7. Allgemeines und Besonderes — eine methodische Vorbemerkung zur Analyse von Institutionen
Eine letzte Vorbemerkung, die für die Analyse der späteren Teile — insbesondere der Sittlichkeit — vorab geklärt sein muss. Wer von Familie, bürgerlicher Gesellschaft oder Staat begrifflich spricht, stößt regelmäßig auf einen Einwand, der die ganze Untersuchung in Frage stellen kann. Der Einwand lautet: Sicherlich gibt es Familien, bürgerliche Gesellschaften, Staaten — aber sie sind so verschieden, dass jede strukturelle Verallgemeinerung den konkreten Unterschieden unrecht tut. Die schwedische Sozialdemokratie funktioniert anders als der amerikanische Liberalismus; die französische Zentralverwaltung hat andere Traditionen als die deutsche Föderalstruktur; die japanische Familie ist anders organisiert als die brasilianische; die chinesische Staatlichkeit folgt einer eigenen Logik. Wie soll eine begriffliche Analyse diesen Vielfalten gerecht werden, ohne sie entweder einzuebnen oder in lauter Einzelbeschreibungen zu zerfallen?
Die Antwort liegt in einer Unterscheidung, die Hegel in seiner Logik als das Kerngeschäft des Denkens beschrieben hat: im Verschiedenen das Allgemeine zu finden und im Allgemeinen das Besondere zu sehen. Beides gehört zusammen; wer nur das eine sieht, verfehlt die Sache. Wer nur das Allgemeine sieht, verliert die konkreten Gestalten aus dem Blick, in denen das Allgemeine überhaupt erst existiert. Wer nur die Besonderheiten sieht, verliert die strukturelle Einheit, die sich trotz aller Unterschiede durchhält. Hegels Logik ist gerade die methodische Anleitung, beides zugleich zu denken — nicht als Mittelweg, sondern als das, was Hegel die “konkrete Allgemeinheit” nennt: ein Allgemeines, das nicht abstrakt neben den Besonderheiten steht, sondern sich in ihnen artikuliert und nur in ihnen wirklich ist.
Die Konsequenz für die folgende Analyse ist doppelt. Auf der einen Seite gilt: Die Besonderheiten sind real, und keine ernsthafte Beschäftigung mit einer konkreten Familie, einem konkreten Staat, einer konkreten Korporation kann von ihnen absehen. Wer verstehen will, warum die deutsche Familie anders strukturiert ist als die russische, oder warum der französische Staat anders funktioniert als der amerikanische, muss historisch, kulturell, soziologisch arbeiten. Diese Arbeit hat ihr eigenes Recht, und nichts in der folgenden Analyse soll sie ersetzen. Auf der anderen Seite aber gilt: Was trotz und durch diese Unterschiede hindurch strukturell wiederkehrt, ist nicht weniger real. Dass jede entwickelte Gesellschaft eine Form der Familie, eine Form der wirtschaftlichen Vermittlung und eine Form der politischen Allgemeinheit hervorbringt — und dass diese drei Formen aufeinander aufbauen und ineinander greifen — ist die strukturelle Einsicht, die Hegels Sittlichkeit zu fassen sucht.
Es lohnt sich, an dieser Stelle eine Beobachtung anzufügen, die jeder selbst machen kann. Während die Menschen die Besonderheiten ihrer eigenen Institutionen meist sehr präzise wahrnehmen, sehen sie oft gleichzeitig klarer, was an anderen Ländern und Kulturen strukturell eigen ist — die französische Zentralisierung, die amerikanische Marktverflechtung, die chinesische Staat-Partei-Fusion. Das Vertraute wird leicht für selbstverständlich genommen und gerät deshalb aus dem Blick. Hegel hat diese Einsicht in der Einleitung zu seiner Phänomenologie des Geistes auf eine Formel gebracht, die hier passt: “Das Bekannte überhaupt ist darum, weil es bekannt ist, nicht erkannt.” Die strukturellen Bedingungen der eigenen Lebensform sind in diesem Sinne das bekannteste und gerade deshalb das am wenigsten durchschaute Phänomen. Sie sichtbar zu machen, ist eine zentrale Leistung einer begrifflichen Analyse — und sie ist nicht zu erreichen, indem man einfach die eigenen Institutionen beschreibt, sondern indem man sie als bestimmte Konkretionen einer allgemeineren Form fasst.
