Kommentar zum subjektiven Geist, Kapitel 23
Der Vorzug der Buchstabenschrift — ein Argument, das man prüfen kann
Die Kollegien behandeln ausführlich, was der Druck knapp abtut: das Verhältnis von Tonsprache und Schriftsprache, mit den Chinesen und den Hieroglyphen als Gegenbeispiel.
Hegels Einwand ist nicht ästhetisch, sondern strukturell:
„Es fehlt um der hieroglyfischen Schriftsprache Willen der chinesischen Tonsprache an der objektiven Bestimmtheit, welche in der Artikulazion durch die Buchstabenschrift gewonnen wird.“[1]
Die Schrift bildet die gesprochene Sprache. Wer Laute schreibt, muss sie unterscheiden; wer Bedeutungen schreibt, muss es nicht — und die Sprache bleibt ärmer an Artikulation.
Und daraus die Folgerung für die Bildung: „Lesen und Schreibenlernen einer Buchstabenschrift ist für ein nicht genug geschätztes, unendliches Bildungsmittel zu achten, indem es den Geist von dem Sinnlich-Konkreten zu der Aufmerksamkeit auf das Formelle [führt].“
Das systematische Argument trägt. Die alphabetische Schrift ist, wie Stederoth es nennt, ein Zeichen des Zeichens: Sie bezeichnet nicht die Sache, sondern das sprachliche Zeichen für die Sache. Damit ist sie dem Zeichencharakter der Sprache angemessener — und praktisch flexibler, weil sie Bedeutungsänderungen mitmacht, ohne dass neue Zeichen nötig würden.
Zwei Einschränkungen sind aber zu machen.
Die erste betrifft die Sprache. Hegels Schluss, die Hieroglyphenschrift widerspreche „dem Grundbedürfnisse der Sprache überhaupt“, gilt nur, wenn man Sprache auf ihren Zeichencharakter reduziert — und damit ausschließt, dass sie auch bildlich oder symbolisch organisiert sein kann. Momente des Bildlichen sind in jeder Sprache anzutreffen; Hegel selbst hatte sie bei der Lautmalerei zugestanden und dann abgewertet.
Die zweite betrifft den Befund. Die chinesische Schrift ist nicht, was Hegel annimmt. Etwa 95 Prozent ihrer Zeichen sind determinative Phonetika — Verbindungen aus einem Bedeutungsträger und einem Lautzeichen.[2] Sie bildet also beides ab, und zwar in derselben Einheit.
Damit fällt das Beispiel, nicht das Argument. Dass eine Schrift, die Laute bezeichnet, etwas anderes leistet als eine, die Bedeutungen bezeichnet, bleibt richtig. Dass die chinesische zur zweiten Sorte gehört, ist falsch — und Hegel hat es nicht wissen können, weil die Einteilung der Zeichentypen erst im 20. Jahrhundert in Europa bekannt wurde.
Was bleibt, ist der Gedanke, dass die Schrift auf die Sprache zurückwirkt und dass das Erlernen einer Lautschrift zur Abstraktion erzieht.
Hegel gegen Leibniz: Beiläufig verwirft er die Idee einer allgemeinen Begriffsschrift für den Verkehr der Gelehrten — „Leibnitz hat sich durch seinen Verstand verführen lassen“. Bemerkenswert daran ist, dass Hegel den Gedanken kennt und ihn nicht für nützlich, sondern für rückschrittlich hält: Eine Schrift, die an den Bedeutungen hängt, bleibt hinter einer zurück, die an den Lauten hängt. [KF]
Das mechanische Gedächtnis wird ebenso genau bestimmt — und Hegel verteidigt es gegen den Verdacht, es sei bloße Abrichtung: „In dem mechanischen Gedächtniß mache ich mich selbst zu einem Seienden, mache mich selbst zu einem äußerlich Anschauenden […] Es ist eine Reihe vorstellungsloser Zeichen.“
Was hier geschieht, ist die äußerste Entäußerung: Der Geist macht sich selbst zur Sache, an der nichts mehr vorzustellen ist. Und genau von da geht es zum Denken — das Kolleg sagt es ausdrücklich: „das Gedächtniß ist ein Punkt im Fortschreiten des Geistes, und seine Wichtigkeit ist es, daß es den Punkt ausmacht, von wo der Geist zum Denken übertritt.“ [KF]
Das Denken (§§ 465–468) — die Intelligenz erkennt, dass das Allgemeine, das sie im Gegenstand findet, ihr eigenes ist.
Was den Übergang treibt: In der Anschauung ist der Inhalt vorgefunden, in der Vorstellung ist er innerlich geworden, aber noch als ein Dieses; im Denken ist er allgemein — und damit ist der Schein des Findens getilgt.
Und Erdmanns Nachschrift nennt die Gegenbewegung, die der Druck nicht hat. Der theoretische Geist ist nicht nur Aneignung:
„Die Intelligenz als Vernunft geht an die Welt […] Der Gang der Intelligenz war bisher, das Unmittelbare, Äußerliche als das Ihrige zu setzen, aber ebenso ist sie die umgekehrte Richtung.“[3]
Und der Übergang zum Denken wird entsprechend bestimmt: „Damit diese Einheit — die Vernunft — vollkommen zustandekommt, ist die andere Seite, daß sich die Intelligenz als objektiv setze […] daß sie in dieser Innerlichkeit an ihr selbst schlechthin das Entgegengesetzte, das Objektive sei.“
Zwei Richtungen, nicht eine. Die Intelligenz macht das Äußere zum Ihrigen — und setzt sich selbst als objektiv. Erst beides zusammen ergibt die Vernunft.
Damit ist auch die Rolle des Zeichens geklärt: Es ist der Ort, an dem die Intelligenz sich objektiv setzt — sie bringt etwas hervor, das ihr gegenübersteht und doch ihres ist. Was im Druck als Stufe der Vorstellung erscheint, ist der Punkt, an dem die zweite Richtung einsetzt. [KF]
Vorlesungen über die Philosophie des subjektiven Geistes, Nachschrift Stolzenberg, zu § 459 (= § 454 der zweiten Auflage): GW 25.2. ↩︎
Zur Einteilung der chinesischen Zeichentypen Joseph Needham, nach Stederoth, a. a. O., S. 363, Anm. Die sechs Typen reichen von Piktogrammen bis zu den determinativen Phonetika, die den weitaus größten Teil ausmachen. ↩︎
Vorlesungen über die Philosophie des Geistes. Berlin 1827/1828, Nachschrift Erdmann (221,84–99). ↩︎