Kommentar zum subjektiven Geist, Kapitel 11
Der erste Durchgang: Allgemeines, Besonderes, Einzelnes
§ 392: „Der Geist lebt 1. in seiner Substanz, der natürlichen Seele, das allgemeine planetarische Leben mit, den Unterschied der Klimate, den Wechsel der Jahreszeiten, der Tageszeiten u. dgl.“
Das ist das Allgemeine — was jedem Lebendigen auf diesem Planeten gemeinsam ist, weil es auf diesem Planeten lebt.
§ 393: „Das allgemeine planetarische Leben des Naturgeistes 2. besondert sich in die konkreten Unterschiede der Erde und zerfällt in die besonderen Naturgeister.“
Das ist die Besonderung — dasselbe Allgemeine, aber geschieden nach Weltteilen. Und § 394 führt es weiter „in die Partikularitäten hinaus, die man Lokalgeister nennen kann“.
§ 395: „Die Seele ist 3. zum individuellen Subjekte vereinzelt.“
Das ist die Einzelheit — als Temperament, Talent, Charakter. Und mit der Einschränkung, die Hegel gleich hinzufügt: „Diese Subjektivität kommt aber hier nur als Vereinzelung der Naturbestimmtheit in Betracht.“
Die Reihe ist also A–B–E, ausdrücklich durchgezählt. Wer die Rassenlehre als Hegels Anthropologie liest, hat eine Stelle in einer Reihe für die Sache genommen — und zwar die mittlere, die ihrem Begriff nach das ist, was aufgehoben wird. [KF]
Der zweite Durchgang: dieselbe Figur, eine Stufe höher
Mit § 396 beginnt die Reihe von vorn, jetzt am vereinzelten Individuum. Und wieder zählt Hegel.
§ 396: Die Unterschiede sind „Veränderungen an ihm, dem in ihnen beharrenden einen Subjekte, und als Entwicklungsmomente desselben“ — die Lebensalter. Das Individuum in seinem bloßen Verlauf.
Der Zusatz enthält eine pädagogische Position, die sich aus der Bestimmung ergibt und heute noch Widerspruch findet. Der Knabe strebe danach, „sich zur Unmittelbarkeit zu erheben, zu der er sich noch verhält“ — und deshalb sei ihm der Stoff nicht als Spiel, sondern in seiner Sache vorzulegen:
„Die spielende Erziehung, welche dem Kinde das Ernste als Spiel darbietet und vom Erzieher verlangt, dass er sich zu der kindischen Ansicht der Zöglinge herablasse, statt sie zum Ernste der Sache heraufzuheben, ist deshalb als völlig verkehrt zu behandeln.“
Die Begründung liegt in dem, was das Kind will: Es strebe „danach, ein Großer zu werden“ — und wer ihm das Ernste als Spiel gibt, nimmt ihm genau das, worauf es aus ist. Hegel fügt hinzu, eine solche Erziehung könne „bei dem Knaben Verachtung gegen alles“ erzeugen, „was ihm dargeboten wird“.
Ob das trägt, ist eine empirische Frage — und sie ist bis heute offen. Was daran trägt, ist der Gedanke: Kinder wollen nicht bei sich gelassen, sondern hinausgeführt werden. [KF]
§ 397: „2. Das Moment des reellen Gegensatzes des Individuums gegen sich selbst, so daß es sich in einem anderen Individuum sucht und findet; — das Geschlechtsverhältnis.“
§ 398: „3. Das Unterscheiden der Individualität als für sich seiender gegen sich als nur seiender, als unmittelbares Urteil, ist das Erwachen der Seele.“
Dieselbe Figur: unmittelbarer Verlauf — Gegensatz, in dem das Individuum aus sich heraustritt — Rückkehr, in der es sich von sich selbst unterscheidet.
Diese Reihenfolge ist aber nicht die ursprüngliche. Stederoths Vergleich der Fassungen zeigt eine Umkehrung, die Hegel nicht kommentiert:
| Frühe Fassungen | Ab 1825 |
|---|---|
| 1. Erwachen | 1. Lebensalter |
| 2. Partikuläre Zustände / Geschlechtsverhältnis | 2. Geschlechtsverhältnis |
| 3. Lebensalter | 3. Erwachen |
Die Außenglieder haben die Plätze getauscht. Was zuerst stand — das Erwachen —, steht zuletzt; was zuletzt stand, steht zuerst.[1]
Und Hegel sagt nichts dazu. Stederoths Formulierung trifft, was sich bei ihm mehrfach zeigt: Er „hüllt sich bezüglich seiner Änderung wiederum in Schweigen“.
