Häufige Fragen: Nach Hegel

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Was ist aus Hegels Schule geworden?

Sie zerfiel innerhalb eines Jahrzehnts nach seinem Tod.

Der Anlaß war ein Buch: David Friedrich Strauß’ Leben Jesu von 1835 wandte Hegels Unterscheidung von Vorstellung und Begriff auf die Evangelien an — sie seien Mythos, nicht Bericht. Die Frage, ob das hegelisch sei, spaltete die Schule in eine Rechte, die am Christentum festhielt, und eine Linke, die es preisgab.

Beide beriefen sich auf denselben Text. Das ist keine Panne, sondern verrät etwas über das System: es läßt beide Lesarten zu.

Weiter: Die Hegelsche Schule und ihr Zerfall · Strauß

Hat Marx Hegel „vom Kopf auf die Füße gestellt"?

So hat er es selbst genannt, und die Formel führt in die Irre.

Marx wirft Hegel vor, das Denken für das Erste zu halten und die Verhältnisse für sein Erzeugnis; in Wahrheit sei es umgekehrt.

Die Erzählung, die daraus geworden ist, stammt von ihm selbst und ist so verbreitet, daß sie kaum noch als Behauptung auffällt: Hegel habe die Welt aus dem Denken abgeleitet, Marx ihn vom Kopf auf die Füße gestellt, und wer dem einen folgt, sei an den anderen nicht mehr gebunden.

Als Beschreibung dessen, wie Marx sich verstanden hat, trifft sie. Als Beschreibung dessen, was er tut, trägt sie nicht. Sein Verfahren ist hegelianisch, bevor er es gegen Hegel wendet: er beginnt beim Abstraktesten und entwickelt daraus das Konkretere, er sucht den Widerspruch in der Sache statt zwischen Meinungen, und er zeigt, wie eine Ordnung hervorbringt, was sie aus sich nicht auflösen kann. Das ist keine Anleihe bei einer Methode, die man auch anders haben könnte — es ist dieselbe Ordnungsform.

Was man von wem bekommt. Hegel liefert, was auseinander hervorgehen muß: daß Eigentum vor Vertrag kommt, das Abstrakte vor dem Konkreten, und daß einem späteren Begriff schon in seiner Voraussetzung etwas mitgegeben ist. Zwei Mißverständnisse sind dabei fernzuhalten — die Logik ist weder eine Ableitung der Wirklichkeit, aus der man entnehmen könnte, was empirisch der Fall ist, noch eine bloße Suchanleitung ohne eigenen Ertrag.

Marx liefert den Stoff und die Probe: welche Verhältnisse tatsächlich bestehen, was sie tragen und woran sie zerbrechen. Die Frage „Hegel oder Marx" ist darum falsch gestellt.

Weiter: Marx · Hegel und Marx · Der Verdacht gegen die Verhältnisse

Was war Kierkegaards Einwand?

Daß das System das Einzelne nicht fassen kann — und daß gerade darauf alles ankommt.

Hegel begreift den Menschen als Moment des Geistes: bestimmt durch Sprache, Recht, Sitte, die vor ihm da waren. Kierkegaard hält dagegen, daß meine Existenz nicht in dem aufgeht, was allgemein von mir gilt. Was ich zu entscheiden habe, entscheide ich als dieser und kein anderer, und davon weiß der Begriff nichts.

Was Hegel darauf antworten würde. Daß der Einwand voraussetzt, das Einzelne sei ein Rest, der nach Abzug des Allgemeinen übrigbleibt. Genau das ist es bei ihm nicht. Das Einzelne ist das dritte Moment — der Ort, an dem Allgemeines und Besonderes zusammen wirklich werden, und ohne den beide bloße Abstraktionen blieben.

Eine Ärztin mit indischer Herkunft, die in Deutschland arbeitet, ist nicht halb dies und halb das. Wenn sie behandelt, tut sie es nach den Regeln ihres Fachs, aus ihrer Herkunft heraus und als diese Person mit dieser Geschichte — alles drei in einem Zug. Wer das eine gegen das andere ausspielt, hat den Begriff des Einzelnen verloren, um den es geht.

Damit ist Kierkegaard nicht erledigt. Sein Einwand trifft, wo das Allgemeine so vorgetragen wird, als wäre das Einzelne sein Anwendungsfall — und das kommt in der Hegel-Nachfolge oft genug vor. Er ist die schärfste Form der Frage, ob eine Philosophie des Ganzen dem Einzelnen gerecht wird, und sie muß jedesmal neu beantwortet werden.

Weiter: Kierkegaard · Allgemeines, Besonderes, Einzelnes

Warum haben die analytischen Philosophen Hegel abgelehnt?

Weil sie am Anfang gegen ihn antraten.

