Kommentar zur Naturphilosophie, Kapitel 29

Gaia, Ökosysteme, Viren — die Grenzfälle

Die Bestimmung der Erde als „geologischer Organismus“ (§§ 337–342) ist die Stelle, an der die Naturphilosophie am weitesten in die Gegenwart reicht — und zugleich diejenige, an der die Übertragung am ehesten überdehnt wird.

James Lovelocks Gaia-Hypothese besagt, die Erde sei ein selbstregulierendes System, das seine Lebensbedingungen aufrechterhält. Hegel hat das insofern vorweggenommen, als er die Erde nicht als Aggregat behandelt, sondern als Zusammenhang von Prozessen, die einander bedingen. Das Meer nennt er einen „lebendigen Prozeß, der immer auf dem Sprunge steht, in Leben auszubrechen“.

Die Prüfung mit den drei Momenten (ausgeführt in Die Idee des Lebens, optional) ergibt einen klaren Befund: Die Selbsterhaltung ist unstrittig — das System reguliert sich. Die Selbstaufhebung liegt langfristig vor, durch Koevolution. Die Selbstdifferenzierung zu einem Zentrum fehlt.

Wer Gaia als Organismus nimmt, überschreitet damit das Kriterium; wer sie als bloßes Aggregat physikalischer Prozesse nimmt, unterschreitet es. Hegels eigene Bestimmung trifft es genauer, als seine Wortwahl vermuten lässt: Grundlage und allgemeine Form des Lebens, nicht lebendig im Sinne eines Subjekts.

Ein Grenzfall von der anderen Seite: die Viren. Sie haben Selbstaufhebung — sie reproduzieren sich und evolvieren —, aber keine Selbsterhaltung, weil ihnen der Stoffwechsel fehlt. Sie sind unvollständiges Leben, Leben nur durch anderes Leben. Wo Gaia die Selbstdifferenzierung fehlt, fehlt ihnen die Selbsterhaltung; beide sind Grenzfälle, aber an verschiedenen Momenten.

Das ist der Ertrag der drei Prozesse: Sie erlauben nicht nur zu sagen, dass etwas ein Grenzfall ist, sondern woran es liegt. [KF]

Dasselbe gilt für Ökosysteme. Am Beispiel der 1995 in Yellowstone wiedereingeführten Wölfe — weniger Hirsche, mehr Vegetation, mehr Biber, veränderte Flussläufe — zeigt sich Selbsterhaltung deutlich, Selbstdifferenzierung aber nur schwach: Es gibt trophische Ebenen und Nischen, aber kein Zentrum. Ein Ökosystem ist ein Grenzfall, mehr als ein Aggregat und weniger als ein Organismus.

Das ist der Ertrag der Stufenlehre für die Gegenwart: nicht die Antwort, ob die Erde lebt, sondern die Unterscheidung, an der sich die Frage entscheiden lässt. [KF]

Eine zweite Unterscheidung, für den Grenzfall zur Technik. Hegel bestimmt den Lebensprozess durch den gefühlten Mangel: Der Organismus leidet am Hunger, er registriert nicht eine Abweichung. Eine thermostatgeregelte Heizung weiß, dass es zu kalt ist, und heizt — aber sie fühlt die Kälte nicht. Sie hat ein Selbstmodell, kein Selbstgefühl.

Das entscheidet die Frage nicht, sondern schärft sie: Die drei Prozesse erfassen die Form des Lebens. Ob zur Form ein Selbstgefühl gehört oder ob dieses eine weitere Dimension ist, welche die Logik nicht erreicht, bleibt offen. Vgl. Die Idee des Lebens (optional). [KF]