Kommentar zur Naturphilosophie, Kapitel 31
Die Evolutionsfrage
Die Stelle wird meist verkürzt zitiert, und die Verkürzung verfehlt den Punkt. § 249 lautet vollständig: „Die Natur ist als ein System von Stufen zu betrachten, deren eine aus der andern notwendig hervorgeht und die nächste Wahrheit derjenigen ist, aus welcher sie resultiert, aber nicht so, daß die eine aus der andern natürlich erzeugt würde, sondern in der inneren, den Grund der Natur ausmachenden Idee.“
Beide Hälften gehören zusammen. Hegel bestreitet nicht das Hervorgehen, sondern eine bestimmte Auffassung davon: die zeitliche Erzeugung. Und er sagt, wogegen er sich wendet — gegen „das sogenannte Hervorgehen z. B. der Pflanzen und Tiere aus dem Wasser und dann das Hervorgehen der entwickelteren Tierorganisationen aus den niedrigeren“, das man „in das Dunkel der Vergangenheit zurückgelegt“ habe, um es deutlicher zu machen.
Dasselbe zeigen die Vorlesungen: Dort heißt es „Die Stufen müssen nothwendig aus einander hervorgehen“ und „die Unterschiede in der Natur gehen nothwendig aus einander hervor“.[1] Der Streit geht nicht um das Hervorgehen, sondern darum, ob es begrifflich oder zeitlich zu fassen ist.
Der erste Grund ist zeitbedingt — aber nicht aus Unkenntnis. Stekeler hält fest, dass Hegel die Evolutionsgedanken seiner Zeit kannte: die Lehren vor Charles Darwin gehen auf dessen Großvater Erasmus zurück, dann auf Lamarck und Cuvier.[2] Hegel betont sogar — lange vor Charles Darwin und in Kenntnis von Erasmus — das Zeitliche und Geschichtliche der Entwicklung irdischen Lebens.
Was er ablehnt, ist also nicht der Gedanke, sondern seine damalige Ausführung. Lamarcks Lehre von 1809 erschien ihm mechanistisch — eine Reihe von Zufällen, aus der kein Begriff folgt. Dieser Einwand traf die Theorien seiner Zeit. Darwins Mechanismus von 1859 ist anders gebaut und hat die Struktur der Selbstaufhebung: Die Vererbung bewahrt, was sich gehalten hat; Variation erzeugt Differenz aus dem Bestand selbst; die Selektion setzt durch, was trägt.
Der zweite Grund wiegt schwerer. Hegels Gattungsbegriff ist selbst unveränderlich gedacht. Im Kolleg von 1829: „Die Individuen sterben ab. Diese Bluhme ist nur jetzt. Diese Eiche hat vielleicht 1000 Jahre gestanden: aber diese 1000 Jahre sind nur jetzt, das Allgemeine ist die Gattung: Eichen, Bluhme.“[3] Und: „Die Individuen werden geboren und vergehen, die Gattung ist das Bleibende in ihnen, das in Allem Wiederkehrende.“
Die Selbstaufhebung ist damit innerhalb der Gattung gedacht: Das Individuum geht unter, die Art bleibt. Bei Darwin verändert sich die Art. Wer die Struktur übernimmt, muss den Gattungsbegriff ändern — von der Konstante, an der das Vergehen gemessen wird, zu dem, was sich durch das Vergehen hindurch verändert.
Das spricht gegen die bequeme Auskunft, Hegel habe Darwin vorweggenommen. Es spricht nicht gegen die Übernahme — nur ist sie nicht kostenlos. [KF]