Willard Van Orman Quine - Die Zerstörung des Empirismus (1951)

Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band II, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.

Die zwei Dogmen und ihre Kritik

Willard Van Orman Quine (1908-2000) war kein Hegelianer - er war Logiker, Empirist, Naturalist. Aber sein Aufsatz „Two Dogmas of Empiricism“ (1951) zerstörte die Grundlagen des logischen Empirismus und eröffnete damit Möglichkeiten, die Quine selbst nicht intendierte.[1]

Das erste Dogma: Die analytisch-synthetische Unterscheidung

Der logische Empirismus (Carnap, Ayer) unterschied strikt zwischen analytischen Sätzen (wahr kraft Bedeutung: „Alle Junggesellen sind unverheiratet“) und synthetischen Sätzen (wahr kraft Erfahrung: „Es regnet“). Diese Unterscheidung war fundamental: Logik und Mathematik sind analytisch, Naturwissenschaft ist synthetisch, Metaphysik ist weder das eine noch das andere (also sinnlos).

Quine zeigte: Diese Unterscheidung ist nicht haltbar. Was heißt „wahr kraft Bedeutung“? Bedeutung ist nicht fix, sondern kontextabhängig. Ob „Junggeselle“ genau „unverheirateter Mann“ bedeutet, hängt von Konventionen ab, die sich ändern können. Die Grenze zwischen analytisch und synthetisch ist graduell, nicht absolut - sie hängt davon ab, was wir bereit sind zu revidieren.[2]

Das zweite Dogma: Der Reduktionismus

Der logische Empirismus nahm an, dass jeder sinnvolle Satz auf Beobachtungssätze reduzierbar ist. „Elektronen existieren“ muss übersetzbar sein in Aussagen über Beobachtungen (Nebelkammerspuren, Messungen). Was nicht reduzierbar ist, ist metaphysisch und damit sinnlos.

Quine zeigte: Reduktion ist unmöglich. Theoretische Begriffe (Elektron, Gen, Unbewusstes) sind nicht einzeln auf Beobachtungen reduzierbar. Sie haben Bedeutung nur im Kontext einer ganzen Theorie. „Elektron“ bedeutet etwas nur im Rahmen der Quantenmechanik - nicht isoliert.

Die Konsequenz: Holismus

Quines Alternative war der Holismus: Unsere Überzeugungen bilden ein Netz, nicht eine Pyramide. Keine Überzeugung ist immun gegen Revision, keine ist fundamental. Wenn Erfahrungen unsere Theorie widerlegen, können wir verschiedene Überzeugungen revidieren - es gibt keine eindeutige „richtige“ Revision.

Die unbeabsichtigte Nähe zu Hegel: Quines Holismus ist strukturell hegelianisch, auch wenn Quine das nie zugegeben hätte. Hegels Kritik am „Sinnlichen“ - der Annahme, es gebe eine unvermittelte Grundlage des Wissens - findet hier ihr analytisches Echo. Für Hegel wie für Quine gilt: Es gibt keine Fundierung, nur Vermittlung. Jede Erkenntnis setzt andere voraus, jeder Begriff ist eingebettet in ein Netz von Begriffen.[3]

Der Unterschied: Quine bleibt Naturalist - er denkt das Begriffsnetz als biologisch-evolutionär entstanden, nicht als Selbstentfaltung des Geistes. Aber die Struktur (Holismus, Vermittlung, Kontextualität) ist vergleichbar.


  1. Willard Van Orman Quine: „Two Dogmas of Empiricism“, in: Philosophical Review 60 (1951), S. 20-43. Wiederabgedruckt in: ders.: From a Logical Point of View, Cambridge/MA: Harvard University Press, 1953. ↩︎

  2. Zur analytisch-synthetischen Unterscheidung und ihrer Kritik vgl. Paul Boghossian: „Analyticity Reconsidered“, in: Noûs 30 (1996), S. 360-391. ↩︎

  3. Zur Verbindung Quine-Hegel vgl. Robert Brandom: „Holism and Idealism in Hegel’s Phenomenology“, in: ders.: Tales of the Mighty Dead, Cambridge/MA: Harvard University Press, 2002, S. 178-234. ↩︎