Kommentar zur Naturphilosophie, Kapitel 44

Was Erdmann von den beiden anderen trennt

Erdmann behält Hegels Gliederung und gibt ihr einen Grund, den Hegel schuldig bleibt: Die Stufenfolge ist eine Reihe immer weniger misslingender Versuche, den Widerspruch zu lösen, dass die Natur Vernunft ist, ohne vernünftig zu sein. Das ist die klarste kategoriale Grundlinie, die aus der Schule kommt — und sie steht auf zwanzig Seiten in einem Buch über das akademische Studium.

Was ihn dabei auszeichnet, ist die Zurückhaltung: Er sagt, was die Naturphilosophie leisten soll, und im selben Atemzug, was sie nicht darf. Von den beiden Linien — Lot und Radius — heißt es: „Kreuzen können sich diese Linien nie […], vielmehr werden sie mit der Zeit […] sich begegnen“. Wer das ernst nimmt, kann die Empirie nicht überstimmen, sondern nur auf sie warten.

Und an einer Stelle steht er dichter am Entscheidenden, als ihm selbst bewusst war. Er hat 1858 die Erdgeschichte beisammen, die Fossilfolge, die steigende Komplexität, die Embryonalentwicklung und den gemeinsamen Zellgrund von Pflanze und Tier — und fügt das alles zu einer Reihe gesonderter Hervorbringungen statt zu einem Stammbaum. Den Gedanken, der seine eigenen Befunde geordnet hätte, gemeinsame Abstammung mit Variation, tut er nicht. Ein Jahr später steht er bei Darwin.

Dabei ist Erdmanns Erde eine alte: Ihre „zeugende Thätigkeit“ habe „so gut wie aufgehört“, und die Arten bleiben unverändert. Das ist die engste Fassung der Naturgeschichte unter den dreien — und es ist der Grund, weshalb die beiden anderen daneben zu halten sind. Der eine hat sie vor ihm weiter geöffnet, der andere nach ihm wieder geschlossen.