Häufige Fragen: Hegels Logik

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Was ist Dialektik?

Bei Hegel ist Dialektik der zweite von drei Schritten — nicht das Ganze der Bewegung.

Das ist der häufigste Irrtum, und er hat eine Geschichte. Hegel selbst unterscheidet in der Enzyklopädie (§79–82) drei Seiten des Denkens:

Der Verstand (§80) hält fest. Er unterscheidet, grenzt ab, bestimmt: das ist dies und nicht jenes. Ohne ihn gäbe es keine Klarheit, und Hegel spricht mit Achtung von ihm — wer nicht unterscheiden kann, denkt gar nicht.

Das Dialektische (§81) ist die Bewegung, in der eine solche Bestimmung an ihre Grenze kommt. Nicht weil jemand widerspricht, sondern weil sie an sich selbst umschlägt: das Endliche zeigt sich als das, was über sich hinausweist. Hegel nennt das auch das negativ-vernünftige Moment.

Das Spekulative (§82) hält beides zusammen — die Bestimmung und ihr Umschlagen — und findet die Ansicht, von der aus beides Sinn ergibt. Das positiv-vernünftige Moment.

Diese drei sind nicht drei Teile der Logik, sondern Momente jedes Begriffs. Deshalb stellen wir Hegels System als Dreiecke dar: das mittlere Dreieck ist der Verstand, die kleinen sind das Dialektische, das obere die Aufhebung.

Wann setzt die Bewegung ein? Wenn etwas problematisch wird. Solange nichts widerspricht, bleibt es beim Verstand, und das ist in Ordnung. Erst wo Grenzen, die man gezogen hat, sich als unhaltbar zeigen — verschiedene Interessen, unvereinbare Sichtweisen, Begriffe, die nicht tragen —, entsteht der Druck, weiterzugehen.

Weiter: Kommentar zu Enz. §79–82 · Die Methode als Dreieck · Dialektik im Glossar

Ist Dialektik nicht These – Antithese – Synthese?

Nein, und die Formel stammt nicht von Hegel.

Sie geht auf Chalybäus zurück, der 1837 Hegel populär darstellen wollte, und wurde über die marxistische Tradition allgemein bekannt. Hegel selbst verwendet sie nicht.

Warum sie irreführt. Sie legt nahe, es träten zwei fertige Positionen gegeneinander an, und ein Dritter vermittle. Bei Hegel geht die Bewegung aus der Sache selbst hervor: die erste Bestimmung erzeugt ihren Gegensatz, weil sie sich als einseitig erweist. Niemand stellt ihn ihr gegenüber.

Die Verwirrung um das Wort. In der marxistischen Tradition heißt „Dialektik" die ganze Bewegung — Verstand, Umschlag, Aufhebung. Bei Hegel heißt so nur der mittlere Schritt. Beide Sprechweisen sind eingebürgert; man muß nur wissen, welche gerade gemeint ist. Wo hier von Dialektik im weiten Sinn die Rede ist, steht es dabei.

Weiter: Kommentar zu Enz. §79–82

Was heißt „Aufhebung"?

Drei Dinge zugleich, und Hegel nutzt das absichtlich aus: beenden, bewahren, emporheben.

Wer eine Sitzung aufhebt, beendet sie. Wer ein Dokument aufhebt, bewahrt es. Wer etwas aufhebt, das am Boden liegt, hebt es hoch. Im dialektischen Übergang geschieht alles drei: die frühere Stufe gilt nicht mehr für sich, ihr Wahres bleibt erhalten, und es steht jetzt in einem größeren Zusammenhang.

Woher die Dreiteilung stammt. Nicht von Hegel selbst — er nutzt die Doppeldeutigkeit des Wortes, benennt sie aber nicht in dieser Form. Der erste, der sie ausspricht, ist sein Schüler Johann Eduard Erdmann, und zwar in einer Fußnote: „Aufheben im dreifachen Sinne des tollere, conservare, elevare genommen; daher aufheben und herabsetzen zugleich." (Grundriß der Logik und Metaphysik, 1841, S. 20, § 33, Anm. 1)

Wer heute die drei Bedeutungen aufzählt, zitiert also Erdmann und meint Hegel.

Deshalb ist Hegels Kritik an einer Position nie bloße Ablehnung. Was er widerlegt, behält er zugleich — als Moment eines Ganzen, das mehr umfaßt.

Weiter: Aufhebung im Glossar · Enz. §96 Anmerkung

Warum immer drei? Ist das nicht Zahlenmystik?

Der Verdacht ist berechtigt, und Hegel selbst hat ihn geteilt: er spottet über die „Triplizität" als bloßes Schema, wenn sie von außen an einen Stoff herangetragen wird.

Die Dreiheit soll bei ihm nicht gesetzt, sondern gefunden sein. Sie ergibt sich, wo sie sich ergibt: etwas ist zunächst für sich, dann zeigt sich sein Verhältnis zu anderem, dann ist beides zusammen begriffen. Wo Hegel etwas anders teilt, teilt er es anders — die Urteilsformen etwa sind vierfach.

