Die konservative Antwort - Institutionen gegen Chaos
Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band II, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.
Die Bewegung des Ganzen
Die konservative Reaktion auf 1968 ist nicht nur Abwehr, sondern auch Theorie. Die Konservativen verstehen: Man kann die Revolte nicht nur polizeilich unterdrücken, man muss sie philosophisch widerlegen. Und dafür mobilisieren sie Hegel - allerdings einen anderen Hegel als die Linke.
Die zentrale These: 1968 war keine Befreiung, sondern Regression. Die Studenten verwechselten Freiheit mit Willkür, Kritik mit Zerstörung, Spontaneität mit Verantwortungslosigkeit. Was sie „Revolution“ nannten, war in Wahrheit Infantilisierung - die Weigerung, erwachsen zu werden, Institutionen anzuerkennen, Verantwortung zu übernehmen.
Arnold Gehlen - Moral und Hypermoral (1969)
Arnold Gehlen (1904-1976) ist der schärfste konservative Kritiker von 1968. Sein Buch „Moral und Hypermoral“ (1969) erscheint ein Jahr nach der Revolte und wird zur philosophischen Bibel der Konservativen.[1]
Die zentrale Unterscheidung: Gehlen unterscheidet zwischen Moral (Institutionenmoral) und Hypermoral (humanitärer Universalismus). Moral ist konkret - sie bindet Menschen an Institutionen (Familie, Beruf, Nation), gibt ihnen Orientierung, ermöglicht Verlässlichkeit. Hypermoral ist abstrakt - sie proklamiert universale Prinzipien (Menschenrechte, Weltfrieden, soziale Gerechtigkeit), aber kann sie nicht realisieren, weil sie die konkreten Institutionen zerstört, die Moral überhaupt erst ermöglichen.[2]
Die 68er als Hypermoralisten: Die Studentenbewegung ist für Gehlen Paradebeispiel für Hypermoral. Sie kritisiert alles - Kapitalismus, Imperialismus, Autoritarismus -, aber bietet keine funktionierenden Alternativen. Sie fordert Selbstverwirklichung, aber zerstört die Institutionen (Universitäten, Familie, Staat), die Selbstverwirklichung überhaupt erst ermöglichen. Das Resultat ist nicht Befreiung, sondern Anomie - Orientierungslosigkeit, Bindungslosigkeit, Haltlosigkeit.[3]
Der Hegel-Bezug: Gehlen beruft sich implizit auf Hegels Sittlichkeit. Hegel hatte gezeigt: Freiheit braucht Institutionen. Moralität allein (abstrakte Prinzipien) ist leer. Sittlichkeit (konkrete Institutionen - Familie, bürgerliche Gesellschaft, Staat) gibt der Freiheit Realität. Die 68er verwechseln Moralität mit Sittlichkeit - sie wollen abstrakte Freiheit, aber zerstören die konkreten Bedingungen, die Freiheit ermöglichen.[4]
Kritik an Gehlen: Aber Gehlens Konservatismus ist einseitig. Er sieht nur die Stabilität der Institutionen, nicht ihre Ungerechtigkeit. Hegel hatte gelehrt: Institutionen müssen sich entwickeln, wenn sie ihre eigenen Prinzipien verletzen. Die Familie des 19. Jahrhunderts (Patriarchat, Unterdrückung der Frauen) war nicht „natürliche Sittlichkeit“, sondern historische Form, die überwunden werden musste. Gehlen erstarrt Institutionen - er macht aus Hegel einen Anti-Hegelianer.
Helmut Schelsky - Die Arbeit tun die anderen (1975)
Helmut Schelsky (1912-1984) radikalisiert Gehlens Kritik. Sein Buch „Die Arbeit tun die anderen“ (1975) ist eine Polemik gegen die Neuen Klassen - Intellektuelle, Sozialarbeiter, Pädagogen, Therapeuten -, die von 1968 profitieren.[5]
Die zentrale These: Die 68er waren keine revolutionäre Bewegung, sondern Standesinteressen einer neuen Klasse. Die „kritische Intelligenz“ (Studenten, Sozialwissenschaftler, Journalisten) will nicht die Gesellschaft befreien, sondern ihre eigene Position ausbauen. Sie kritisiert „das System“, aber lebt davon - durch staatlich finanzierte Stellen (Universitäten, Sozialarbeit, Medien). Sie fordert „Emanzipation“, aber meint damit: mehr Einfluss für sich selbst.[6]
Der Sinnproduzenten-Apparat: Schelsky prägt den Begriff des „Sinnproduzenten-Apparats“ - eine neue herrschende Klasse, die nicht durch Besitz (wie die Bourgeoisie), sondern durch Deutungshoheit herrscht. Sie definiert, was „fortschrittlich“ ist, was „emanzipatorisch“ ist, was „kritisch“ ist - und exkommuniziert alle, die nicht mitmachen.[7]
Der Hegel-Bezug: Schelsky wendet Hegels Herr-Knecht-Dialektik gegen die Linke. Die 68er präsentieren sich als „Knechte“ (unterdrückt, ausgegrenzt), sind aber in Wahrheit neue „Herren“ - sie kontrollieren Universitäten, Medien, Kulturinstitutionen. Sie behaupten, für die Arbeiter zu sprechen, aber die Arbeiter wählen konservativ. Sie sind nicht Befreier, sondern neue Herrschende.[8]
Kritik an Schelsky: Schelskys Polemik ist ressentimentgeladen. Er unterstellt den 68ern zynische Motive, wo oft echte Überzeugung war. Aber er trifft einen wahren Punkt: Ein Teil der Bewegung wurde tatsächlich institutionalisiert - als „Marsch durch die Institutionen“ (Dutschke). Die Frage ist: War das Verrat - oder erfolgreiche Transformation?