Russell und Moore begannen als Hegelianer — die britische Philosophie um 1900 war weitgehend hegelianisch — und brachen damit. Ihr Vorwurf: Hegels Sätze lassen sich nicht prüfen, seine Sprache verschleiert, wo sie zu klären vorgibt. Wer sagt, das Endliche sei zugleich unendlich, sagt für sie nichts.

Das hielt achtzig Jahre. Seit den 1990er Jahren wird er wieder gelesen, und zwar von zwei Seiten zugleich: in Pittsburgh von Brandom und McDowell, die bei ihm Antworten auf Fragen finden, an denen ihre eigene Tradition hängengeblieben war — und in Leipzig von Stekeler-Weithofer, dessen Hegels Analytische Philosophie schon 1992 zeigte, daß sich beides zusammendenken läßt.

Was dabei mitläuft. In dieser Rückkehr wird gestritten, ob die Logik Metaphysik sei oder Theorie der Begründung — „Pippin gegen Pinkard". Der Streit ist ernst gemeint und sorgfältig geführt, nur setzen beide Seiten voraus, was Hegel gerade auflöst: daß Denken und Sein zweierlei sind, zwischen denen eine Brücke zu schlagen wäre.

Weiter: Die Pittsburgh School · Analytischer Hegelianismus

Warum wird Hegel wieder gelesen?

Mehrere Gründe fallen zusammen.

Die philologische Arbeit hat die Grundlage geändert: die historisch-kritische Ausgabe und die Vorlesungseditionen zeigen einen anderen Hegel als die Freundesvereinsausgabe des 19. Jahrhunderts — beweglicher, weniger fertig.

Sachlich: Fragen, die er stellt, sind zurückgekommen. Wie hängen Bewußtsein und Welt zusammen, ohne daß eines auf das andere reduziert wird? Was macht Institutionen legitim? Wie läßt sich von Freiheit reden, ohne sie zum Belieben zu machen?

Und schließlich: die Alternativen haben ihre eigenen Grenzen gezeigt. Der Positivismus ist an seinem Sinnkriterium gescheitert, die Postmoderne an der Frage, warum ihre eigene Position gelten soll.

Weiter: Die Rückkehr zum System · Rezeptionsgeschichte

Wer sind die wichtigsten Hegel-Interpreten heute?

Eine Auswahl, ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

Im deutschen Sprachraum. Pirmin Stekeler-Weithofer hat das umfassendste moderne Kommentarwerk vorgelegt: dialogische Kommentare zur Logik (drei Bände), zur Phänomenologie, zur Rechtsphilosophie und zur Realphilosophie, erschienen zwischen 2014 und 2024. Sein Frühwerk Hegels Analytische Philosophie (1992) war der wegweisende Versuch, Hegel mit der analytischen Philosophie zusammenzudenken.

Klaus Vieweg hat mit Hegel — Der Philosoph der Freiheit (2019) die umfangreichste Biographie geschrieben, mit großer Detailtiefe zu Leben und Werk.

Christian Iber arbeitet anders: seine Metaphysik absoluter Relationalität (1990) geht die ersten beiden Kapitel der Wesenslogik Satz für Satz durch. Es ist das Standardwerk der mikroskopischen Analyse — und zeigt, daß „Reflexion" bei Hegel kein psychologischer Akt ist, sondern eine objektive Struktur.

Im angelsächsischen Raum. Robert Brandom und John McDowell haben Hegel in die analytische Diskussion zurückgeholt. Stephen Houlgate liest ihn Schritt für Schritt von innen — für alle, die die Zwingendigkeit der Argumentation nachvollziehen wollen, ist The Opening of Hegel’s Logic der Zugang.

Richard Dien Winfield geht weiter als jeder Kommentar: er verteidigt Hegels Anspruch auf eine voraussetzungslose Wissenschaft und hat alle drei Teile der Enzyklopädie neu durchgeführt — Logik, Natur und Geist, über zwei Jahrzehnte hinweg und bis in die Wirtschafts- und Rechtsphilosophie hinein.

Julie Maybees Picturing Hegel (2009) ist wenig gelesen worden, und der Titel dürfte daran schuld sein: er läßt an ein Bilderbuch denken. Tatsächlich ist es eine der klarsten Darstellungen der Logik überhaupt, und sie trägt auch ohne die Diagramme. Ihre These der Notwendigkeit als Erschöpfung — ein Übergang wird zwingend, weil alle Möglichkeiten einer Stufe durchgespielt sind — sagt genau, was andere vage „immanenten Widerspruch" nennen.

Robert Pippin und Terry Pinkard werden oft als Gegner in der Frage geführt, ob die Logik Metaphysik sei. Der Streit setzt allerdings voraus, was Hegel gerade auflöst — die Trennung von Denken und Sein. Näheres in der Antwort dazu.

Weiter: Personen · Die systematische Wende


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