Für die Lektüre heißt das dasselbe wie bei der Sequenz des theoretischen Geistes: Die Reihenfolge trägt Gewicht, aber sie ist nicht unverrückbar, und wo sie sich ändert, muss der Grund aus der Sache erschlossen werden.
Ein Grund lässt sich angeben. In der frühen Fassung beginnt die Reihe beim Erwachen — also bei dem, was den Unterschied von Innen und Außen erst herstellt. Ab 1825 beginnt sie bei den Lebensaltern, also beim bloßen Verlauf, und das Erwachen steht am Ende, unmittelbar vor der Empfindung.
Das ist die bessere Ordnung, wenn der Abschnitt auf das Bewusstsein zulaufen soll: Das Erwachen ist dann nicht der Anfang der Veränderungen, sondern ihre Spitze — der Punkt, an dem aus Verlauf ein Verhältnis wird. [KF]
Und Erdmanns Nachschrift enthält hier eine Warnung, die im Druck fehlt — gegen die Frage, die sich beim Lesen sofort einstellt:
„Man muß hier sich solche Fragen versagen wie: wenn die physische Beschaffenheit so ist, wie ist die geistige. Man muß nicht hier so trennen, daß dies Physische Ursache werde, in der Seele ist vielmehr diese Einheit vorhanden.“[2]
Die Frage nach der Ursache ist an dieser Stelle die falsche. Wer fragt, wie das Körperliche auf das Seelische wirkt, hat beides schon getrennt — und in der Anthropologie ist es nicht getrennt.
Im Kolleg von 1825 entwickelt Hegel das ausführlich, und zwar so, dass er zuerst zeigt, woran die gewöhnliche Auffassung scheitert.
Er nennt drei mögliche Stellungen: „Erstens, der Geist ist selbst Materie, die Ansicht des Materialismus oder Naturalismus. Zweitens, das Verhältniß des Spiritualismus oder Idealismus, drittens, das Verhältniß unserer gewöhnlichen Vorstellung, Dualismus.“[3]
Und er beginnt nicht mit der eigenen Position, sondern mit der gewöhnlichen — und zeigt deren Widerspruch:
„Bei jener Vorstellung werden beide als selbstständig vorausgesetzt, Ich und die Materie, die Widerstand leistet. Selbstständigkeit bedingt, daß keines im Anderen sich geltend mache. Aber grade jener Einfluß des Einen auf das Andere heißt nichts anderes, als daß das Eine sich im Anderen geltend macht und ist so der Selbstständigkeit beider durchaus entgegen.“
Der Dualismus hebt sich selbst auf. Er setzt beide als selbständig und muss zugleich erklären, wie eines auf das andere wirkt — was nur geht, wenn sie nicht selbständig sind.
Und Hegel beseitigt die Frage nicht, sondern ordnet sie ein: „Diese Frage muß nicht nur beseitigt werden, denn dieser Standpunkt ist nothwendig, aber man muß wissen, daß dieser Standpunkt kein letzter, absoluter ist. Diesen Standpunkt des Gegensatzes erschafft sich die Seele selbst.“
Die Trennung ist eine Leistung des Bewusstseins — und deshalb lässt sie sich weder leugnen noch für endgültig halten. Das ist dieselbe Figur wie beim Wesen „hinter“ der Erscheinung: Der Schein ist wirklich, aber er ist Schein. [KF] Die Seele ist die Einheit, nicht ein Glied in einer Kausalkette.
Das ist dieselbe Abwehr wie beim Seelenbegriff überhaupt, hier auf die Naturbestimmtheiten angewandt: Wer nach der Wirkung des Klimas auf den Charakter fragt, sucht eine Kausalität, wo eine Verfassung beschrieben wird. [KF] Nur dass die Rückkehr hier etwas Neues erzeugt: das Erwachen, und damit die Empfindung (§§ 399–402).
