Der späte Wittgenstein und das Regelfolgen-Problem

Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band II, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.

Von der Logik zur Praxis

Ludwig Wittgensteins „Philosophische Untersuchungen“ (posthum 1953) hatten bereits in Der späte Wittgenstein als systematische Antwort auf das Scheitern des Wiener Kreises eine Rolle gespielt. Aber ihre volle Wirkung entfaltete sich erst in den 1970er und 1980er Jahren - besonders durch Kripkes Interpretation „Wittgenstein on Rules and Private Language“ (1982).[1]

Das Regelfolgen-Problem: Wie kann ich sicher sein, dass ich eine Regel richtig befolge? Wenn ich „Plus“ berechne (2+2=4), woher weiß ich, dass ich nicht eigentlich eine andere Regel („Quus“) befolge, die für kleine Zahlen wie „Plus“ funktioniert, aber für große Zahlen andere Ergebnisse liefert?

Kripkes Interpretation: Es gibt keine Tatsache, die festlegt, welche Regel ich befolge. Regeln sind nicht in meinem Kopf gespeichert wie Daten in einem Computer. Regelfolgen ist eine soziale Praxis - ich befolge die Regel so, wie meine Gemeinschaft sie befolgt. Bedeutung ist öffentlich, nicht privat.

Die hegelianische Wendung: Das ist Hegels Kritik am „abstrakten Ich“ - der Vorstellung, dass Bedeutung, Regeln, Denken im isolierten Individuum verankert sind. Für Hegel entsteht Bewusstsein nur in der Anerkennung durch andere; Sprache ist objektiver Geist, nicht private Vorstellung. Kripkes Wittgenstein-Interpretation macht dieselbe Pointe analytisch: Bedeutung ist sozial konstituiert.[2]

Die Pittsburgh School wird diese Einsicht systematisch entwickeln: Brandom versteht Begriffe als „soziale Praktiken des Gebens und Nehmens von Gründen“ - eine pragmatistische Reformulierung von Hegels objektivem Geist.


  1. Saul Kripke: Wittgenstein on Rules and Private Language, Cambridge/MA: Harvard University Press, 1982. ↩︎

  2. Zur hegelianischen Lesart des Regelfolgen-Problems vgl. Robert Brandom: Making It Explicit, Cambridge/MA: Harvard University Press, 1994, Kapitel 1. ↩︎