Die kommunitaristische Kritik: MacIntyre, Sandel, Walzer

Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band II, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.

Die Vorgeschichte: Anscombe, Foot und das Tugendethik-Revival

Bevor MacIntyre 1981 mit „After Virtue“ die große Debatte eröffnete, hatten zwei Oxford-Philosophinnen bereits die intellektuelle Arbeit geleistet: Elizabeth Anscombe (1919-2001) und Philippa Foot (1920-2010). Ohne ihre Vorarbeiten wäre MacIntyres Intervention nicht möglich gewesen.[1]

Elizabeth Anscombe – Wittgensteins Schülerin, Übersetzerin und literarische Erbin – veröffentlichte 1958 den epochalen Aufsatz „Modern Moral Philosophy“.[2] Ihre These war provokant: Die gesamte moderne Moralphilosophie seit der Aufklärung – ob kantianisch, utilitaristisch oder intuitionistisch – ist zum Scheitern verurteilt, weil sie Begriffe wie „Pflicht“, „moralisches Sollen“ und „Obligation“ verwendet, die nur in einem religiösen Kontext Sinn ergeben. Ohne einen göttlichen Gesetzgeber ist „Du sollst“ ein leerer Begriff.

Anscombes Alternative: Rückkehr zu Aristoteles. Statt nach abstrakten Pflichten zu fragen, sollte die Ethik nach menschlicher Vortrefflichkeit fragen – nach den Tugenden, die ein gutes Leben ermöglichen. Die zentrale Frage ist nicht „Was soll ich tun?“, sondern „Wie soll ich leben?“ Das erfordert eine Philosophie des Handelns und eine philosophische Psychologie – Projekte, die Anscombe selbst in „Intention“ (1957) vorantrieb.

Philippa Foot entwickelte diese Ideen über Jahrzehnte weiter. In Aufsätzen wie „Moral Beliefs“ (1958-59) und „Virtues and Vices“ (1978) argumentierte sie gegen den Emotivismus – die Auffassung, moralische Urteile seien bloße Gefühlsausdrücke – und für einen Naturalismus der Tugenden.[3] Tugenden wie Mut, Gerechtigkeit und Mäßigung sind nicht willkürliche kulturelle Konstrukte, sondern haben eine Grundlage in der menschlichen Natur: Sie sind Eigenschaften, die Menschen befähigen, als Menschen gut zu leben.

Für die Hegel-Rezeption sind Anscombe und Foot wichtig, weil sie – ohne direkt auf Hegel zu rekurrieren – hegelianische Motive wiederbelebten: die Kritik an der Leere formaler Pflichtethik, die Betonung konkreter Lebensformen, die Integration von Ethik und Anthropologie. Hegels Kritik an Kants „Moralität“ zugunsten der „Sittlichkeit“ enthält strukturell dieselbe Bewegung: von abstrakten Prinzipien zu konkreten Tugenden, von isolierten Individuen zu Gemeinschaften der Praxis.

Der Unterschied: Anscombe und Foot bleiben bei Aristoteles, nicht bei Hegel. Sie teilen Hegels Skepsis gegenüber Kant, aber nicht seinen Anspruch auf Systemgeschichte und dialektische Vermittlung. Ihr Tugendansatz ist pluralistisch, nicht totalisierend – was ihn für die analytische Tradition anschlussfähig machte.

Alasdair MacIntyre: „After Virtue“ (1981)

MacIntyre attackierte nicht nur Rawls, sondern die gesamte moderne Moralphilosophie. Seine These: Die Aufklärung hat das Projekt einer rationalen Begründung der Moral unternommen – und ist gescheitert. Was wir heute haben, sind Trümmer: moralische Begriffe, die ihren ursprünglichen Kontext verloren haben, Argumentationen, die nicht überzeugen können, ein Pluralismus, der in Wahrheit Chaos ist.

