Ausblick: Das Ende des westeuropäischen Euromarxismus (1989-1991)
Dieser Text ist eine Vorschau auf Geschichte der Hegelrezeption, Band II, der 2026 bei Reflexivity Press erscheint.
Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion (1991) endete der westeuropäische Marxismus als Massenbewegung. Die PCF schrumpfte (heute unter 5%), die PCI löste sich auf (wurde zur „Demokratischen Partei der Linken“), die DKP wurde bedeutungslos.
Philosophisch gab es drei Reaktionen:
1. Aufgabe des Marxismus: Viele ehemalige Marxisten (wie Colletti) wurden liberal oder konservativ. Sie sagten: Der Marxismus ist gescheitert – theoretisch und praktisch. Die Dialektik sei Sophisterei, die Revolution Illusion.
2. Transformation des Marxismus: Andere transformierten marxistische Einsichten in nicht-marxistische Theorien. Habermas hatte diesen Weg schon in den 1970ern beschritten; nach 1989 folgten viele. Sie behielten Motive (Kritik am Kapitalismus, Emanzipation), aber nicht die Methode (Klassenkampf, Revolution). Die Anerkennungstheorie (Honneth), die Diskursethik (Apel, Habermas), die deliberative Demokratie – das sind Erbschaften des Marxismus in nicht-marxistischem Gewand.
3. Fortführung des Marxismus: Eine Minderheit führte den Marxismus fort. Losurdo blieb bis zu seinem Tod (2018) Marxist und Kommunist. Seine historisch-politische Hegel-Interpretation wurde von Vieweg (ohne marxistisches Bekenntnis) weitergeführt. Die Frage nach dem Verhältnis von Hegel und Marx bleibt offen.
Unsere Position
Der westeuropäische Euromarxismus hat wichtige Einsichten hinterlassen:
- Kritik am Kapitalismus als System, nicht nur als Missstand
- Betonung der Arbeit als konstitutiv für menschliche Identität
- Analyse von Ideologie und Hegemonie
- Die Frage nach materieller Gerechtigkeit
Aber er hat auch Grenzen gezeigt:
- Vernachlässigung der individuellen Freiheit zugunsten kollektiver Emanzipation
- Verkennung der Komplexität moderner Gesellschaften
- Überschätzung der historischen Notwendigkeit
- Politische Bindung an autoritäre Bewegungen
Hegel kann helfen, diese Grenzen zu überwinden – nicht als „Rückkehr zu Hegel“, sondern als Integration: Marx’ Materialismus und Hegels Freiheitsphilosophie, Marx’ Klassenanalyse und Hegels Anerkennungstheorie, Marx’ Kritik und Hegels Systematik.
Die ostmitteleuropäische Erfahrung – die wir im folgenden Kapitel behandeln – zeigt eine andere Seite derselben Geschichte: Was passiert, wenn Philosophen nicht nur über den Marxismus nachdenken, sondern unter ihm leben und leiden mussten.
—
Übergang zu Kapitel 11a:
Die westeuropäischen Marxisten philosophierten in Freiheit über die Unfreiheit. Die ostmitteleuropäischen Philosophen – in Ungarn, Polen, der Tschechoslowakei, Jugoslawien – philosophierten unter Druck, mit existenziellem Einsatz. Ihre Erfahrung ist anders, ihre Einsichten sind anders, ihre Lehren sind anders.
Was passiert, wenn die Dialektik nicht nur Theorie ist, sondern gelebte Wirklichkeit – wenn der „Widerspruch“ nicht nur logische Kategorie ist, sondern Gefängnis, Exil, Tod? Das ist die Frage des folgenden Kapitels.