Kommentar zur Naturphilosophie, Kapitel 10

Was die Logik liefert

Vier Gruppen von Bestimmungen kommen aus der Logik in die Naturphilosophie, und sie kommen nicht als Inhalte, sondern als Formen, an denen sich Zusammenhänge unterscheiden lassen.

Aus der Seinslogik: Qualität, Quantität, Maß. Die Naturphilosophie beginnt nicht mit der Objektivität, sondern früher. Raum und Zeit sind Bestimmungen der reinen Äußerlichkeit, und was Hegel an ihnen entwickelt, hat sein logisches Gegenstück in der Quantität: Kontinuität und Diskretion, Punkt und Ausdehnung, die Frage, ob sich ein Kontinuum aus Punkten zusammensetzen lässt.

Wichtiger noch ist das Maß — die Einheit von Qualität und Quantität — für die Physik. Hegels Knotenlinie der Maßverhältnisse (Enzyklopädie Bd. 1, §§ 108–111) sagt, dass quantitative Änderung an bestimmten Stellen in qualitative umschlägt: Wasser wird bei gewöhnlichem Luftdruck und hundert Grad zu Dampf, nicht allmählich, sondern an einem Punkt. Genau das ist die Struktur, die der Physik-Teil an den Aggregatzuständen, an der spezifischen Schwere und an den chemischen Verbindungsverhältnissen wiederfindet.

Entwickelt in Die Quantität und Das Maß.

Wo der Gedanke seine Grenze hat, zeigt ein Fall, den Hegel nicht kennen konnte. Ob ein Vorgang sich klassisch beschreiben lässt oder quantenmechanisch beschrieben werden muss, hängt an einer Größe: am Verhältnis seiner Wirkung, in der Physik einer Größe von der Art Energie mal Zeit, zum Planckschen Wirkungsquantum. Die Quantenmechanik lässt sich so rechnen, dass jeder mögliche Weg eines Teilchens einen Beitrag liefert. Ist das Verhältnis groß, heben sich die Beiträge der Wege, die merklich von der klassischen Bahn abweichen, gegenseitig auf; übrig bleibt ein schmales Bündel um die eine Bahn der klassischen Mechanik. Ist es klein, verhält sich das Teilchen nicht mehr so, als hätte es eine Bahn. Auch hier hängt an einer Größe, welche Beschreibung taugt. Aber die Grenze ist kein Punkt, sondern ein allmählicher Übergang. Nicht jeder solche Wechsel ist deshalb eine Knotenlinie; zu unterscheiden sind scharfe Umschläge wie beim Sieden, stetige Übergänge wie oberhalb des kritischen Punkts (Kap. 20) und Wechsel der Beschreibungsebene wie hier. [KF]

Aus der Begriffslogik: die drei Formen der Objektivität.

Drei Formen der Objektivität: Mechanismus, Chemismus, Teleologie. Sie sind keine drei Sorten von Dingen, sondern drei Weisen, in denen Bestimmungen zusammenhängen.

Im Mechanismus sind die Glieder gleichgültig gegeneinander — und gleichgültig heißt nicht unbeeinflusst, sondern: Die Beziehung konstituiert ihre Bestimmtheit nicht. Die Kugel ist nicht dadurch Kugel, dass sie gestoßen wird.

Im Chemismus ist es umgekehrt: Was ein Glied ist, zeigt sich nur in der Beziehung. Eine Säurebestimmung ist ohne Bezug auf ein Gegenüber nicht anzugeben.

In der Teleologie steht ein Zweck dem Material gegenüber und bleibt ihm äußerlich.

Und dann die Idee des Lebens — die für die Naturphilosophie wichtigste Bestimmung, weil die ganze dritte Abteilung an ihr hängt. Hier ist der Zweck dem Gegenstand immanent — entwickelt in Hegels Logik, 15.4d —: Die Organe sind nicht Mittel, die verbraucht werden, sondern Momente, die den Zusammenhang erhalten, der sie erhält.

Hegel entwickelt daran drei Prozesse: den Prozess des Lebendigen innerhalb seiner, den mit der unorganischen Natur, die es sich assimiliert, und den Gattungsprozess (Enzyklopädie Bd. 1, §§ 218–221). Er stellt sie nacheinander dar, nennt sie aber „in der subjektiven Einheit des Lebendigen nur ein Prozeß“ (Enzyklopädie Bd. 1, § 217); in den Naturvorlesungen heißen sie „drei Prozesse des einen Lebensprozesses“ (Kap. 28). Als drei zugleich wirksame Prozesse gefasst, wie Teleologie es tut, bilden sie das Gerüst der ganzen Organik:

Selbstdifferenzierung — der Organismus gliedert sich innerlich, und die Glieder sind nur durch das Ganze, was sie sind. Hegel selbst gebraucht dafür die Begriffe der Physiologie seiner Zeit — Sensibilität, Irritabilität, Reproduktion —, die auf Albrecht von Haller und John Brown zurückgehen und heute sperrig sind. Was sie bezeichnen, lässt sich aber ohne sie sagen: Empfinden, Reagieren, Sich-Erneuern.

Selbsterhaltung — er setzt sich mit einer Umwelt auseinander und behauptet sich darin.

Selbstaufhebung — er geht über sich hinaus, im Gattungsprozess. Das Einzelne vergeht, der Zusammenhang besteht fort.

Wichtig für die Lektüre der Naturphilosophie ist dabei die Unterscheidung, die in der Logik getroffen wird: Ob ein Bewusstsein im Spiel ist, entscheidet den Übergang von der Teleologie zum Leben nicht. Ein Organismus muss seinen Zweck nicht wissen, um innerer Zweck zu sein — das Wissen kommt erst im Geist hinzu; eingelöst wird das in Der praktische Geist (§§ 469–480), als Trieb. Wer die Stufen über das Bewusstsein trennt, verfehlt den Schritt, um den es geht.

Entwickelt ist das in Chemismus, die Frage, woran man erkennt, ob sich die Struktur auf einen Gegenstand übertragen lässt, in Teleologie.

Ein Kriterium, das die ganze Stufung ordnet. Hegel gibt es im Kolleg von 1825, und es lässt sich leicht behalten: „Im chemismus und mechanismus ist zu viel Identisch, in der außerlichen Zweckmäßigkeit zu wenig; in der Idee ist das die Einheit.“[1] Gemessen wird das Maß der Identität zwischen Begriff und Gegenstand. Entwickelt sind Kriterium und Reihe in Hegels Logik, 12a und den Kapiteln, die dort folgen.

Für diesen Band sagt das Kriterium, wonach die drei Abteilungen geordnet sind. In der Mechanik ist zu viel Identität: Die Körper sind, was sie sind, gleichgültig gegen ihre Beziehung. In der Physik tritt der Begriff als Qualität hervor — Schwere, Wärme, Klang, chemische Verwandtschaft —, aber was aus dem Prozess hervorgeht, ist passiv und kehrt von selbst nicht zurück. Erst in der Organik liegt das Zentrum, auf das die Teile sich beziehen, in demselben Körper wie die Teile.

Und daran zeigt sich, was diesen Band von der Logik trennt. Dort korrigieren sich die Fehlmaße, bis die Idee erreicht ist. Hier wird das Maß nie ganz erreicht: Auch der Organismus stirbt, und die Gattung besteht nur als Wiederholung der Einzelnen. Die Ohnmacht der Natur ist die Form, in der dieses Kriterium hier gilt. [KF]


  1. Vorlesungen über die Wissenschaft der Logik, Nachschrift Kehler, Kolleg 1825: GW 23.1, S. 397. ↩︎