Die paradoxe Situation der Nachkriegsphilosophie in Deutschland
Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band II, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.
Während im anglo-amerikanischen Raum Hegel als geistiger Wegbereiter des Totalitarismus angeklagt wurde, vollzog sich in Deutschland selbst eine bemerkenswerte Gegenbewegung. Dies ist zunächst paradox: Ausgerechnet im Land, das den Nationalsozialismus hervorgebracht hatte, begann in den 1950er Jahren eine Rehabilitierung Hegels, die dessen liberales, aufklärerisches Erbe betonte.
Diese Bewegung war keine naive Restauration. Sie war getragen von Philosophen, die den Faschismus erlebt hatten - manche im Exil, manche in der „inneren Immigration“, alle aber konfrontiert mit der Frage: Wie konnte das geschehen? Und ihre Antwort lautete: Nicht wegen Hegel, sondern trotz Hegel. Nicht weil Deutschland zu hegelianisch war, sondern weil es zu wenig hegelianisch war.
Die zentrale Figur dieser Renaissance war Joachim Ritter. Sein Aufsatz „Hegel und die Französische Revolution“ (1957) wurde zur Gründungsurkunde einer neuen Hegel-Deutung, die bewusst gegen die totalitarismustheoretische Vereinnahmung argumentierte. Aber diese Rehabilitierung hatte ihren Preis: Sie machte aus Hegel einen konservativen Denker der bürgerlichen Moderne, der deren Widersprüche nicht überwinden, sondern nur „kompensieren“ wollte.