China: Hegel und der Marxismus

Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band III, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.

Die chinesische Hegel-Rezeption ist ein besonderer Fall.[1] In einem Land, in dem der Marxismus offizielle Staatsphilosophie ist, hat Hegel – als Marx’ “Lehrer” – einen besonderen Status. Die kompletten Werke Hegels wurden ins Chinesische übersetzt; an den Universitäten gibt es Hegel-Forschung, die teils unter marxistischen Vorzeichen steht, teils eigenständige Wege geht.

Zhang Shiying (张世英), Professor für Philosophie an der Peking-Universität, hat seit den 1950er Jahren versucht, Hegels spekulative Dialektik im Verhältnis zum dialektischen Materialismus zu klären. Seine “Einführung in Hegels Philosophie” erlebte 12 Auflagen und verkaufte über 200.000 Exemplare – eine außergewöhnliche Verbreitung für ein philosophisches Werk. Wie Lenin glaubte Zhang, dass Hegels Logik eine tiefere Reflexion auf den Materialismus bietet, als marxistische Kritiker oft anerkennen.[1:1]

Die chinesische Besonderheit: Hegel-Studien wurden während der Kulturrevolution (1966-76) fortgesetzt, als andere westliche Philosophen kritisiert wurden. Zhang formuliert es so: “Hegel war vielleicht die einzige blühende Blume der westlichen Philosophie in China vor den 1980er Jahren (seit 1949).” Diese Kontinuität hatte einen Preis – die Hegel-Rezeption musste sich als “Sinicizing Marxism” legitimieren, als Beitrag zur theoretischen Grundlage der Verbindung zwischen Marxismus und konfuzianischer Tradition.

Die früheren Generationen: He Lin (贺麟, 1902-1992) übersetzte Hegels “Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie” und die “Kleine Logik” ins Chinesische. Seine Übersetzung der “Kleinen Logik” gilt nach Yan Fus “Evolution und Ethik” als einflussreichste chinesische Übersetzung akademischer Werke überhaupt. Feng Youlan (冯友兰, 1895-1990) entwickelte eine “New Principle Learning”, die Zhu Xis realistische Konzeption von li (Prinzip) mit moderner logischer Analyse korrigieren und entwickeln sollte.

Zhang Shiying hat argumentiert, dass Hegels Dialektik Anknüpfungspunkte zur chinesischen Tradition bietet – zum Yin-Yang-Denken, zur prozessualen Metaphysik des Yijing.[2] Vergleichende Arbeiten untersuchen Hegels Sein-Nichts-Werden gegen das I-Ging’s Yin-Yang-I (Wandel). Aber die kritische Differenz bleibt: Yin-Yang ist dialektisch, aber nicht in Hegels Sinn. Das I-Ging demonstriert eine “Dialektik der wandellosen Wandlung” – Bewegung ohne Synthese. Hegel selbst kritisierte das binäre System und die chinesischen Zeichen als “leere Formen”. Die These ist nicht, dass Hegel und die chinesische Tradition “dasselbe sagen”, sondern dass sie sich gegenseitig erhellen können.

Diese interkulturelle Perspektive ist entscheidend. Sie zeigt, dass Hegel nicht nur für den “Westen” relevant ist, sondern in verschiedenen kulturellen Kontexten rezipiert und transformiert werden kann. Die Frage ist nicht: Ist Hegel “universell”? Sondern: Wie lässt er sich in verschiedenen Traditionen fruchtbar machen?


  1. Zur chinesischen Hegel-Rezeption siehe Kai Marchal & Christian Schwermann (Hrsg.), Hegel in/and/as China/Asia, Leiden: Brill, 2023 (im Erscheinen). ↩︎ ↩︎

  2. Zhang Shiying, “On the Relationship between Hegel’s Logic and Traditional Chinese Philosophy”, in: Hegel-Studien, 35, 2000. ↩︎