Häufige Fragen: Hegels Naturphilosophie

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Hat Hegel die Naturwissenschaft abgelehnt?

Nein. Er hat sie vorausgesetzt und wollte etwas anderes tun.

Die Naturphilosophie referiert auf hunderten Seiten den Stand der Physik, Chemie und Biologie seiner Zeit — Hegel las die Fachzeitschriften und korrespondierte mit Naturforschern. Was er bestreitet, ist, daß die Beschreibung schon die Erklärung sei: daß man verstanden habe, was Leben ist, wenn man Organismen klassifiziert hat.

Sein Anspruch war, die Ordnung der Naturbestimmungen begrifflich zu entwickeln — zu zeigen, warum auf Raum und Zeit die Materie folgt und auf die Materie das Leben. Ob das gelingt, ist eine andere Frage.

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Was ist mit den Planetenbahnen?

Der bekannteste Vorwurf — und er hält der Prüfung nicht stand.

In Poppers Fassung lautet er: Hegel habe „die wirkliche Position der Planeten abgeleitet und dadurch bewiesen, daß sich kein Planet zwischen Mars und Jupiter befinden könne — unglücklicherweise war es seiner Aufmerksamkeit entgangen, daß ein solcher Planet wenige Monate vorher entdeckt worden war."

Was 1801 wirklich bekannt war. Piazzi sah das Objekt am

  1. Januar 1801 und konnte es über neun Grad verfolgen — zweieinhalb Prozent seiner Bahn. Er hielt es zunächst für einen Kometen und erwog nur nebenbei, es könne der nach der Titius-Bode-Reihe erwartete Planet sein. Ob Planet oder Komet, war mit den damaligen Daten nicht zu entscheiden; die Spektralanalyse, mit der man das heute unterscheidet, gab es nicht.

Gauß rechnete die Bahn im Laufe des Jahres 1801 und teilte das Ergebnis Kollegen brieflich mit; veröffentlicht hat er es 1809. Olbers fand das Objekt am 7. Dezember 1801 wieder — vorher war nicht einmal gesichert, daß es noch da war. Lalande hielt auch Gauß’ Rechnung für keinen Beweis, weil sie auf kleinste Fehler in den Meßdaten empfindlich reagierte.

Hegels Habilitation erschien im August 1801. Zu diesem Zeitpunkt gab es keinen entdeckten Planeten, sondern ein Objekt unklarer Natur, das seit Februar niemand mehr gesehen hatte.

Was Hegel wirklich schrieb. Die letzten beiden Seiten seiner Schrift geben eine Zahlenreihe für die Abstände der Planeten an — als Vorschlag, nicht als Ableitung. Sein Einwand gegen die Titius-Bode-Reihe ist doppelt, und beides ist das Gegenteil dessen, was man ihm nachsagt.

Erstens fehlt der Reihe die empirische Grundlage — und zwar genau dort, wo sie am meisten behauptet. Die Reihe verlangt einen Planeten zwischen Mars und Jupiter. Als Hegel schrieb, war keiner entdeckt: da war eine Lücke. Er hält der Reihe also vor, was ihm selbst seit zweihundert Jahren vorgeworfen wird — daß sie über die Erfahrung hinausgeht.

Zweitens fehlt ihr die innere Notwendigkeit. Sie ist eine Zahlenfolge, die zufällig paßt, ohne einen Grund dafür angeben zu können.

Die Verbindung ist der eigentliche Witz: eine Reihe, die nur empirisch begründet war, ohne begriffliche Notwendigkeit — und die an dem einen Punkt, an dem sie über die Erfahrung hinausging, den Tatsachen widersprach.

Die Reihe gilt heute als numerische Zufälligkeit ohne physikalischen Gehalt.

Später hat Hegel sich ausdrücklich geäußert (Enz. §270, Zusatz) und festgehalten, daß sich die Abstände nicht aus dem Begriff ableiten lassen, sondern der Erfahrung entnommen werden müssen. Genau das ist Popper entgangen — der ihm vorwirft, etwas übersehen zu haben.

Was er eigentlich tut. Hier steht der Vorwurf auf dem Kopf. Hegel leitet nicht aus dem Begriff ab, was die Erfahrung dann zu bestätigen hätte — er sucht eine Reihe, die zu den gemessenen Abständen besser paßt als die vorhandene. Wer aus Begriffen deduziert, braucht keine Meßwerte; wer sie prüft, hat den umgekehrten Weg eingeschlagen.

Dabei greift er auf einen platonischen Gedanken zurück, denselben, der Kepler bewegt hat: daß die Formeln, in denen die Natur sich beschreiben läßt, nicht beliebig sind. Man kann fragen, warum gerade dieses Verhältnis gilt und kein anderes — und die Antwort kann nicht lauten „zufällig".