Die Ritter-Schule - Verteidigung der Sittlichkeit
Die Ritter-Schule (siehe Kapitel 3) wird nach 1968 zur philosophischen Bastion des Konservatismus. Joachim Ritter hatte Hegel als Denker der Moderne interpretiert - nicht ihrer Überwindung, sondern ihrer Affirmation. Die bürgerliche Gesellschaft, der Rechtsstaat, die Institutionen sind nicht zu zerstören, sondern zu bewahren.[9]
Hermann Lübbe („Politische Philosophie in Deutschland“, 1963; „Fortschritt als Orientierungsproblem“, 1975) verteidigt die Kompensationstheorie: Moderne Gesellschaft ist notwendig arbeitsteilig, spezialisiert, funktional differenziert. Das erzeugt Entfremdung - aber diese wird kompensiert durch Kunst, Religion, Philosophie. Die 68er wollen die Entfremdung aufheben - aber das hieße, die Moderne aufheben. Das ist nicht Fortschritt, sondern Regression.[10]
Odo Marquard („Schwierigkeiten mit der Geschichtsphilosophie“, 1973) kritisiert die Geschichtsphilosophie der 68er. Sie glauben an Fortschritt, an Revolution, an das „Reich der Freiheit“. Aber diese Utopien führen zu Totalitarismus - wer das Absolute verwirklichen will, muss die Realität vergewaltigen. Die Aufgabe ist nicht, die Welt zu revolutionieren, sondern mit ihrer Unvollkommenheit zu leben.[11]
Der Hegel-Bezug: Die Ritter-Schule liest Hegel konservativ: Die Institutionen sind vernünftig, weil sie funktionieren. Das Wirkliche ist vernünftig. Die Philosophie kommt immer zu spät - sie kann nicht vorschreiben, wie die Welt sein soll, sondern nur verstehen, wie sie ist. Die 68er sind romantische Utopisten - sie wollen die Welt nach abstrakten Prinzipien umgestalten, aber verkennen die Komplexität der Realität.
Kritik an der Ritter-Schule: Aber diese Lesart macht Hegel zum Affirmationsphilosophen. Sie übersieht, dass Hegel selbst die Französische Revolution begrüßte, dass er den preußischen Staat kritisierte (wegen Zensur, Restauration), dass seine Dialektik Bewegung ist, nicht Stillstand. Die Ritter-Schule domestiziert Hegel - sie macht aus ihm einen Verteidiger des Status quo, obwohl er ein Denker der Transformation war.
Systematische Bewertung - Was ist wahr an der konservativen Kritik?
Die konservative Kritik an 1968 hat drei wahre Kerne:
Erstens: Institutionen sind notwendig. Die 68er unterschätzten, dass Freiheit Institutionen braucht. Man kann nicht einfach alle Strukturen zerstören und erwarten, dass spontane Ordnung entsteht. Hegel hatte recht: Sittlichkeit (konkrete Institutionen) ist die Bedingung der Möglichkeit von Freiheit.
Zweitens: Abstrakte Kritik ist unzureichend. Die 68er kritisierten „das System“, aber boten keine konkreten Alternativen. Wie soll eine Universität ohne Hierarchien funktionieren? Wie soll eine Wirtschaft ohne Arbeitsteilung organisiert sein? Abstrakte Negation ist leicht - konkrete Konstruktion schwer.
Drittens: Unintendierte Folgen. Die 68er wollten Befreiung, aber erzeugten teilweise neue Zwänge - political correctness, Gesinnungsterror, identitätspolitische Fragmentierung. Das ist nicht, was sie wollten - aber es geschah.
Aber: Die Konservativen übersehen die Ungerechtigkeit der bestehenden Institutionen. Familie war oft patriarchale Unterdrückung. Universitäten waren autoritär. Staat war repressiv. Die 68er hatten recht zu kritisieren - auch wenn sie falsch konstruierten. Die Aufgabe ist nicht Bewahrung (Konservative) oder Zerstörung (68er), sondern Transformation - Institutionen bewahren, aber gerechter machen.
Arnold Gehlen: Moral und Hypermoral. Eine pluralistische Ethik (1969). ↩︎
Gehlen, a.a.O., Kapitel über „Institutionenmoral“. ↩︎
Gehlen: „Die 68er Bewegung“ in: Merkur (1969). ↩︎
Zur Gehlen-Hegel-Verbindung siehe Karl-Siegbert Rehberg: „Arnold Gehlen und Hegel“ in: Hegel-Jahrbuch (1998). ↩︎
Helmut Schelsky: Die Arbeit tun die anderen. Klassenkampf und Priesterherrschaft der Intellektuellen (1975). ↩︎
Schelsky, a.a.O., Kapitel über „Sinnproduzenten“. ↩︎
Schelsky, a.a.O., S. 45-67. ↩︎
Zur Kritik an Schelsky siehe Jürgen Habermas: „Der Sinnproduzenten-Apparat als bloßer Überbau?“ in: Merkur (1976). ↩︎
Joachim Ritter: „Hegel und die Französische Revolution“ (1957), Nachwirkung in den 1970ern. ↩︎
Hermann Lübbe: Fortschritt als Orientierungsproblem (1975). ↩︎
Odo Marquard: Schwierigkeiten mit der Geschichtsphilosophie (1973). ↩︎