Kommentar zu Hegel und Marx, Kapitel 13

Was übernommen wird

Der Text beginnt programmatisch: Die Voraussetzungen seien keine willkürlichen und keine Dogmen, sondern wirkliche — die wirklichen Individuen, ihre Aktion und ihre materiellen Lebensbedingungen. Das klingt nach einem Bruch. Nur hatte auch Hegel von wirklichen Individuen gehandelt: der Person im abstrakten Recht, dem moralischen Subjekt, den Gliedern der Familie, den Bürgern der bürgerlichen Gesellschaft. Der Unterschied liegt nicht darin, dass von Individuen die Rede ist, sondern in der Bestimmung, unter der sie stehen — bei Marx die produktive Tätigkeit. Auch die findet sich bei Hegel, im System der Bedürfnisse, wo Arbeit, Produktion und Austausch behandelt werden.

Die Forderung, alle Geschichtsschreibung müsse von den natürlichen Grundlagen und ihrer Veränderung durch menschliche Aktion ausgehen, betritt ebenfalls kein neues Feld. Hegel hatte in den Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte einen Abschnitt über die geographische Grundlage der Weltgeschichte und unterscheidet dort drei Typen — Hochland, Stromtiefebene, Küstenland — und deren Wirkung auf die Lebensweise der Völker. Das Konzept stammt von Carl Ritter, Hegels Berliner Kollegen, der die Humangeographie begründet hatte, im Unterschied zu Alexander von Humboldts naturkundlicher Geographie. Ritters Geographie behandelt die Erde als Wohnstätte des Menschen. Hegels Bibliothek enthielt Ritters Werk; das Nachlassverzeichnis, das die Bände zum Verkauf anbot, weist es aus. Hegel beruft sich in den Vorlesungen nicht ausdrücklich auf ihn, aber das Konzept ist erkennbar dasselbe.

Marx und Engels fordern hier also, was Hegel getan hatte — und was Hegel seinerseits aus dem damaligen Stand der Humangeographie übernommen hatte. Auch die Stellung ist dieselbe: Bei Hegel steht der Abschnitt am Anfang, und das Wort Grundlage sagt bereits, dass etwas darauf aufruht.

Der Unterschied liegt in der Reichweite dessen, was daraus folgen soll. Bei Hegel bestimmt die geographische Grundlage die Bedingungen, unter denen Völker leben, und sie bestimmt nicht, was sie daraus machen; die weiteren Bestimmungen werden nicht aus ihr abgeleitet, sondern treten neben sie. Bei Marx und Engels wird der Anspruch weiter gefasst — die materiellen Lebensbedingungen sollen erklären, was auf ihnen entsteht. Ob dieser weitere Anspruch eingelöst wird, ist eine eigene Frage; die methodologischen Passagen, die ihn erheben, führen ihn nicht durch.

Weiter übernommen wird die Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft, und zwar ausdrücklich. Sie umfasse den gesamten materiellen Verkehr der Individuen auf einer bestimmten Stufe der Produktivkräfte und sei zu allen Zeiten mit demselben Namen bezeichnet worden. Hinzu kommt die Bestimmung, sie sei die Basis des Staates und der übrigen Superstruktur — die berühmte Metapher. Der Inhalt des Begriffs aber, Produktion, Arbeitsteilung, Austausch, Bedürfnisbefriedigung, ist derselbe wie bei Hegel.

Auch die Stufenfolge der Eigentumsformen — Stammeigentum, antikes Gemeinde- und Staatseigentum, feudales Eigentum — hat ihre Entsprechung in Hegels Gestalten der Sittlichkeit und der Abfolge der geschichtlichen Welten. Marx fasst die Stufen ökonomisch, Hegel nach dem Bewusstsein der Freiheit; die Form einer Entwicklungslogik ist dieselbe. Und die Bewegung zur Weltgeschichte, die entsteht, wenn die Abgeschlossenheit der einzelnen Nationen durch Produktion und Verkehr zerfällt, ist der Sache nach Hegels Bestimmung, wie der Zusammenhang von lokalen Kulturen zur Welt wird.

Die Kritik an den Junghegelianern

Die Kritik der drei Gegner hat eine gemeinsame Form, und sie ist hegelianisch. Feuerbach hatte die Religion als Projektion menschlicher Eigenschaften kritisiert und war beim abstrakten Gattungswesen stehengeblieben; Bauer hatte die Kritik selbst zum Prinzip erhoben; Stirner hatte die absolute Einzelheit gegen alle allgemeinen Strukturen gesetzt. In allen drei Fällen zeigt Marx, dass ein Moment isoliert und verabsolutiert wurde. Gegen Feuerbach: Das Allgemeine ist nicht abstrakte Gattung, sondern geschichtlich konkret. Gegen Bauer: Die Negation ist nicht bloße Destruktion, sondern bestimmte Negation, die etwas aufbaut. Gegen Stirner: Das Einzelne ist nicht isoliert, sondern vermittelt.

Das ist die Figur, mit der Hegel den Verstand kritisiert, der die Bestimmungen fixiert, statt sie in ihrer Vermittlung zu begreifen. Marx wendet sie auf Hegels eigene Schüler an, und sie greift.

Die Kritik an Feuerbach ist dabei die schärfste und zugleich die hegelianischste. Soweit Feuerbach Materialist sei, komme die Geschichte bei ihm nicht vor, und soweit er die Geschichte betrachte, sei er kein Materialist. Feuerbach sieht den Kirschbaum als unmittelbar gegeben und bemerkt nicht, dass er erst vor wenigen Jahrhunderten durch den Handel in diese Zone gebracht wurde. Dass man den Menschen nicht abstrakt, sondern in seiner geschichtlichen Bestimmtheit fassen muss, ist Hegels Grundeinsicht gegen die abstrakte Anthropologie der Aufklärung.

Was daraus wird

Die Deutsche Ideologie ist damit keine grundlegende Kritik an Hegel, sondern eine Übersetzung Hegelscher Kategorien in sozialwissenschaftliche Sprache, verbunden mit einer politischen Wendung. Von der Geistesgeschichte zur Produktionsgeschichte, von der begrifflichen Versöhnung zur praktischen Veränderung — der Akzent verschiebt sich, die Struktur bleibt: Entwicklungslogik, Stufenfolge, Weltgeschichte, Vermittlung von Besonderem und Allgemeinem.

Zwei Verschiebungen sind allerdings mehr als Akzente. Die eine ist die Basis-Überbau-Metapher, die aus wechselseitiger Vermittlung ein einseitiges Verursachungsverhältnis macht. Die andere ist die Bestimmung des Bewusstseins als Ausdruck der Verhältnisse. Beide gehören zu den methodologischen Passagen, und die verdienen eigene Aufmerksamkeit.