Die zweite Schicht: Heideggers Erbe — Der Angriff von oben

Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band II, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.

Was Adorno von Heidegger übernimmt

Die Übernahme heideggerianischer Motive ist bei Adorno schwerer zu erkennen, weil Adorno sich als entschiedener Gegner Heideggers verstand. Der Jargon der Eigentlichkeit (1964) ist eine scharfe Polemik gegen die existentialontologische Sprache; die Negative Dialektik enthält ausführliche Auseinandersetzungen mit Heidegger, in denen Adorno dessen „Sein“ als leere Abstraktion, dessen Sprache als Pseudokonkretheit, dessen Politik als kompromittiert kritisiert. Diese Kritik ist in vielen Einzelpunkten berechtigt.

Aber unter der polemischen Oberfläche liegt eine tiefere Gemeinsamkeit, die Adornos Polemik gerade verdeckt. Heideggers philosophische Grunddiagnose lautet: Das begriffliche Denken verfehlt das Sein, weil es das Sein zu Seiendem macht — zu bestimmbaren, klassifizierbaren, beherrschbaren Objekten. Das Wesentliche zeigt sich nicht im begrifflichen Zugriff, sondern im Entzug. Das Sein „west“, es „lichtet sich“, es „verbirgt sich“ — es lässt sich nicht auf Definitionen bringen. Die Methode, die dieser Diagnose entspricht, ist nicht die begriffliche Bestimmung, sondern das „Lassen“ — die „Gelassenheit“, die das Sein sein lässt, statt es dialektisch zu durchdringen.[1]

Die berechtigte Intuition hinter dieser Diagnose ist, wie Band I gezeigt hat, die Einsicht in die Irreduzibilität von Faktizität, Endlichkeit und Kontingenz. Es gibt ein „Dass“, das dem „Was“ vorausgeht; die bloße Existenz lässt sich nicht vollständig in Begriffe auflösen. Die systematische Grenze liegt darin, dass Heideggers Destruktion der Metaphysik eine Leerstelle hinterlässt, die nicht gefüllt wird. Die Rede vom „Sein“, das „west“ und „sich entzieht“, sind Metaphern, keine begrifflichen Bestimmungen. Eine Philosophie, die nur noch andeutet und evoziert, hat ihre wissenschaftliche Funktion aufgegeben.[2]

Adorno übernimmt von Heidegger die Grundstruktur dieser Diagnose — und er übernimmt sie tiefer, als die polemische Oberfläche vermuten lässt. Das „Nichtidentische“ ist die adornosche Version von Heideggers „Sein“: das, was sich dem Begriff entzieht, was im identifizierenden Denken nicht aufgeht, was als Rest, Überschuss, Residuum zurückbleibt. Die „Konstellation“ — Adornos methodische Alternative zum definierenden Denken — ist die adornosche Version von Heideggers „Gelassenheit“: ein Denken, das nicht zugreift, sondern umkreist, das nicht subsumiert, sondern beleuchtet, das nicht identifiziert, sondern Differenzen aufzeigt.

Der Unterschied liegt in der Bewertung, nicht in der Struktur. Heidegger bejaht den Entzug: Das Sein zeigt sich gerade, indem es sich verbirgt, und diese Verbergung ist nicht Mangel, sondern Reichtum. Adorno verneint ihn: Das Nichtidentische ist das, was leidet, was unterdrückt wird, was zu seinem Recht kommen sollte, aber nicht kann. Heidegger ist — in der scharfen Formulierung, die auf Günter Rohrmoser zurückgeht — der positive Ontologe; Adorno der negative. Aber „positiv“ und „negativ“ sind hier nur die Vorzeichen vor derselben Gleichung: In beiden Fällen ist das Wesentliche das, was sich dem Begriff entzieht.[3]

Was daraus folgt: Das Verbot der begrifflichen Schließung

Die Konsequenz der heideggerianischen Schicht in Adornos Denken ist ein generelles Misstrauen gegen begriffliche Abschlüsse. Jeder definitorische Akt — „X ist Y“ — ist Gewalt, weil er das Nichtidentische zum Verschwinden bringt, weil er das an der Sache, was nicht in den Begriff eingeht, unterdrückt. Das Denken darf nicht identifizieren, nicht subsumieren, nicht abschließen. Es muss offen bleiben, es muss die Differenz aufrechterhalten, es muss das Nichtidentische „retten“.

Die methodische Konsequenz ist die „Konstellation“: Statt zu definieren, soll man Begriffe um die Sache herum gruppieren, sie aus verschiedenen Perspektiven beleuchten, ihre Widersprüche zeigen, ohne sie aufzulösen. Das Denken wird zum Umkreisen, und das Umkreisen wird programmatisch: Nicht trotz, sondern wegen seiner Unabschließbarkeit ist es das angemessene Verfahren.

