Adornos Ausgangslage: Die doppelte Katastrophe
Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band II, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.
Adornos Philosophie reagiert auf zwei historische Erfahrungen, deren Gewicht nicht unterschätzt werden darf. Die erste ist Auschwitz: die industrielle Vernichtung der europäischen Juden durch ein Land, das sich als Erbe der Aufklärung, der Reformation, der klassischen deutschen Philosophie verstand. Die zweite ist der Stalinismus: die Verkehrung der marxistischen Befreiungstheorie in ein System totaler Kontrolle. Beide Erfahrungen stellen die Frage, ob die Vernunft selbst an ihrer eigenen Perversion beteiligt ist — ob Aufklärung in Mythos umschlägt, ob Befreiung in Herrschaft.
Diese Frage ist philosophisch legitim. Sie muss gestellt werden. Und sie muss so gestellt werden, dass die Antwort nicht billiger Trost ist. Adornos Verdienst ist, diese Frage mit einer Unerbittlichkeit gestellt zu haben, die den intellektuellen Komfort verweigert. Darin liegt seine Größe, und darin liegt der Grund, warum seine Philosophie auch dort ernst genommen werden muss, wo sie in die Irre führt.
Aber die Frage, wie Adorno sie beantwortet — welche philosophischen Mittel er verwendet, welche Traditionen er aufnimmt, welche Voraussetzungen er macht —, ist von der Berechtigung der Frage selbst zu unterscheiden. Die Legitimität der Frage garantiert nicht die Richtigkeit der Antwort. Und es ist die Antwort, nicht die Frage, die hier zur Untersuchung steht.
—