Indien: Advaita und der Absolute Geist

Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band III, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts produzierte Indien viel philosophische Literatur nach dem Muster “Śaṁkara und X”, wobei X oft Hegel oder ein deutscher/britischer Philosoph war, der über Hegel kommentierte. Hegel und Kant waren die “meistuntersuchten” Philosophen an indischen Universitäten. Antike Systeme wurden im Licht des deutschen Idealismus interpretiert.

A.C. Mukerji lokalisierte Advaita im Zwischenraum zwischen kantischer Agnostik und hegelianischem Absolutismus. P.T. Raju und S.N.L. Shrivastava präsentierten advaitisches Denken als Erfüllung bestimmter Hegelischer Einsichten (und F.H. Bradleys). Die Parallele war offensichtlich: Hegels Absoluter Geist resoniert mit Vedantas Begriff des brahman.

Ankur Barua, zeitgenössischer Forscher, schrieb “The Absolute of Advaita and the Spirit of Hegel”[1] und untersucht, wie indische Philosophen britische Variationen hegelianischer Systeme nutzten, um in Debatten über Idealismus/Realismus einzutreten und Advaita gegen den Vorwurf des Welt-Illusionismus zu verteidigen.

Zur buddhistischen Rezeption: Nagarjuna (2. Jh.), Gründer des Madhyamaka-Buddhismus, wird häufig mit Hegel verglichen. Hegel selbst erkannte das dialektische Prinzip im Pyrrhonismus, “besser bezeugt in Nagarjuna”. Wissenschaftler vergleichen Nagarjuna mit Kant, Hegel, Hume, Wittgenstein, Derrida. Die negative Dialektik des Mittleren Weges zeigt Parallelen zu Hegels Negativität – aber Hegels Interpretation des Buddhismus als Nihilismus wird kritisiert als “zu ehrgeiziger Versuch, Religionen in ein vorbestimmtes hierarchisches Schema zu zwingen”.


  1. Ankur Barua, “The Absolute of Advaita and the Spirit of Hegel: Situating Vedānta on the Horizons of British Idealisms”, in: Journal of Indian Council of Philosophical Research, Vol. 34, 2017. ↩︎