Kommentar zur Naturphilosophie, Kapitel 26
Was die Organik behandelt
Pirmin Stekeler sagt es in einem Satz, der den Zugang öffnet: „Was Hegel Organik nennt, ist einfach dasselbe wie Biologie.“[1] Das entlastet: Es geht um Lebewesen, nicht um eine geheime Naturmacht.
Und er zieht die Grenze, die dabei zu ziehen ist: Von einer Selbstformung physischer Körper zu reden, ist eine Metonymie. Ein nichtlebender Körper ist eigentlich kein Subjekt; es gibt aber physikalische Prozesse des Selbsterhalts. Volle Subjektivität ergibt sich erst in Lebensprozessen — „Leben ist an sich Formerhalt und für sich Autopoiesis“.
Die Mechanik dachte das Auseinandersein als Vereinzelung, die Physik als Individualität. Jetzt kommt der Schritt, auf den beide hinausliefen: Das Zentrum, auf das die Teile sich beziehen, liegt in demselben Körper wie die Teile selbst.[2]
Neuser fasst, was daraus folgt: Die Organe haben ihr Zentrum im gemeinsamen Organismus und sind nur, was sie sind, in ihm. Der Organismus ist das Wechselspiel seiner Organe: eine Interaktion, die sich in Teilen vollzieht.
Woran sich das festmachen lässt. Hans Jonas hat die Formel gefunden, die Winfield aufnimmt: Ein Organismus bleibt derselbe, indem er materiell nicht derselbe bleibt. Ein Stein behält seine Identität durch die Beständigkeit seines Materials; ein Organismus behält sie durch einen Prozess, der sein Material fortlaufend austauscht.[3]
Damit ist organische Identität nicht die Identität des Stoffes, sondern die Kontinuität einer sich erneuernden Form. Der Organismus ist kein Ding, das zusätzlich Stoffwechsel hat — er ist das organisierte Geschehen seines Stoffwechsels.
Die drei Stufen ordnen sich danach, wie weit die Selbsttätigkeit in ihnen wirklich ist.
Woran der Sprung hängt. Die Gegenstände der vorigen Abteilungen existieren für anderes. Der Planet läuft um die Sonne, aber nicht für sich selbst; das Salz entsteht aus Säure und Base, aber es hat keinen Bezug zu sich. Das Leben bezieht sich auf sich selbst — seine Prozesse dienen nicht äußeren Zwecken, sondern seiner eigenen Erhaltung.
Damit ist auch der Vitalismus-Verdacht erledigt, der Hegel gelegentlich trifft. Stekeler formuliert es genau: Das Lebendigsein eines Lebewesens ist nur insofern etwas Inneres, als es die Instanziierung eines artimmanenten Lebensprozesses ist, die Aktualisierung einer Artform.[4] Tote Naturdinge gehen nicht „in sich“, um dort eine Seele zu finden — und lebendige tun es ebenso wenig.
Das „Selbst“ ist dabei kein mystischer Zusatz, sondern eine Strukturqualität: die Weise, wie ein Zusammenhang organisiert ist. Wer es mystisch liest, verfehlt die Sache; wer es als bloße Redeweise abtut, ebenfalls. [KF]