Kommentar zum subjektiven Geist, Kapitel 7

Die Gliederung des subjektiven Geistes (§ 387)

Sie steht in einem Paragraphen und folgt derselben Figur:

A. An sich oder unmittelbar; so ist er Seele oder Naturgeist; — Gegenstand der Anthropologie. B. Für sich oder vermittelt, noch als identische Reflexion in sich und in Anderes; der Geist im Verhältnis oder Besonderung: Bewußtsein; — der Gegenstand der Phänomenologie des Geistes. C. Der sich in sich bestimmende Geist, als Subjekt für sich; — Gegenstand der Psychologie.“

A–B–E, wie in der Anthropologie selbst. Das Unmittelbare, das Vermittelte, das sich selbst Bestimmende.

Und Hegel sagt, was dabei jeweils geschieht: In der Seele erwacht das Bewusstsein, im Bewusstsein setzt sich der Geist als Vernunft, in der Psychologie „erhebt sich der in sich seiende Geist zum Bewußtsein“.

Im Kolleg sagt Hegel es deutlicher als im gedruckten Text. Die Nachschrift von 1822 gibt die Einteilung in Formeln, die man sich merken kann:

„Im ersten Theile ist der Geist nur, im zweiten erscheint er, d. h. daß er sich getrennt hat von der Natur, und sie nur zu seiner Voraussetzung macht […] Die Psychologie ist der Geist nur in Relation mit sich selbst, nicht mit der Außenwelt.“[1]

Und noch knapper: „Der erste Theil also ist der Geist als Naturgeist, auf der zweiten Stufe ist der Geist in Relation auf Andere, auf der dritten [in Relation auf sich].“

Das Kolleg von 1825 gibt denselben Gang mit einem Grund, den das Buch nicht nennt — warum die Anthropologie nicht stehenbleiben kann:

„Der zweite Theil ist das Ende hiervon, der Geist ist in dieser seiner Leiblichkeit nicht ruhig, beharrend, er ist seinem Begriff nach ewig thätig, ewig fortschreitend, so erreicht er den Endpunkt der Anthropologie, geht zum Fürsichsein des Geistes fort. So verhält er sich zum Natürlichen, in dem er versenkt war, als zu einem Äusseren. Der Geist aber der sich zu dem Natürlichen […] als zu einem Äusseren verhält ist das Bewußtsein.“

Nicht ruhig, nicht beharrend — der Übergang folgt aus der Tätigkeit selbst, nicht aus einem Mangel, der von außen bemerkt würde.

Sein — Erscheinen — Sich-auf-sich-Beziehen. Das ist dieselbe Gliederung wie in § 387, aber mit Verben statt mit Bestimmungen.

Erdmanns Nachschrift gibt sie noch knapper, und zwar so, dass die Mittelstellung der Phänomenologie mit einem Wort erklärt ist:

„In der Anthropologie ist der Geist in seine natürliche Leiblichkeit versenkt, in der Psychologie der Geist in seiner Freiheit sich bildend, der freie Geist; — zwischen beiden ists, daß der Geist aus der Natur herauszutreten beginnt, aber noch bezüglich ist auf die Natur, in Verhältnis zu ihr steht.“[2]

Versenkt — heraustretend — sich bildend. Und für das Bewusstsein eine Bestimmung, die keiner Erläuterung bedarf: „Da sind wir und wissen von Etwas, haben einen Gegenstand äußerlich und wissen zugleich von uns selbst.“

Bemerkenswert ist der Nebensatz zur Psychologie: Erdmann nennt sie „der Geist in seiner Freiheit sich bildend, der freie Geist“ — der Name steht also schon hier, im Eingang, für den ganzen dritten Teil. Das stützt Tuschlings Befund: Die Neuerung ist in dieser Vorlesung nicht ein Zusatz am Ende, sondern von Anfang an da.

Und eine Einordnung, die der gedruckte Text nicht hat: „Der Standpunkt des Bewußtseins ist der der Kantischen Philosophie überhaupt.“

Damit ist gesagt, was die Phänomenologie behandelt und wogegen sie sich richtet: gegen eine Philosophie, die beim Gegenüber von Subjekt und Objekt stehenbleibt. Kant kommt in der Enzyklopädie an dieser Stelle nicht vor — im Kolleg nennt Hegel ihn beim Namen. [KF]

Zur Anthropologie gibt er im selben Zusammenhang eine Bestimmung, die knapper ist als alles im Buch: „Der Geist betrachtet in seiner Leiblichkeit; wo er noch in seinem Naturzustande ist, noch nicht aus seiner Existenz heraus ist. Diese Existenz ist eine dem Geist unangemessene, und so zeigt sich gleich der Gegensatz von Seele und Leib, der Kampf des Geistes gegen seine Leiblichkeit, gegen seine Unfreiheit.“

Kampf gegen die eigene Unfreiheit — das ist die Aufgabe aus § 403 in vier Worten.

Für die Lektüre heißt das: Die drei Teile handeln nicht von drei Gegenständen — nicht von Seele, Bewusstsein und Geist als drei Dingen —, sondern von einem Vorgang in drei Verfassungen. Wer sie als Fächer liest, wird die Übergänge nicht verstehen. [KF]

I.3 Die Anthropologie (§§ 388–412)


  1. Vorlesungen über die Philosophie des subjektiven Geistes, Einleitung, Kolleg 1822: GW 25.1. ↩︎

  2. Vorlesungen über die Philosophie des Geistes. Berlin 1827/1828, Nachschrift Erdmann, Einleitung. ↩︎