Afrika: Kritik und Aneignung
Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band III, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.
Die afrikanische Hegel-Rezeption steht vor dem Problem, dass Hegel über Afrika schreckliche Dinge gesagt hat. Seine Charakterisierung Afrikas als “geschichtslos”, als unfähig zur Selbstregierung, als außerhalb der Weltgeschichte stehend, ist ein Schandfleck in seinem Werk. Für afrikanische Philosophen ist die Frage: Kann man Hegel trotzdem nutzen?
Frantz Fanon (1925-1961) lieferte die einflussreichste Antwort. In “Schwarze Haut, weiße Masken” unterschied er die koloniale Herr-Knecht-Beziehung von Hegels Dialektik. Hegels Herr sucht Anerkennung; der koloniale Herr sucht nur Arbeit. Hegels Knecht gewinnt Selbstbewusstsein durch Arbeit; der koloniale Sklave strebt danach, wie der Herr zu sein, kann durch Arbeit allein keine Befreiung finden. Fanons “tiefgreifender origineller Beitrag”: die Einführung der Rasse in die Dialektik. Während Hegel eine Subjekt-zu-Subjekt-Begegnung voraussetzte, zeigte Fanon, dass Rassenkolonialismus diese verhindert und eine Subjekt/Objekt-Spaltung einleitet. Seine Dialektik-Auseinandersetzung fundiert die Aufrufe zu Gewalt und Revolution in seinen Hauptwerken.
Achille Mbembe (geb. 1957), kamerunischer Philosoph und politischer Theoretiker, entwickelt in “Über die Postkolonie” (2001) und “Kritik der schwarzen Vernunft” Macht- und Subjektivitätsanalysen des postkolonialen Afrika. Er identifiziert die “hegelianische” koloniale Tradition, die den Eingeborenen als Tier mit Trieben aber ohne Fähigkeiten sieht. Mbembe zitiert Hegels “Philosophie der Geschichte”: “Der Neger … zeigt den natürlichen Menschen in seinem vollkommen wilden und ungezähmten Zustand” / Afrika “ist das Unhistorische, Unentwickelte Geist”. Aber Mbembe entwickelt daraus einen postkolonialen gewaltfreien Begriff von Alterität basierend auf Anerkennung gemeinsamer Existenz. Sein afrikanischer Humanismus: “Botschaft der Freude in einer großen universellen Zukunft, die allen Völkern, allen Nationen, allen Arten gerecht geöffnet ist”.
Mogobe Bernard Ramose (geb. 1947), südafrikanischer Philosoph, popularisierte Ubuntu-Philosophie international. In “Afrikanische Philosophie durch Ubuntu” (1999) und als Herausgeber von “Hegels Dämmerung” (2013) kontrastiert er Hegels Sicht Afrikas als “dunkler Kontinent außerhalb der Geschichte” mit Heinz Kimmerles interkultureller Philosophie. Ubuntu-Anerkennungstheorie: “Ein Mensch ist ein Mensch durch andere Menschen” – Affirmation der Menschlichkeit durch Anerkennung anderer. Ramose zieht Parallelen zwischen Hegels dialektischer Prozessphilosophie und Ubuntus dynamischer Natur, formuliert aber authentische afrikanische Philosophie als Gegengewicht zum westlichen philosophischen Rassismus.
Die Antworten variieren. Manche lehnen Hegel vollständig ab – sein Rassismus disqualifiziert ihn als Gesprächspartner. Andere, wie Mbembe, nutzen hegelianische Motive – Anerkennung, Negativität, Dialektik –, ohne Hegel als Autorität zu akzeptieren.[1] Die Herr-Knecht-Dialektik bleibt relevant, weil sie die Struktur kolonialer Beziehungen erhellt – aber sie muss gegen Hegel selbst gewendet werden.
Fanons Lehre: Die Anerkennung, die der Kolonisierte fordert, ist nicht die Anerkennung durch den Kolonisator, sondern die Selbstbefreiung von der kolonialen Struktur überhaupt. Das ist hegelianisch in der Form, antihegelianisch im Inhalt. Es zeigt: Hegels Begriffe können gegen Hegels eigene Positionen gewendet werden – und das ist vielleicht die produktivste Form der Rezeption.
Achille Mbembe, Critique de la raison nègre, Paris: La Découverte, 2013. ↩︎