Was die Vorlesungen dazu geben
Die Kollegien verhandeln denselben Stoff unter der Zählung der ersten Auflage — die Lebensalter stehen dort als § 317, Schlafen und Wachen als § 316, die Vereinzelung als § 314.[4]
Bei den Lebensaltern steht ein Grund, den der gedruckte Text nicht gibt — warum es überhaupt Lebensalter gibt:
„Das natürliche Individuum ist im Verhältniß zu seiner Gattung. Diß Verhältniß ist ein Proceß, und fällt in die Zeit, und bewirkt Unterschiede am Individuum selbst. Die Gattung realisirt sich im Individuum. Dieß ist der Proceß des Lebendigen, und Widerspruch, denn die Gattung kann sich nur in dem Gedanken darstellen, darum hat dieses Widerspruchs wegen das Leben des Individuums den Tod in sich.“
Die Lebensalter sind der Prozess, in dem die Gattung sich am Individuum durchsetzt — und weil sie sich in einem Einzelnen nie ganz darstellen kann, endet er mit dessen Tod. Das ist die Bestimmung aus der Naturphilosophie, hier auf den Menschen angewandt.
Zum Erwachen gibt das Kolleg die Unterscheidung, die den Schritt trägt: „Schlafen ist in Beziehung auf die individuelle Seele dieß ununterschieden sein in ihr selber, Wachen das Fürsichsein gegen die Unmittelbarkeit.“
Und die Richtung, die daraus folgt: Die Tätigkeit des Geistes sei, „zu dieser Totalität der allgemeinen Idealität zurückzukommen, aber nicht zu dieser bewußtlosen, sondern zu der, die der Geist weiß“.
Der Schlaf ist keine Abwesenheit, sondern eine Einheit ohne Unterscheidung — und das Ziel ist dieselbe Einheit, aber gewusst. [KF]
Zur Vereinzelung (§ 314 der ersten Auflage) nennt Hegel die Reihe ausdrücklich: „Die letzte Particularisation ist die des Individuums, das einmal der Race, dann dem Volk angehört, dann Individuum ist.“
Damit ist die Ordnung des ersten Durchgangs noch einmal von ihm selbst bestätigt — Rasse, Volk, Individuum, und das Individuum als das Letzte, nicht als Fall des Ersten.
Was daraus für die Lektüre folgt
Der Inhalt ist zeitgebunden, die Ordnung nicht. Dass Hegel Klimazonen und Temperamente behandelt, hängt an der Anthropologie seiner Zeit; dass er sie als Allgemeines, Besonderes und Einzelnes ordnet, hängt an der Logik.
Und die Ordnung entscheidet über den Inhalt. Eine Naturbestimmtheit, die an zweiter Stelle steht, ist dem Begriff nach dasjenige, was besondert und überwunden wird. Wer sie zum Maßstab macht, hat die Reihe angehalten, wo sie weitergeht.
Das ist kein Argument, das man Hegel leiht — es ist die Form seines Textes. [KF]
Zu den Naturbestimmtheiten: Dieser Abschnitt enthält Hegels Aussagen über Menschenrassen und Völkercharaktere, und an ihnen entzündet sich die Lektüre regelmäßig. Die Frage ist nur, was man prüft.
Hegel sagt es selbst, im selben Abschnitt. Der Zusatz zu § 393, in dem die Rassenverschiedenheit behandelt wird, enthält den Satz, der die Frage entscheidet:
„Aus der Abstammung kann aber kein Grund für die Berechtigung oder Nichtberechtigung der Menschen zur Freiheit und zur Herrschaft geschöpft werden. Der Mensch ist an sich vernünftig; darin liegt die Möglichkeit der Gleichheit des Rechtes aller Menschen, — die Nichtigkeit einer starren Unterscheidung in berechtigte und rechtlose Menschengattungen.“
Und er sagt, wogegen sich das richtet: Man habe der Frage nach der Abstammung Wichtigkeit beigelegt, „weil man durch die Annahme einer Abstammung von mehreren Paaren die geistige Überlegenheit der einen Menschengattung über die andere erklären zu können glaubte, ja zu beweisen hoffte, die Menschen seien ihren geistigen Fähigkeiten nach von Natur so verschieden, daß einige wie Tiere beherrscht werden dürften“.
Das ist die Polygenismus-Debatte seiner Zeit — dieselbe, mit der in den Vereinigten Staaten die Sklaverei begründet wurde. Hegel weist sie ab, und zwar nicht empirisch, sondern grundsätzlich: Die historische Frage gehe die Philosophie gar nichts an, weil aus der Abstammung ohnehin nichts folgt.[5]
Die logische Stellung bestätigt das. Hegel behandelt die Naturbestimmtheiten als das, was der Geist an sich hat, bevor er sich zu sich verhält — also als dasjenige, was überwunden wird und deshalb kein Maßstab ist. Der ganze Gang der Anthropologie besteht darin, dass die Seele sich von ihren Naturbestimmtheiten löst; wäre die Naturbestimmtheit der Maßstab, hätte der Abschnitt keinen Fortgang.