Das ist kein Einfall am Rande, sondern derselbe Gedanke, den die Logik unter dem Maß entwickelt: eine Größe gehört zur Sache und ist nicht gleichgültig gegen sie. Wasser gefriert bei null Grad, und das ist keine Verabredung.

Was bleibt. Ceres ist kein Planet, sondern ein Zwergplanet im Asteroidengürtel — die Astronomie hat den Status zweimal geändert. Hegels Reihe hat sich nicht durchgesetzt, ebensowenig wie die Titius-Bode-Reihe. Aber das ist der gewöhnliche Ausgang eines Versuchs und etwas anderes als das, was ihm nachgesagt wird.

Weiter: Das spezifische Quantum · Das Maß · Ceres und die Habilitation · Die Abstände der Planeten · Himmelskörper

Wollte Hegel die Schreibfeder deduzieren?

Das hat Wilhelm Traugott Krug gefordert, spöttisch, und Hegel und Schelling haben ebenso spöttisch geantwortet.

Der Spott traf einen wunden Punkt. Wenn die Naturphilosophie die Bestimmungen der Natur aus dem Begriff entwickelt — wo hört das auf? Bei den Gattungen? Bei den Arten? Bei diesem Kiesel?

Hegels Antwort: die Natur ist der Bereich, in dem der Begriff sich nicht rein durchsetzt. Sie ist „die Idee in der Form des Andersseins", und das Einzelne darin ist zufällig. Die Philosophie zeigt die Ordnung, nicht das Exemplar.

Das ist eine ehrliche Grenzziehung — und zugleich die Stelle, an der Hegels System durchlässig wird.

Weiter: Krug · Zufälligkeit im Glossar

Hat Hegel die Evolution bestritten?

Ja, und die Stelle ist eindeutig. In der Enzyklopädie heißt es, die Natur sei „als ein System von Stufen zu betrachten … aber nicht so, daß die eine aus der anderen natürlich erzeugt würde" (§249 Zusatz). Die Stufenfolge ist begrifflich, nicht zeitlich.

Der Grund ist zeitbedingt. Die Kosmologie um 1820 kannte keine Entwicklung — die Natur schien ewig und nur räumlich geordnet. Und Lamarcks Entwicklungslehre von 1809 erschien Hegel mechanistisch: eine Reihe von Zufällen, aus der kein Begriff folgt.

Heute wissen wir es anders. Die Erde hat Geschichte, das Leben hat Geschichte, und beide sind eine durchgehende Entwicklung.

Läßt sich das System mit der Evolution vereinbaren?

Wir halten es für möglich — und zwar mit Hegels eigenen Mitteln.

Er entwickelt für das Leben drei Prozesse (§342): die Gestaltung, in der sich ein Organismus innerlich gliedert; die Assimilation, in der er sich Äußeres aneignet; den Gattungsprozeß, in dem er über sich hinausgeht und sich fortpflanzt. Der dritte ist die Selbstaufhebung: das Einzelne vergeht, die Gattung besteht fort und verändert sich dabei.

Genau das beschreibt die Evolution. Was Hegel als logische Struktur des Lebendigen entwickelt, ist die Form dessen, was Darwin als Vorgang beschreibt. Der Widerspruch liegt nicht in der Struktur, sondern in Hegels Behauptung, die Stufen gingen nicht auseinander hervor — und diese Behauptung ist von seiner Struktur nicht gefordert, sondern setzt sich ihr entgegen.

Ausführlicher steht das im Kapitel zum Übergang in die Realphilosophie, wo auch gezeigt wird, daß dieselben drei Prozesse sich außerhalb der Biologie finden: an Theorien, die sich ausdifferenzieren, sich empirisch bewähren und über Paradigmenwechsel erneuern; an Institutionen; an Kulturen. Das ist keine Metapher, sondern dieselbe Struktur in verschiedenen Bereichen.

Weiter: Darwin und die Herausforderung des Zufalls · Tierisches Leben · Der Gattungsprozeß · Werkstattbericht zur Ordnung

Was ist von der Naturphilosophie übrig?

Weniger als von den anderen Teilen, und mehr als der Ruf sagt.

Überholt ist fast alles Konkrete: die Chemie, die Physiologie, die Geologie, die Astronomie. Wer dort nach Erkenntnissen sucht, findet den Stand von 1820.

Brauchbar geblieben ist die Frage nach den Übergängen — wo hört Physik auf und fängt Chemie an, wo Chemie und fängt Leben an. Daß diese Grenzen nicht bloß Verabredung sind, sondern etwas über die Sache sagen, ist ein Gedanke, den auch die Emergenztheorien der Gegenwart verfolgen, ohne Hegel zu nennen.

Unsere eigene Ordnung der Natur ist ein Versuch in dieser Richtung; was dabei gelingt und was nicht, steht in den Werkstattberichten.


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