Für unsere Darstellung gilt dasselbe mit einer Einschränkung: die Dreiecke zwingen die Dreiheit auch dort, wo die Sache sie nicht hergibt. Wo wir das getan haben, steht es dabei — etwa in den Werkstattberichten zur Natur.

Weiter: Moment im Glossar · Ordnungsweisen

Was ist ein „Begriff" bei Hegel?

Nicht das, was man gewöhnlich so nennt.

Gewöhnlich ist ein Begriff eine Vorstellung im Kopf, die man von Dingen abzieht: man sieht viele Bäume und bildet den Begriff „Baum". Bei Hegel ist der Begriff das, was die Sache selbst ausmacht — ihre innere Bestimmtheit, nach der sie ist, was sie ist. Nicht unsere Zusammenfassung, sondern ihr Bauplan.

Daraus folgt der Satz, der am meisten Widerspruch erregt: daß der Begriff sich selbst bewegt. Gemeint ist nicht, daß Gedanken ein Eigenleben führen, sondern daß die Bestimmungen einer Sache auseinander folgen und nicht beliebig zusammengestellt sind.

Weiter: Begriff im Glossar · Einführung in den Begriff · Kommentar zur Logik, Kapitel 9

Behauptet Hegel, daß Widersprüche wahr sind?

Nein — aber er behauptet, daß sie wirklich sind.

Der Unterschied entscheidet. Hegel bestreitet nicht, daß ein Satz und sein Gegenteil nicht beide zutreffen können. Er behauptet, daß die Wirklichkeit Spannungen enthält, die sich nicht durch bessere Formulierung auflösen lassen: eine Gesellschaft kann Freiheit versprechen und Zwang ausüben, und das ist kein Denkfehler, sondern ihr Zustand.

Die Logik soll solche Spannungen nicht wegdefinieren, sondern zeigen, wohin sie treiben. Wer sie glättet, verliert die Sache aus dem Blick.

Weiter: Widerspruch im Glossar · Wissenschaft der Logik, Zweites Buch, Kapitel 2

Ist die Logik Spekulation ohne Bezug zur Erfahrung?

Nein — sie entwickelt die Strukturen, in denen Erfahrung überhaupt möglich ist.

Die Kategorien, die sie durchgeht — Sein, Wesen, Ursache, Zweck —, sind keine Einfälle. Sie werden aus der Selbstprüfung des Denkens gewonnen, und dieses Denken ist immer schon erfahrungsbezogen. Ohne sie ließe sich nichts von dem sagen, was die Naturwissenschaft sagt: daß etwas Ursache von etwas ist, daß ein Vorgang einem Zweck dient, daß eine Größe ein Maß hat.

Sie steht also nicht gegen die Erfahrung, sondern legt frei, was in ihr vorausgesetzt ist. Ohne Rückhalt an der Erfahrung gäbe es allerdings auch keine Wahrheit — ein in sich stimmiges Märchen ist noch keines.

Weiter: Die Natur

Verwechselt Hegel Logik und Ontologie?

Er überwindet die Trennung — und das ist etwas anderes als eine Verwechslung.

Die Frage unterstellt, es gebe auf der einen Seite bloße Denkformen und auf der anderen die Strukturen des Seins, und wer beides gleichsetze, mache einen Fehler. Bei Hegel sind die logischen Kategorien zugleich Grundbestimmungen dessen, was ist — nicht weil die Wirklichkeit ein Erzeugnis des Denkens wäre, sondern weil das Denken selbst ein Moment der Wirklichkeit ist und sie nicht von außen erschließt.

Das ist die schwierigste Stelle seiner Philosophie und der Punkt, an dem die meisten aussteigen. Es ist aber kein Versehen, sondern das Ergebnis eines Arguments: wer die Grenze des Denkens angibt, steht bereits jenseits von ihr.

Weiter: Ist die Logik Metaphysik? · Kommentar zur Logik

Endet die Logik im Dogmatismus?

Nein. „Absolut" heißt bei Hegel: ohne logische Voraussetzung — nicht: allwissend.

Die absolute Idee am Ende der Logik ist nicht das Ende des Denkens, sondern die Einsicht in seine Methode. Sie erkennt ihre eigenen Grenzen und geht darum über in Natur und Geist: sie weiß, daß sie aus sich nicht erzeugen kann, was ihr dort begegnet.

Die Logik beansprucht nicht, konkrete Fragen zu beantworten. Sie legt die Strukturen frei, in denen sich Fragen stellen und beantworten lassen. Wer von ihr erwartet, sie sage, wie viele Planeten es gibt, hat sie mißverstanden — und dieser Irrtum hat Hegel viel gekostet.

Weiter: Ist Hegels System abgeschlossen?

Ist die Logik rein formal — ohne Ethik, ohne das Du?

Das ist das folgenreichste Mißverständnis, und es hält der Prüfung nicht stand.

In der Begriffslogik, besonders bei Leben, Erkennen und der absoluten Idee, zeigt sich: das denkende Subjekt ist nie allein. Die Logik setzt das Du voraus, ohne es eigens zu nennen — denn jeder Gedanke, jede Begründung richtet sich an jemanden, der zustimmen oder widersprechen kann. Wer für sich allein dächte, brauchte keine Gründe.