Die Alternative: Rückkehr zur aristotelischen Tradition. Tugendethik statt Prinzipienethik. Einbettung in Praktiken und Traditionen statt abstrakter Autonomie. Die Frage ist nicht: „Welche Regel soll ich befolgen?“, sondern: „Was für ein Mensch soll ich werden?“

Hegel erscheint bei MacIntyre ambivalent. Einerseits hat er die Kritik an Kant richtig gesehen – die Leere des kategorischen Imperativs, die Abstraktheit der Moralität. Andererseits hat Hegel den Staat überhöht und die kleinen Gemeinschaften (Familie, lokale Traditionen) unterschätzt. MacIntyre ist kein Hegelianer – aber er ist Hegels Verbündeter gegen Kant.

Michael Sandel: „Liberalism and the Limits of Justice“ (1982)

Sandel attackierte Rawls direkt. Seine These: Rawls’ Theorie setzt ein falsches Bild des Selbst voraus. Das „unencumbered self“ – das von allen Bindungen, Traditionen, Gemeinschaften losgelöste Selbst – ist eine Fiktion. Niemand wählt im Schleier des Nichtwissens, weil niemand je in dieser Situation war.

In Wirklichkeit sind wir immer schon eingebettet: in Familie, Kultur, Religion, Nation. Diese Einbettungen sind nicht bloß externe Umstände, von denen wir abstrahieren können. Sie konstituieren, wer wir sind. Frage nicht: „Was würde ich wählen, wenn ich nicht wüsste, wer ich bin?“, sondern: „Wer bin ich, und was folgt daraus?“

Das ist hegelianisch gedacht – auch wenn Sandel sich mehr auf Aristoteles und Heidegger beruft. Die Kritik am „unencumbered self“ ist strukturell identisch mit Hegels Kritik an Kants „abstraktem“ Subjekt. Das konkrete Subjekt ist sozial konstituiert, durch Anerkennung geformt, in Sittlichkeit eingebettet.

Michael Walzer: „Spheres of Justice“ (1983)

Walzer ging einen anderen Weg. Er akzeptierte den Pluralismus, aber kritisierte Rawls’ Universalismus. Seine These: Es gibt nicht ein Prinzip der Gerechtigkeit, sondern viele – je nach Sphäre des sozialen Lebens.

In der Sphäre der Politik gilt Gleichheit – eine Person, eine Stimme. In der Sphäre der Wirtschaft gilt Leistung – wer mehr arbeitet, verdient mehr. In der Sphäre der Familie gilt Liebe – nicht Leistung, nicht Gleichheit. In der Sphäre der Erziehung gilt Kompetenz – die besten Lehrer sollen unterrichten.

Gerechtigkeit bedeutet: Jede Sphäre hat ihre eigene Logik, und die Sphären müssen getrennt bleiben. Ungerechtigkeit entsteht, wenn die Logik einer Sphäre die andere dominiert – wenn Geld politische Macht kauft, wenn politische Macht Bildungschancen verteilt.

Das ist funktional hegelianisch – auch wenn Walzer sich auf die Tradition der plural communities beruft. Die verschiedenen „Sphären“ entsprechen Hegels verschiedenen Bereichen der Sittlichkeit (Familie, bürgerliche Gesellschaft, Staat), und die Kritik an der Übermacht einer Sphäre entspricht Hegels Kritik an der Verselbständigung einzelner Momente.


  1. Zur Geschichte der Tugendethik-Renaissance: Roger Crisp, Michael Slote (Hrsg.), Virtue Ethics, Oxford: Oxford University Press, 1997, Einleitung. ↩︎

  2. G.E.M. Anscombe, „Modern Moral Philosophy“, in: Philosophy 33 (1958), S. 1-19. Der Aufsatz wurde zum Gründungsdokument der analytischen Tugendethik. ↩︎

  3. Die wichtigsten Aufsätze gesammelt in: Philippa Foot, Virtues and Vices and Other Essays in Moral Philosophy, Oxford: Blackwell, 1978. Ihr Spätwerk: Natural Goodness, Oxford: Clarendon Press, 2001. ↩︎