Kommentar zum subjektiven Geist, Kapitel 28

Parallelen zur Logik — und wie weit sie tragen

Es liegt nahe, die drei Teile des subjektiven Geistes den drei Teilen der Logik zuzuordnen, und die Zuordnung leuchtet zunächst ein:

Logik Subjektiver Geist Was beide gemeinsam haben
Sein Anthropologie das Unmittelbare, Vorgefundene
Wesen Phänomenologie die Reflexion, das Verhältnis zu einem Anderen
Begriff Psychologie die Selbstbestimmung

Die Parallele trägt in der Mitte am besten. Was die Wesenslogik untersucht — das Verhältnis von Innerem und Äußerem, von Wesen und Erscheinung — ist genau das, was das Bewusstsein umtreibt: Es hat einen Gegenstand gegenüber und hält für dessen Eigenschaft, was seine eigene Verfassung ist (§ 415).

Auch die erste Zuordnung hält: Die natürliche Seele hat ihre Bestimmtheiten, wie das Sein seine Qualitäten hat — unmittelbar, vorgefunden, ohne Verhältnis zu sich.

Eine zweite Parallele, die weiter reicht, führt über die Idee. Am Ende der Logik steht die Idee des Lebens, dann das Erkennen — theoretisch und praktisch —, dann die absolute Idee. Und dieselbe Reihe findet sich im Geist: Die Anthropologie beginnt beim Leben (§ 388: „Der Geist ist als die Wahrheit der Natur geworden“), die Psychologie entwickelt theoretischen und praktischen Geist, und der absolute Geist entspricht der absoluten Idee.

Woran beide Parallelen scheitern. Die Phänomenologie hat in dieser zweiten Reihe keinen Ort — zwischen der Idee des Lebens und dem Erkennen steht in der Logik nichts, was der Anerkennung entspräche. Und in der ersten Reihe fehlt umgekehrt, was in der Logik zwischen Wesen und Begriff liegt: die Wirklichkeit, die Substanz, die Wechselwirkung.

Wie damit umzugehen ist. Hegel selbst behauptet nirgends eine Eins-zu-eins-Beziehung, und er hat gute Gründe dafür. Die Logik entwickelt Formen, in denen überhaupt zu einem Gegenstand gestanden werden kann — und solche Formen tauchen an verschiedenen Stellen des Systems auf, wo sie passen. Es können auch mehrere Perspektiven zugleich passen.

Die Parallelen sind also heuristisch. Sie helfen, eine Stelle einzuordnen, und sie führen in die Irre, sobald man aus ihnen ableitet, was an einer Stelle stehen müsste. Wer aus der Wesenslogik folgert, die Phänomenologie müsse eine Wirklichkeitslehre enthalten, hat ein Werkzeug für einen Beweis genommen.

Eine Parallele, die den Prüfsatz besteht, führt vom theoretischen Geist zum absoluten — und Hegel selbst legt sie an, mit Paragraphen:

Theoretischer Geist Absoluter Geist
Anschauung (§§ 446–450) Kunst — „die konkrete Anschauung und Vorstellung des an sich absoluten Geistes“ (§ 556)
Vorstellung (§§ 451–464) Religion — der absolute Geist „zunächst für das subjektive Wissen der Vorstellung“ (§ 565)
Denken (§§ 465–468) Philosophie — die Wissenschaft als „die Einheit der Kunst und Religion“ (§ 572)

Das ist keine Zuordnung von außen: Hegel gebraucht dieselben Wörter und in derselben Folge. Die drei Formen, in denen der theoretische Geist zu einem Inhalt steht, kehren als die drei Weisen wieder, in denen der absolute Geist sich weiß.

Und daran zeigt sich, was die Parallelen taugen. Diese erklärt, was im Text steht — warum Kunst, Religion und Philosophie gerade in dieser Ordnung folgen. Sie fügt nichts hinzu. Eine Parallele, die dagegen aus dem Wesen der Logik ableiten wollte, was in der Phänomenologie stehen müsste, täte das Gegenteil.

Eine Ausnahme gibt es allerdings, und sie ist aufschlussreich. Die Enzyklopädie von 1830 hält die Reihenfolge Kunst — Religion — Philosophie durchgehend durch, ebenso die übrigen Darstellungen. An einer Stelle aber zählt Hegel anders, im Vorwort zur Philosophie der Weltgeschichte:

„Unter den Gestalten dieser gewußten Vereinigung steht die Religion an der Spitze […] Die zweite Gestalt der Vereinigung des Objektiven und Subjektiven im Geiste ist die Kunst: sie tritt mehr in die Wirklichkeit und Sinnlichkeit als die Religion […] Das Wahre gelangt aber nicht nur zur Vorstellung und zum Gefühl, wie in der Religion, und zur Anschauung, wie in der Kunst, sondern auch zum denkenden Geist; dadurch erhalten wir die dritte Gestalt der Vereinigung — die Philosophie“ (TWA 12, 67 f.).

Religion — Kunst — Philosophie. Und damit ändert sich auch die zugehörige Reihe des theoretischen Geistes: nicht Anschauung — Vorstellung — Denken, sondern Vorstellung — Anschauung — Denken. Hegel sagt es ausdrücklich: die Vorstellung gehört zur Religion, die Anschauung zur Kunst.

Was daraus für die Parallele folgt. Sie besteht — die drei Formen des theoretischen Geistes kehren im absoluten wieder, und Hegel gebraucht dieselben Wörter. Die Zuordnung aber ist nicht so fest, wie die Enzyklopädie sie erscheinen lässt: An einer Stelle ordnet Hegel anders zu, ohne den Unterschied zu thematisieren.

Warum er es nicht tut, lässt sich nicht entscheiden. Möglich, dass die Enzyklopädie-Fassung aus Rücksicht auf die früheren Auflagen beibehalten wurde; möglich auch, dass ihm eine so späte und so sichtbare Umarbeitung des Systems unangenehm gewesen wäre. Belegt ist nur, dass beide Reihenfolgen bei ihm vorkommen.

Das ist für die Beurteilung der Parallelen lehrreicher als ein glatter Befund. Wo Hegel selbst schwankt, ist eine Zuordnung nicht aus dem System abzuleiten — sie ist eine Entscheidung, für die es Gründe gibt, und die Gründe lassen sich prüfen.

Hösle hat dazu einen Einwand, der unabhängig davon gilt: Er hält die Abfolge Anschauung — Vorstellung — Denken für „linear und nicht-dialektisch“ — und die Zuordnung der Kunst zur bloßen Anschauung passt ohnehin schlecht, wenn man an das Drama denkt. Hegel scheint dort von der Rezeption her zu denken, nicht von der Produktion.[1]

Der Prüfsatz dafür ist derselbe wie sonst: Erklärt die Parallele, was im Text steht — oder fügt sie hinzu, was dort fehlen soll? Im ersten Fall ist sie brauchbar, im zweiten nicht. [KF]


  1. Hösle, Hegels System, S. 387 und Kap. 6.4.2, Anm. 107. Die Konsequenzen der Umstellung für das ganze System sind auf hegel-system.de (Absoluter Geist, Abschnitt 6.3) ausgeführt. ↩︎