Metaphysik" (Halle 1841), Karl Rosenkranz seine zweibändige „Wissenschaft der logischen Idee" (1858/59), Karl Ludwig Michelet die Logik als ersten Band seines „System der Philosophie" (1876). Diese Texte sind luzide, am Hegelschen Gedankengang orientiert und ohne den Umweg über eine konstruierte Grundoperation verständlich; sie belegen, dass Hegels Logik systematisch erläutert werden kann. Die Legende von der unzugänglichen Black Box übergeht diese Tradition — und gerade ihr Übergehen schuf den Raum, in dem eine unbelegte Konstruktion als Schlüssel erscheinen konnte. (Die genannten Werke sind heute leicht zugänglich, unter anderem digitalisiert auf hegel.net.)
Wie Henrich sich in diesem Umfeld den Ruf erarbeitete, Hegel besser zu verstehen als andere, ist eine eigene Frage. Der Aufsatz selbst gibt darauf keine Antwort, die aus seinem Gehalt käme — seine Autorität stützt sich, in Henrichs eigenen Worten über die Dialektik, eher „auf die Meisterschaft derer, die sich ihrer bedient haben" (S. 213) als auf die ausgewiesene Sache.
Was offen bleibt
Zwei Fragen bleiben, weil sie über diesen Aufsatz hinausgehen.
Die erste betrifft Henrichs übrige Arbeiten. Wenn sich die hier gezeigte Denkform auch in seiner Selbstbewußtseinstheorie und in seiner Deutung des Übergangs von der Seins- zur Wesenslogik findet, wäre das an jenen Texten eigens zu prüfen. Der Verdacht ist begründet, der Nachweis steht aus.
Die zweite betrifft die positive Aufgabe, und sie ist oben (§5) begonnen: die selbstbezügliche Negation steht als immanente Selbstbewegung im Text — als das Allgemeinste, das Hegel in den drei Momenten (Enz. §79–82) selbst benannt hat, und in ihren verschiedenen Gestalten durch die Logik hindurch: als Übergehen in der Seinslogik, als Scheinen ineinander in der Wesenslogik, als Entwicklung in der Begriffslogik.
Wer das ausführen will, findet den Weg in Hegels Text und braucht keine Grundoperation, die von außen an ihn herangetragen wird.