Auch hier reproduziert sich die Leerstelle, die Band I bei Heidegger diagnostiziert hat. Die Negative Dialektik destruiert das identifizierende Denken, aber sie kann nicht angeben, was an seine Stelle treten soll. Die „Konstellation“ bleibt programmatisch — ein Versprechen, keine eingelöste Methode. Adornos materialen Analysen (Kulturindustrie, Musiksoziologie) funktionieren gerade dort, wo sie identifizieren, subsumieren, bestimmen — also dort, wo sie gegen das eigene Programm verstoßen.

Die Verdopplung: Nietzsche und Heidegger zusammen

Die eigentliche Pointe liegt nicht in den beiden Schichten einzeln, sondern in ihrer Kombination. Von Nietzsche hat Adorno gelernt: Jede positive Bestimmung ist verdächtig, weil sie Interessen dient, Macht verdeckt, Herrschaft rationalisiert. Also: keine positiven Bestimmungen. Von Heidegger hat Adorno gelernt: Jeder Begriff verfehlt die Sache, weil er identifiziert, wo Differenz herrscht, weil er schließt, wo Offenheit nötig wäre. Also: keine Begriffe, die abschließen.

Zusammen ergeben die beiden Verbote die adornosche Aporie: Man darf weder positiv bestimmen (weil das ideologisch ist) noch begrifflich abschließen (weil das gewalttätig ist). Was bleibt, ist die negative Geste — das Aufzeigen des Verfehlten, ohne zu sagen, was das Richtige wäre. Das ist die „Negative Dialektik“: nicht eine Dialektik ohne Positives, sondern eine Dialektik unter doppeltem Verbot — die Synthese zweier Denkverbote, die zusammen das Denken selbst zum Problem machen.

Diese Verdopplung erklärt, was an Adornos Texten so eigentümlich schwierig ist. Sie sind nicht schwierig, weil sie tiefe Gedanken in schwerer Sprache ausdrücken — mancher tiefe Gedanke lässt sich klar sagen. Sie sind schwierig, weil sie zwei sich gegenseitig verstärkende Verbote befolgen: kein positives Urteil und keine begriffliche Bestimmung. Was übrig bleibt, ist eine Prosa, die ständig etwas meint, ohne es sagen zu dürfen — die auf etwas zeigt, das sie nicht benennen kann — die Wahrheitsanspruch erhebt, aber die Mittel seiner Einlösung programmatisch verweigert. Die Kombination von Heideggers Seins-Pathos (ins Negative gewendet) und Nietzsches aphoristischem Gestus erzeugt jene eigentümliche Adorno-Prosa, die gleichzeitig dunkel-bedeutsam und inhaltlich repetitiv ist: Man hat den Eindruck unendlicher Tiefe, weil die Sprache ständig über sich hinausweist — auf ein „Nichtidentisches“, ein „Anderes“, ein „Mehr“ — aber wenn man fragt, was dieses Mehr ist, kommt immer nur die negative Antwort: nicht das, was ist.

Die Verdopplung erklärt auch, warum Adornos verschiedene Begriffe — „Immanenz“, „Totalität“, „Identität“, „System“, „Integration“, „Verblendungszusammenhang“ — bei aller unterschiedlichen Herkunft eine Familienähnlichkeit haben, die manchmal an Austauschbarkeit grenzt. Sie alle bezeichnen, aus jeweils anderer Richtung, denselben Grundvorwurf: dass die Wirklichkeit, so wie sie ist, das Wesentliche verfehlt. Die Begriffe variieren die Perspektive, aber sie kreisen um denselben Punkt, weil die doppelte Blockade nur diesen einen Punkt zulässt: die Negation des Bestehenden, ohne Angabe einer Alternative.


  1. Martin Heidegger, Sein und Zeit (1927), zur Grunddiagnose der „Seinsvergessenheit“; ders., Gelassenheit (1959), zur methodischen Konsequenz des „Lassens“. Vgl. zur systematischen Analyse Martin Heidegger - Die Destruktion der abendländischen Metaphysik. ↩︎

  2. Zur Kritik an Heideggers konstruktiver Leerstelle vgl. Martin Heidegger - Die Destruktion der abendländischen Metaphysik und Integration oder Widerspruch? - Die offene Frage. ↩︎

  3. Die Formulierung „positiver“ und „negativer“ Ontologe geht auf Günter Rohrmoser zurück. Rohrmoser sieht die Identität beider Positionen in der Beziehungslosigkeit zur geschichtlichen Wirklichkeit: „Das andächtige, dem Sein die Stätte einer neuen Präsenz bereitende Denken“ verhalte sich zur Wirklichkeit „genauso vermittlungs- und beziehungslos wie die Möglichkeit der Utopie bei Adorno zu dem, was ist.“ Vgl. auch Hartmut Scheible und Manfred Riedel, die diese Parallele unabhängig voneinander bestätigt haben. ↩︎