Methodisch ist hier eine Klärung zur Richtung der Analyse wichtig. Die Allgemeinheit, von der hier die Rede ist, wird nicht von oben auf die Besonderheiten angewendet — etwa indem man einen abstrakten Begriff “Familie” oder “Staat” definiert und dann prüft, welche konkreten Gebilde unter ihn fallen. Sie wird vielmehr aus den Besonderheiten gewonnen: Indem wir verschiedene konkrete Familien, Staaten oder ökonomische Vermittlungsformen vergleichen, suchen wir, was an ihnen das Gemeinsame ist und warum es das Gemeinsame ist — und welche Dynamik die jeweiligen Besonderheiten miteinander verknüpft. Wenn wir dieses Allgemeine herausgearbeitet haben, hilft es uns wiederum, die Besonderheiten besser zu verstehen, weil wir nun sehen, welche strukturellen Anforderungen sie auf je verschiedene Weise erfüllen. Emmanuel Todd hat diese Methodik selbst als “empirischen Hegelianismus” charakterisiert, und sie ist in der Tat hegelianisch im strengen Sinn: konkrete Allgemeinheit ist nichts, das neben den Besonderheiten stünde, sondern das, was sich in ihrer Vergleichung als ihr inneres Verbindendes erschließt. Ein einfaches und harmloses Beispiel aus einer ganz anderen Disziplin verdeutlicht das: In der biologischen Taxonomie ist die Bestimmung “Wirbeltier” oder “Säugetier” nicht eine willkürliche Klassifikation von außen, sondern die Freilegung einer inneren Struktur — eines Skeletts, eines Organisationsplans —, die sich in den unterschiedlichsten Tierarten wiederfindet und die zugleich erklärt, warum diese Arten in bestimmter Hinsicht sich gleichen und in anderer unterscheiden. Wer einmal weiß, was ein Säugetier strukturell ist, kann diese Struktur in jeder konkreten Säugetierart wiederfinden und ihre besonderen Ausprägungen aus dem allgemeinen Bauplan heraus erklären.
Für die Analyse menschlicher Lebensformen treten zwei Dimensionen auf, in denen sich Allgemeinheit und Besonderheit darstellen. Die horizontale Dimension ist die der Geographie: verschiedene Regionen der Erde, verschiedene Klimazonen, verschiedene materielle Bedingungen erzeugen unterschiedliche Lebensformen, die sich miteinander vergleichen lassen. Es ist kein Zufall, dass Hegels Berliner Zeitgenossen Carl Ritter und Alexander von Humboldt zusammen die moderne Geographie begründet haben — Humboldt vorrangig in Bezug auf Flora, Fauna und Geologie, Ritter in Bezug auf die Menschen, die diese Geographien bewohnen und umgestalten. Die Geographie als Wissenschaft entstand in derselben intellektuellen Atmosphäre, in der Hegels Rechtsphilosophie geschrieben wurde, und sie liefert den Stoff, aus dem das Allgemeine an menschlichen Lebensformen gewonnen werden kann. Die vertikale Dimension ist die der Historie: dieselbe Region durchläuft im Laufe der Zeit verschiedene Lebensformen — von den frühen Stammesgesellschaften über die Hochkulturen, das antike Erbe, das mittelalterliche Europa, die frühe Neuzeit bis zur kapitalistischen Moderne und darüber hinaus. Auch hier zeigen sich strukturelle Wiederholungen und Unterschiede, aus denen sich das Allgemeine ablesen lässt. Beide Dimensionen — die geographische und die historische — sind notwendig, um eine konkrete Allgemeinheit menschlicher Lebensformen zu gewinnen, die nicht heimlich die Besonderheiten der eigenen Lage zur Norm erhebt.
Daraus folgt eine Faustregel für das, was kommt. Wenn die folgenden Teile von der Familie, der bürgerlichen Gesellschaft oder dem Staat sprechen, ist nicht eine bestimmte konkrete Familie, eine bestimmte historische bürgerliche Gesellschaft oder ein bestimmter aktueller Staat gemeint. Gemeint sind die strukturellen Bestimmungen, die in jeder konkreten Gestalt auftreten, wenn auch in jeweils unterschiedlicher Konkretion. Das ist keine Reduktion der Vielfalt auf einen Einheitstyp, sondern die Freilegung dessen, was die Vielfalt überhaupt erst zur Vielfalt von etwas macht. Eine Familie ist nicht beliebig, was Menschen “Familie” nennen; sie hat strukturelle Bestimmungen, ohne die das Wort sich nicht halten ließe. Dasselbe gilt für die bürgerliche Gesellschaft und den Staat. Diese strukturellen Bestimmungen freizulegen, ist die Aufgabe; ihre konkreten Ausprägungen zu beschreiben, gehört dann der historischen, soziologischen und politischen Analyse, die auf der begrifflichen aufsetzt.