Kommentar zur Naturphilosophie, Kapitel 4

Was die Vorlesungen zeigen

Seit 2012 liegen die Nachschriften zu den Naturvorlesungen ediert vor (GW 24.1 bis 24.3). Sie verändern das Bild, und zwar in eine Richtung, die man nicht erwartet hätte.

Hegel hat die Naturphilosophie fünfmal gelesen, zwischen 1819 und 1830, und jedes Mal umgebaut. Er verarbeitet, was erscheint: Berzelius’ Oxidationsreihen und dessen Elektrochemie — „man hat gefunden daß zwei chemisch entgegengesetzte Körper auch elektrisch entgegengesetzt sind“ —, Richters Stöchiometrie, Cuviers Anatomie, Werners Geologie, Goethes Metamorphose der Pflanzen.[1] Newton kommt in den Nachschriften über hundertmal vor, fast immer im Streit.

Wer dieselbe Vorlesung über zwölf Jahre hält und sie jedes Mal umbaut, verteidigt kein fertiges System. Er arbeitet an einem Problem.

Daraus folgt eine Leseregel für diesen Band: Maßgeblich ist die Enzyklopädie von 1830. Frühere Fassungen sind nicht falsch, sondern von Hegel selbst überholt — und die Vorlesungen zeigen, woran er beim Überholen dachte.


  1. Ebd., die Berzelius-Stellen in der Nachschrift zum Kolleg 1819/20. ↩︎