Kommentar zu Hegel und Marx, Kapitel 12

Die erste These und der Übergang zur Idee

Die erste These ist systematisch die wichtigste:

„Der Hauptmangel alles bisherigen Materialismus (den Feuerbachschen mit eingerechnet) ist, daß der Gegenstand, die Wirklichkeit, Sinnlichkeit nur unter der Form des Objekts oder der Anschauung gefaßt wird; nicht aber als sinnlich menschliche Tätigkeit, Praxis; nicht subjektiv. Daher die tätige Seite abstrakt im Gegensatz zu dem Materialismus von dem Idealismus […] entwickelt."

Der Ausdruck „Form des Objekts" bezeichnet eine bestimmte Stelle. In Hegels Begriffslogik folgt auf den subjektiven Begriff die Objektivität — die Welt als geordnetes Ganzes, behandelt unter den Titeln Mechanismus, Chemismus und Teleologie. Diese Fassung erweist sich als unvollständig, denn sie setzt ein Denken voraus, das sie erst als Objektivität bestimmt. Der Übergang zur Idee vollzieht genau das, was Marx hier verlangt: Die Idee ist kein fertiger Gegenstand der Anschauung mehr, sondern die Bewegung, in der Subjekt und Objekt einander durchdringen — entfaltet als Idee des Lebens, des Erkennens und des Wollens.

Marx’ „sinnlich menschliche Tätigkeit" ist die Einheit von Erkennen und Wollen: nicht erst betrachten und dann handeln, sondern beides als Momente eines Vollzugs. Was Hegel als Idee des Erkennens und Wollens entwickelt, konkretisiert Marx als gesellschaftliche Praxis. Die Terminologie geht auseinander, die Struktur nicht.

Marx sagt das halb selbst. Der Idealismus habe die tätige Seite entwickelt, „aber nur abstrakt". Das ist keine Verwerfung, sondern der Vorwurf, etwas nicht weit genug getrieben zu haben — der Vorwurf eines Erben, nicht eines Gegners. Und was er kritisiert, ist Feuerbach, der hinter Hegel zurückfällt: Feuerbach hatte Hegels Vermittlungsdenken durch eine Philosophie der unmittelbaren Anschauung ersetzen wollen und war damit hinter die kritische Philosophie zurückgegangen.

Die dritte These und die Wechselwirkung

„Die materialistische Lehre von der Veränderung der Umstände und der Erziehung vergißt, daß die Umstände von den Menschen verändert und der Erzieher selbst erzogen werden muß. […] Das Zusammenfallen des Ändern[s] der Umstände und der menschlichen Tätigkeit oder Selbstveränderung kann nur als revolutionäre Praxis gefaßt und rationell verstanden werden."

Der Gegner ist hier ein mechanischer Materialismus, der die Menschen als Produkte ihrer Umstände fasst und darüber vergisst, dass die Umstände von Menschen gemacht sind. Wer so denkt, muss die Gesellschaft in zwei Teile spalten, von denen einer über ihr steht — die Erzieher, die selbst nicht erzogen sind. Marx zeigt, dass diese Spaltung aus dem Denkfehler folgt.

Das Zusammenfallen von Veränderung der Umstände und Selbstveränderung ist die Struktur, die Hegel in der Wesenslogik als Wechselwirkung entwickelt: zwei Seiten, die sich gegenseitig konstituieren, ohne dass eine die andere einseitig bestimmt. Marx nennt die bewusste Aneignung dieser Struktur revolutionäre Praxis. Der Name ist neu, die Bestimmung nicht.

Die übrigen Thesen

Die zweite These verlegt die Frage, ob dem Denken gegenständliche Wahrheit zukomme, aus der Theorie in die Praxis: dort müsse der Mensch die Wirklichkeit und Diesseitigkeit seines Denkens beweisen. Das klingt gegen Hegel gerichtet und ist es nicht. Dass das Erkennen sich im Wollen bewähren muss und dass es kein unerreichbares Jenseits des Denkens gibt, ist gegen Kant entwickelt worden, und zwar von Hegel. Marx verschiebt den Akzent auf den Ort der Bewährung. Was daraus wird, wenn man die Verschiebung zur allgemeinen Wahrheitstheorie ausbaut, behandelt Teil V.

Die sechste These ist die berühmteste: Das menschliche Wesen sei kein dem Einzelnen innewohnendes Abstraktum, sondern „in seiner Wirklichkeit das ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse". Gegen Feuerbachs stumme Gattungsallgemeinheit ist das richtig. Gegen Hegel wäre es nur richtig, wenn dieser das Wesen des Menschen abstrakt bestimmt hätte — und das tut er gerade nicht. In der Rechtsphilosophie ist die Person wirklich als Glied der Familie, der bürgerlichen Gesellschaft und des Staates; das Wesen ist in den sittlichen Verhältnissen und nirgends sonst. Marx’ Formel ist eine Übersetzung der Sittlichkeit in sozialwissenschaftliche Sprache. Was er hinzufügt, steht in der siebten These: dass diese Verhältnisse geschichtlich veränderlich sind und dass auch das abstrakte Individuum, das Feuerbach analysiert, einer bestimmten Gesellschaftsform angehört. Das ist eine Historisierung, die bei Hegel angelegt und nicht durchgeführt ist.

Die achte These sagt, alle Mysterien, die die Theorie zum Mystizismus veranlassen, fänden ihre rationelle Lösung in der menschlichen Praxis und im Begreifen dieser Praxis. Der Zusatz ist zu beachten: nicht die Praxis allein, sondern die Praxis und ihr Begreifen.

Die elfte These schließlich — die Philosophen hätten die Welt nur verschieden interpretiert, es komme aber darauf an, sie zu verändern — wird gewöhnlich als Absage an die Philosophie gelesen. Als Absage genommen, hebt sie sich selbst auf, denn sie ist eine theoretische Aussage über das Verhältnis von Theorie und Praxis. Als Forderung nach der praktischen Idee gelesen, vollzieht sie einen Übergang, den Hegel in der Begriffslogik selbst entwickelt: vom theoretischen zum praktischen Erkennen. Was Marx hinzufügt, ist der Vorwurf, die bisherige Philosophie sei bei der Interpretation stehengeblieben. Der Vorwurf trifft Hegels Anwendung. Hegel hatte die praktische Idee entwickelt und in der Rechtsphilosophie nicht durchgeführt.

Was die Thesen zeigen

Die logische Struktur der Thesen ist durchgehend hegelianisch: die tätige Seite gegen den anschauenden Materialismus, die wechselseitige Bestimmung von Umständen und Selbstveränderung, das konkrete Wesen gegen die abstrakte Gattung, die Einheit von Theorie und Praxis. Was Marx hinzufügt, ist die Betonung der Praxis als Ort der Bewährung, die Historisierung der Verhältnisse und die politische Wendung.

Was er nicht tut, ist Rechenschaft darüber ablegen. Er versteht sich als Materialisten gegen den Idealismus, während sein Materialismus die Logik voraussetzt, die er dem Idealismus zurechnet. Für die Wirkungsgeschichte ist das folgenreicher als jede einzelne These.