Kommentar zur Naturphilosophie, Kapitel 9
Ohnmacht, Ziel und Einteilung (§§ 250–252)
Die Ohnmacht der Natur. „Es ist die Ohnmacht der Natur, die Begriffsbestimmungen nur abstrakt zu erhalten und die Ausführung des Besonderen äußerer Bestimmbarkeit auszusetzen.“ (§ 250) Die Anmerkung zieht die Folgerung für die Philosophie selbst: „Jene Ohnmacht der Natur setzt der Philosophie Grenzen, und das Ungehörigste ist, von dem Begriffe zu verlangen, er solle dergleichen Zufälligkeiten begreifen - und, wie es genannt worden, konstruieren, deduzieren“. Gemeint ist Wilhelm Traugott Krug, der von der Naturphilosophie verlangt hatte, sie solle seine Schreibfeder deduzieren. Und Hegel fügt hinzu: „Spuren der Begriffsbestimmung werden sich allerdings bis in das Partikulärste hinein verfolgen, aber dieses sich nicht durch sie erschöpfen lassen.“ Den Ausdruck gebraucht Hegel schon in der Logik, beim Besonderen: „In der Natur finden sich freilich in einer Gattung mehr als zwei Arten […]. Es ist dies die Ohnmacht der Natur, die Strenge des Begriffs nicht festhalten und darstellen zu können“ (TWA 6, 282; Hegels Logik, 9.4a). An derselben Stelle heißt es, der Natur sei es „freigegeben, in dieser Verschiedenheit sich zu ergehen“. In der Ohnmacht kündigt sich also schon das Freilassen an, mit dem die Logik endet (Kap. 5b und 5c). [KF]
Er nennt auch, woran man die Ohnmacht sieht: „Die Natur vermischt allenthalben die wesentlichen Grenzen durch mittlere und schlechte Gebilde, welche immer Instanzen gegen jede feste Unterscheidung abgeben“. Wer Missbildungen als mangelhaft beurteilt, setzt einen Typus voraus, der nicht aus der Erfahrung stammt, denn diese liefert die Missbildungen gleich mit; er setzt „die Selbständigkeit und Würde der Begriffsbestimmung“ voraus (§ 250 Anm.). Das Kolleg gibt ein Bild, das in Kap. 14 wiederkehrt: „Durch einen Stein wird das organische Leben eines Menschen zerstört. Es kann geschehn.“ (S. 11)
Was daraus für diesen Band folgt. Die dritte Ebene aus Kap. 2, die Behauptungen über Einzelnes, ist damit nach Hegels eigenem Maßstab bestimmt. Wo er Einzelnes aus dem Begriff festlegen will, etwa die Fünfzahl der Sinne oder die Ordnung der vier Elemente (Kap. 22), verstößt er gegen § 250, nicht gegen einen fremden Maßstab. Bei den Planetenabständen weiß er es selbst: Sie sind der Erfahrung zu entnehmen (§ 270 Zus., Kap. 12). [KF]
Die Stufen sind in Kap. 31 behandelt: Sie gehen „notwendig“ auseinander hervor, „aber nicht so, daß die eine aus der andern natürlich erzeugt würde“ (§ 249).
Das Ziel. „Die Natur ist an sich ein lebendiges Ganzes; die Bewegung durch ihren Stufengang ist näher dies, daß die Idee sich als das setze, was sie an sich ist; […] und sich zur Existenz des Geistes hervorbringe, der die Wahrheit und der Endzweck der Natur und die wahre Wirklichkeit der Idee ist.“ (§ 251) Das ist der Übergang, den Kap. 37a am Ende wieder aufnimmt: Die Natur erreicht das Allgemeine nur als Wiederholung, der Geist ist die Gattung, die sich weiß.
Die Einteilung. § 252 nennt die drei Abteilungen und ihr Kriterium. Die Idee als Natur ist erstens „in der Bestimmung des Außereinander, der unendlichen Vereinzelung, außerhalb welcher die Einheit der Form, diese daher als eine ideelle, nur an sich seiende und daher nur gesuchte ist“: die Mechanik. Zweitens „in der Bestimmung der Besonderheit“, als „natürliche Individualität“: die Physik. Drittens „in der Bestimmung der Subjektivität, in welcher die realen Unterschiede der Form ebenso zur ideellen Einheit, die sich selbst gefunden und für sich ist, zurückgebracht sind“: die Organik.
Das Kriterium ist, wo die Einheit liegt: außerhalb und nur gesucht, im Unterschied der Körper selbst, oder in sich zurückgekehrt. Das ist die Ordnung nach zunehmender Selbstbeziehung, von der Kap. 5 ausging, hier von Hegel selbst benannt. Der Zusatz zu § 252 erwägt auch den umgekehrten Weg, vom Leben zu seinen abstrakteren Äußerungen, und nennt beide Wege einseitig, den einen der Emanation, den anderen der Evolution vergleichbar; dazu Kap. 31. [KF]
Was der Begriff der Natur festlegt. Er sagt, was die Natur ist (das Außereinander, und zwar als ihre eigene Bestimmung), wie der Begriff in ihr ist (als Inneres, an sich, nicht für sich), wo die Ableitung endet (an der Ohnmacht, die der Philosophie Grenzen setzt) und wohin die Natur weist (auf den Geist). Drei Folgerungen trägt dieser Band durch alle Abteilungen. Die Frage, ob Hegel die Natur errechnen will, hat er selbst beantwortet (§ 250). Die Erfahrung ist Bedingung (§ 246 Anm.), und diesen Band an der späteren Wissenschaft zu messen, geschieht in Hegels eigenem Sinn. Offen bleibt nur, ob die Erfahrung auch die Gliederung berichtigen darf; hier geht der Band über Hegel hinaus (Kap. 5b). [KF]
Exkurs: Die logischen Bestimmungen und ihre Anwendung
Die Naturphilosophie ist Anwendung der Logik, aber nicht ihre Wiederholung. Der Unterschied ist genau zu fassen, weil an ihm die meisten Missverständnisse hängen.
Was hier knapp zusammengefasst wird, entwickelt Hegels Logik für die logische Seite; wer den Gang der Logik kennt, kann diesen Exkurs überspringen.