Kommentar zur Naturphilosophie, Kapitel 9

Was die Mechanik behandelt

Thema ist die Form der Vereinzelung, nicht die Bewegungslehre der Physik. Wolfgang Neuser fasst es: Es geht um die logische Struktur des Auseinanderseins, und zwar zunächst in ihrer ärmsten Gestalt — das Nebeneinander gleicher Einzelner, die noch kein gemeinsames Zentrum haben, in dem sie aufeinander bezogen wären.[1]

Daraus die drei Schritte: Raum, Zeit und Bewegung; dann die Bewegungsformen der Materie; schließlich das Verhältnis der Planeten zu ihrem Zentralgestirn. Die logischen Bestimmungen, mit denen dabei gearbeitet wird, stammen aus der Quantitätslehre: Kontinuität und Diskretion, das Eins und die Vielen (Die Quantität, optional). Was zunimmt, ist die Bezogenheit — am Ende steht eine Einheit, die sich in den Beziehungen ihrer Glieder konstituiert.

Die Stufen im Einzelnen

Raum und Zeit (§§ 254–259). Hegel entwickelt sie nicht als Behälter, sondern als Bestimmungen des Außereinander selbst. Im Raum unterscheidet sich das Auseinander in Punkt, Linie und Fläche — jede Bestimmung ist die Negation der vorigen und zugleich ihr Dasein. In der Zeit dasselbe als Nacheinander: Vergangenheit, Zukunft, Gegenwart.

Warum die Gegenwart zuletzt steht, ist der interessante Punkt. Sie ist nicht der Übergang zwischen den beiden anderen, sondern deren Einheit — das „Jetzt“, in dem das Gewesene und das Kommende beide als nicht-seiend bestimmt sind. Das ist dieselbe Figur wie beim Werden in der Logik (Die Qualität, optional — dort Abschnitt 1.4): Sein und Nichts sind nur im Übergang wirklich.

Kritisch dazu: Die Reihenfolge lässt sich nicht aus der Sache begründen. Man könnte ebenso von der Gegenwart ausgehen und Vergangenheit und Zukunft als deren Horizonte entwickeln — so verfährt die Phänomenologie des 20. Jahrhunderts. Was Hegels Anordnung trägt, ist die Parallele zum Raum, nicht eine Notwendigkeit in der Zeit selbst.

Ort und Bewegung (§§ 260–261). Der Ort ist die Einheit von Raum und Zeit an einem Einzelnen; die Bewegung ist sein Wechsel. Hegel bestimmt sie als „daseiende Einheit“ beider — was heißt: Wer Bewegung verstehen will, kann nicht Raum und Zeit getrennt voraussetzen und dann verbinden.

Der Bezug zur Wissenschaft: Das ist keine Physik, sondern eine Bemerkung über deren Begriffe. Dass Raum und Zeit in der Relativitätstheorie nicht unabhängig voneinander bestimmt werden können, ist eine physikalische Einsicht — Hegels Satz ist eine begriffliche und davon unabhängig.

Die endliche Mechanik (§§ 262–271) behandelt Materie, die noch nicht ihr eigenes Zentrum hat. Drei Stufen: die träge Masse, die stößt und gestoßen wird; der Fall, in dem ein fremdes Zentrum sich geltend macht; und das Streben zum Zentrum, das Hegel Schwere nennt.

Was Neuser dazu klarstellt: Newton hatte in der ersten Auflage der Principia ausdrücklich darauf verzichtet, eine Ursache der Schwere anzugeben — er beschreibe nur „den mathematischen Begriff derselben, denn die physischen Ursachen und Sitze der Kräfte ziehe ich hier nicht in Betracht“.[2] Hegels Einwand richtet sich also nicht gegen Newtons Rechnung, sondern gegen deren Deutung als Erklärung.

Und hier trägt sein Argument: Eine Kraft, die eingeführt wird, um eine Bewegung zu beschreiben, erklärt sie nicht — sie benennt sie. Dass Körper fallen, weil sie schwer sind, ist keine Auskunft, solange „schwer“ nichts anderes heißt als „fällt“.

Die absolute Mechanik (§§ 269–271) ist die Stufe, auf der ein System sein Zentrum in sich hat. Selbstdrehung (die Sonne), Umkreisung (Komet und Mond), und beides zusammen im Planeten.

Warum Hegel den Planeten auszeichnet: Er ist der einzige Körper, der beide Bewegungen vereinigt — er hat ein fremdes Zentrum und ein eigenes. Das ist die mechanische Vorform dessen, was im Organischen Selbstbezug heißt.

Kritisch: Die Zuordnung von Kometen und Monden zu je einem einseitigen Moment ist eine Deutung, keine Ableitung. Sie funktioniert, solange man nur diese Körper betrachtet — Asteroiden und Doppelsterne fügen sich nicht.


  1. Wolfgang Neuser, in: Schnädelbach (Hg.), Kommentar zum Systemgrundriß, Abschnitt III.2. ↩︎

  2. Newton, Principia, 1. Auflage, zitiert bei Neuser, a. a. O., zum Verhältnis von Kraftbegriff und Erklärung. ↩︎