Kommentar zur Naturphilosophie, Kapitel 7

Zwei Verhältnisse zur Natur (§§ 245–246)

Hegel beginnt nicht mit einer Definition, sondern mit uns: mit den Weisen, wie wir uns zur Natur immer schon verhalten. Es sind zwei, und sie widersprechen einander.

Das praktische Verhältnis ist die Begierde. „Das praktische Verhalten zur Natur ist durch die Begierde, welche selbstsüchtig ist, überhaupt bestimmt; das Bedürfnis geht darauf, die Natur zu unserem Nutzen zu verwenden, sie abzureiben, aufzureiben, kurz, sie zu vernichten.“ (§ 245 Zus.) Die Dinge werden zu Mitteln, „deren Bestimmung nicht in ihnen selbst, sondern in uns liegt“. Und die List der Vernunft, die in der Logik beim Zweck steht, hat hier ihren anschaulichsten Ort: Der Mensch schiebt „gegen die natürlichen Mächte andere natürliche Dinge“ vor, „diese jenen zum Aufreiben“, und bewahrt sich dahinter.

Das theoretische Verhältnis ist das Gegenteil. „Beim theoretischen Verhalten ist α) das erste, daß wir von den natürlichen Dingen zurücktreten, sie lassen, wie sie sind, und uns nach ihnen richten.“ Und kurz darauf: „im Theoretischen entlassen wir die Dinge frei“ (§ 246 Zus.).

Das Kolleg von 1819/20 beschreibt diesen Zwiespalt, wie man ihn lebt. Theoretisch finden wir die Natur „als selbstständig unüberwindlich“, als etwas, das „in seinen bunten Formen und Wechsel sein eigen Spiel nach eignen Gesezen treibt“; praktisch hat sie „die Bestimung eines an sich nichtigen“ (GW 24.1, S. 3). „Dies beständige Hinüber und herübergehen von Verehrung zur Verachtung ist das Verhalten zur Natur“ — die Alten hätten Ceres und Bacchus „als Gottheiten verehrt und verzehrt“. Daraus die Aufgabe: „Das Problem der Naturphilosophie ist also diese entgegensezung zu lösen.“ (S. 4)[1]

Das theoretische Verhältnis widerspricht sich selbst, und Hegel sagt, wo: „wir wollen die Natur erkennen, die wirklich ist, nicht etwas, das nicht ist; […] Dadurch, daß wir die Dinge denken, machen wir sie zu etwas Allgemeinem; die Dinge sind aber einzelne, und der Löwe überhaupt existiert nicht.“ (§ 246 Zus.) Wer denkt, scheint die Natur gerade zu verfehlen, die er lassen wollte, wie sie ist.

Die Auflösung liegt darin, was das Allgemeine ist. „Dieses Allgemeine der Dinge ist nicht ein Subjektives, das uns zukäme, sondern vielmehr […] das Wahre, Objektive, Wirkliche der Dinge selbst“ (ebd.). Das Kolleg sagt es in einem Satz: „die Allgemeinheit ist die Objektivität des Gegenstandes“ (S. 8). Und Hegel zeigt es an der Physik selbst, die es tut, ohne es zu wissen. Sie hält Gesetze nicht für bloße Ordnungshilfen: „den Gesetzen schreibt man objektive Wirklichkeit zu“ (§ 246 Zus.). Im Kolleg steht das Beispiel dazu: Die Elektrizitätslehre unterschied anfangs Harz- und Glaselektrizität, verwarf den Unterschied nach mehr Erfahrungen und kam auf den Gegensatz von positiver und negativer Elektrizität, und „dies ist aber ein reiner Gedanke“ (S. 8 f.).

Das begreifende Erkennen ist darum die Einheit beider Verhältnisse. Es „läßt die Dinge gewähren und sich frei in sich bestimmen“ (§ 246 Zus.). Das Kolleg gibt dem eine Wendung, die im Buch fehlt: Der Mensch, der über die bloße Begierde hinaus ist, „betrachtet sie als lebendig, frei. Er ist so in ihr und mit ihr frei und seine Begierde hört auf indem er die Natur als Leben anschaut.“ (S. 5)

Was daraus für die Lektüre folgt. Das Freilassen, mit dem die Logik endet (§ 244), ist nicht nur ein Wort für einen Übergang. Es ist die Haltung, in der Natur überhaupt erkannt wird. Wer die Naturphilosophie so liest, als diktiere der Begriff der Natur, was sie zu sein hat, verwechselt das begreifende Verhältnis mit dem praktischen: Er macht die Natur zum Stoff seiner Begriffe. [KF]

Die Erfahrung. Dazu gehört der Satz, den man bei Hegel am wenigsten erwartet: „Nicht nur muß die Philosophie mit der Naturerfahrung übereinstimmend sein, sondern die Entstehung und Bildung der philosophischen Wissenschaft hat die empirische Physik zur Voraussetzung und Bedingung.“ (§ 246 Anm.) Er grenzt allerdings sofort ein: Der Gang des Entstehens sei eines, die Wissenschaft ein anderes, und in dieser solle die Grundlage „die Notwendigkeit des Begriffs sein“. Die Naturphilosophie bilde den Stoff der Physik um, „ohne die Erfahrung als die letzte Bewährung zugrunde zu legen“ (§ 246 Zus.). Das Kolleg sagt es schärfer: „Daß dies so ist kann man sich nicht auf die Erfahrung berufen, sondern man muß beweisen daß der Inhalt der Natur ein Nothwendiges ist.“ (S. 9)

Hier liegt die Bruchstelle, an der die Schule später auseinandergeht. Wenn die Erfahrung Bedingung ist, aber nicht letzte Bewährung, dann darf sie Inhalte berichtigen, nicht aber die Gliederung. Michelet hat genau das zum Verfahren gemacht (Kap. 40). Man kann Hegels Satz aber auch genauer lesen, wenn man zwei Arten von Widerstand unterscheidet. Einen Fehler im Gedankengang findet, wer richtig nachdenkt; er fällt unter die Notwendigkeit des Begriffs. Dass Wasser bei gewöhnlichem Luftdruck nicht bei fünfzig Grad kocht, findet kein Nachdenken; man muss nachsehen. Die Übereinstimmung mit der Naturerfahrung, die Hegel verlangt, ist nur dann mehr als ein Lippenbekenntnis, wenn sie diesen zweiten Widerstand auch gegen die Gliederung gelten lässt. So liest dieser Band Hegel, und an dieser Stelle geht er über ihn hinaus (Kap. 47). [KF]


  1. Vorlesungen über die Philosophie der Natur, Nachschrift Ringier, Kolleg 1819/20, Einleitung: GW 24.1, S. 3–11. Die Schreibweise der Nachschrift ist beibehalten. ↩︎