Dieselbe Konsequenz zieht er in der politischen Philosophie, wo er die Gleichbehandlung aus dem Begriff der Person begründet — ausdrücklich auch für die Juden, gegen die Mehrheitsmeinung seiner Zeit. Und in der Weltgeschichte, wo der Gang auf die Freiheit aller hinausläuft und nicht auf die Überlegenheit eines Volkes.
Wie kommt er dann zu Einzelaussagen, die dem entgegenstehen? Drei Gründe, die sich unterscheiden lassen.
Erstens ein Anachronismus auf unserer Seite. Die Rede von Rassen und Völkern war um 1820 erheblich unbelasteter als heute; wer die Urteile und Tabus des zwanzigsten Jahrhunderts als Maßstab anlegt, liest etwas in den Text hinein, was ihm nicht zugehört.
Zweitens eine Rettung der Phänomene ohne Rücksicht auf Schicklichkeit. Hegel referiert, was berichtet wird, und ordnet es — gerade weil er weiß, dass es für den Wert des Menschen keinen Unterschied macht. Wo das feststeht, muss man beim Beschreiben nichts glätten. Die Vorsicht, die wir heute an dieser Stelle verlangen, setzt voraus, dass die Grundfrage strittig ist; bei ihm ist sie es nicht.
Drittens ein zu großes Vertrauen in die Empirie. Seine Quellen sind Berichte von Entdeckern, Missionaren und Reisenden — dieselbe Art von Quellenlage wie in der Naturphilosophie, nur ungleich schlechter. Das ist derselbe Fehlertyp wie beim Wärmestoff: Er nimmt den Stand der Berichte für den Stand der Sache.
Was daraus für die Lektüre folgt: Die Einzelaussagen sind zu prüfen wie jede andere empirische Behauptung des Bandes — und sie fallen, wo ihre Quellen fielen. Die logische Stellung ist davon unberührt, und sie ist das Gegenteil dessen, was man ihm unterstellt.
Und die übliche Verlegenheitslösung trägt nicht. In Lehrbüchern liest man regelmäßig, Hegel sei ein großer Philosoph gewesen, aber ein Rassist; seine Dialektik sei ein bewundernswertes Denkwerkzeug, aber ihre Ergebnisse über Afrika seien inakzeptabel. Peter-Anton von Arnim hat gefragt, was diese Trennung wert ist: Lässt sich in der Philosophie Methode von Ergebnis trennen? Hegel selbst hätte sich einer solchen künstlichen Scheidung heftig widersetzt.
Die Alternative ist nicht, ihn freizusprechen, sondern nachzusehen, was er geschrieben hat — und dann steht in § 393 das Gegenteil dessen, was die Trennung unterstellt. Wer die Methode retten will, indem er die Ergebnisse preisgibt, hat die Ergebnisse nicht geprüft. [KF]
Stederoth, a. a. O., S. 160 ff. und Tabelle 2. Die Spalten stehen für die Enzyklopädie von 1817 (E1), die Nachschriften Hotho 1822 und Griesheim/Kehler 1825, die zweite Auflage mit Erdmanns Nachschrift und die dritte Auflage. ↩︎
Vorlesungen über die Philosophie des Geistes. Berlin 1827/1828, Nachschrift Erdmann, zur Anthropologie (zu § 396). ↩︎
Vorlesungen über die Philosophie des subjektiven Geistes, Nachschrift Griesheim, Kolleg 1825 (Gr 66 f.); die Einordnung nach Hotho (Ho 36). Ausgewertet bei Stederoth, a. a. O., S. 110–113. ↩︎
Die Vorlesungen von 1822 und 1825 zitieren die Paragraphen der ersten Auflage (Heidelberg 1817). Die Anthropologie steht dort als §§ 308–328, was den §§ 388–412 der dritten Auflage entspricht. ↩︎
Enzyklopädie § 393 Zus. (TWA 10, S. 61 f.). Peter-Anton von Arnim hat die Stelle und ihren Zusammenhang in Hegel contre le racisme ausgeführt — gegen die Lehrbuchmeinung, die Hegels Dialektik von ihren angeblichen Ergebnissen trennen will. ↩︎