Damit sind die Strukturen der Anerkennung und die Grundlagen ethischer Maßstäbe in der Logik angelegt. Hegel hat sie dort nicht ausdrücklich entwickelt — das geschieht erst in der Philosophie des Geistes —, aber sie sind vorbereitet, und wer die Logik für ein formales Regelwerk hält, übersieht das.

Weiter: Anerkennung · Der Geist

Muß ich die Logik lesen, um Hegel zu verstehen?

Für ein erstes Verständnis nicht — für ein tragfähiges ja.

Man kann die Rechtsphilosophie lesen und viel davon haben, ohne die Logik zu kennen. Aber an den entscheidenden Stellen wird unverständlich, warum ein Schritt auf den nächsten folgt: warum aus dem abstrakten Recht die Moralität hervorgeht, warum die Familie vor der bürgerlichen Gesellschaft steht. Diese Übergänge sind logisch, nicht historisch oder pädagogisch.

Wer sie hat, versteht die übrigen Teile in der halben Zeit — das ist der Grund, warum wir im Einstieg empfehlen, mit der Logik zu beginnen, sofern ein Kommentar danebenliegt.

Welche Logik? Die kleine, in der Enzyklopädie. Sie ist knapper als die große und hat Zusätze aus den Vorlesungen, in denen Hegel deutlicher wird als in den Lehrbuchparagraphen. Unser Kommentar folgt ihr in achtzehn Kapiteln.

Und die Nachschriften. Wenig bekannt: zur Logik gibt es Vorlesungsnachschriften, in denen Hegel freier spricht als in den Lehrbuchparagraphen. Bei Meiner sind zwei Bände der Ausgewählten Nachschriften einschlägig — Berlin 1831, nachgeschrieben von seinem Sohn Karl (Band 10), und Heidelberg 1817, mitgeschrieben von F. A. Good (Band 11).

Vollständiger ist Band 23 der Gesammelten Werke, herausgegeben von Annette Sell: drei Teilbände mit den Nachschriften von 1801/02 bis 1831. Wer wissen will, wie Hegel dieselbe Stelle über dreißig Jahre hinweg verschieden erklärt hat, findet es dort.

Nicht die Phänomenologie. Sie wird oft als Einstieg empfohlen, mit dem Hinweis, Hegel selbst habe sie 1807 als Einleitung ins System konzipiert. Das stimmt für 1807 — aber Hegel hat sich davon später distanziert; bei der geplanten Neuausgabe kurz vor seinem Tod nannte er sie ein eigentümliches früheres Werk.

Ihr Wert liegt woanders: sie zeigt, wie Maßstäbe des Erkennens selbst fragwürdig werden, wenn man sie am Gegenstand prüft. Das ist eine Vorbereitung — aber eine schwerere als die Logik, nicht eine leichtere.

Weiter: Wie fange ich an? · Kommentar zur Logik · Die Phänomenologie

Ist die Logik Metaphysik oder Erkenntnistheorie?

Die Frage setzt voraus, was Hegel gerade bestreitet.

Sie unterstellt eine Trennung: hier das Denken, dort das Sein — und dann sei zu klären, wovon die Logik handelt. Genau diese Trennung ist der Punkt, über den Hegel hinausgeht.

Er tut das nicht durch Behauptung, sondern indem er Kant zu Ende führt. Kant hatte gezeigt, daß wir die Welt nie anders haben als durch die Formen unseres Erkennens — und daraus geschlossen, das Ding an sich bleibe unerreichbar. Hegel fragt zurück: woher weiß man von einer Grenze, wenn nicht dadurch, daß man schon über ihr steht? Wer die Schranke des Denkens angibt, ist mit ihr bereits hinaus.

Damit fällt die Alternative weg. Die Bestimmungen, mit denen wir denken, sind keine Brille vor der Wirklichkeit, sondern deren eigene Bestimmungen — sonst wäre unerklärlich, warum sie an ihr etwas ausrichten.

Warum die Debatte trotzdem läuft. In der angelsächsischen Forschung wird der Streit unter „Pippin gegen Pinkard" geführt: die eine Seite liest die Logik metaphysisch, die andere nachkantisch als Theorie der Begründung. Beide Seiten argumentieren sorgfältig — nur setzen beide die Trennung voraus, die Hegel auflöst. Der Streit ist darum weniger ein offener als ein Rückfall hinter das, worum es geht.

Dieselbe Struktur kennt man aus dem Streit zwischen Kohärenz- und Korrespondenztheorie der Wahrheit: ist ein Satz wahr, weil er zu unseren übrigen Überzeugungen paßt, oder weil er mit der Wirklichkeit übereinstimmt? Auch hier setzen beide Seiten Innen und Außen als getrennt voraus — und übersehen, daß wir die Trennung selbst erst gelernt haben, am Widerstand der Dinge.

Weiter: Die Pippin-Pinkard-Debatte · Analytischer Hegelianismus · Kant im System


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